Dieses Dorf rutscht immer schneller ins Tal

Hinter Brienz GR bewegt sich der Berg, darunter der Boden. Schuld könnte der Klimawandel sein. So leben die Menschen mit der Gefahr.

Kein Schweizer Bergdorf ist derart von einem Felssturz bedroht wie Brienz im Albulatal: 85 Menschen leben hier. Foto: Isabel Pfaff

Kein Schweizer Bergdorf ist derart von einem Felssturz bedroht wie Brienz im Albulatal: 85 Menschen leben hier. Foto: Isabel Pfaff

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Der letzte Felsbrocken donnerte Ende August ins Tal. Um die hundert Tonnen, steingrau, die Einschlaglöcher im Rasen sind noch deutlich zu sehen. Ein Mann aus dem Dorf hat den Moment mit dem Handy aufgenommen, Staubwolken, dumpfes Dröhnen, dann rumpelt der Stein auf die Strasse zu, rollt drüber und bleibt nicht weit vom Spielplatz liegen. Ganz in der Nähe haben sich zwei weitere Felsbrocken in die Wiese gerammt, gleich am Ortsschild, wie zur Begrüssung.

Brienz, Kanton Graubünden: ein Bergdorf auf gut 1100 Metern Höhe, 85 Einwohner, die meisten romanischsprachig, zur Hochsaison sind hier auch noch 200 Feriengäste. Eine Kirche mit honigfarbenem Glockenturm, sogar ein Restaurant, das das ganze Jahr geöffnet hat. Und ein Berg, der rutscht.

Georgin Bonifazi zuckt mit den Schultern. «Solche Gesteinsbrocken sehen wir hier oft.» Er ist ein bulliger Mann mit grossen Händen und sanfter Stimme. Die Wiese, auf der der Felsbrocken zum Liegen gekommen ist, gehört ihm, aber das bringt ihn nicht aus der Fassung. Man müsse halt drumherum mähen, ja, aber das sei kein Vergleich zu dem Aufwand, den es kosten würde, den Stein wegzuräumen. «Das ist halt so und fertig.» Seit seiner Geburt vor 55 Jahren lebt Bonifazi in Brienz, er hat den Bauernhof der Familie übernommen, jetzt hält er Kühe in vierter Generation. Den Berg beobachtet er, seit er denken kann. Wenn ein Felsbrocken herabdonnert, erkennt er die Grösse des Steins am Klang.

Brienz GR gehört zur Gemeinde Albula. Karte: Google Maps

Doch selbst einer wie Georgin Bonifazi ist nicht mehr so gelassen wie früher. «Ich mache mir inzwischen schon grosse Sorgen.» Immer öfter reisst die Erde auf seinen Wiesen auf, schieben sich Grasflächen übereinander. Manchmal senkt sich der Boden um einen halben Meter ab – gefährlich für die Kühe, aber auch für ihn selbst oder seine Maschinen. Sein Stall, 2001 gebaut, hat in den vergangenen Jahren immer mehr Risse bekommen. Denn nicht nur der Hang über Brienz bewegt sich und schickt Felsbrocken nach unten.

Auch das Dorf ist in Bewegung. Die Platte, auf der das Dorf liegt, rutscht Richtung Tal. Sie tut das seit Jahrzehnten, doch seit etwa drei Jahren rutscht sie schneller. Bis 2000 hat sich Brienz im Jahresschnitt weniger als zehn Zentimeter bewegt. Inzwischen rutscht das Dorf mehr als einen Meter. Im Jahr. Der Hang über Brienz verschiebt sich jährlich sogar um vier Meter.


«Wenn wir noch lange darauf warten müssen, dass etwas passiert, hat es unsere Häuser zerrissen»: Landwirt Georgin Bonifazi. Foto: Isabel Pfaff

Die Folgen sind überall zu sehen: Die Strasse, die zum Dorf führt, ist an einer Stelle so oft aufgerissen, dass der Kanton sie dort nicht mehr repariert und eine unbefestigte Piste draus gemacht hat. Viele der Häuser im Dorf haben Risse, eine Garage ist zur Hälfte abgesunken, ein Stall hält sich nur noch mit Metallstützen aufrecht.

«Das ist eine beschissene Situation», sagt Georgin Bonifazi. Er sitzt an seinem Küchentisch und zeigt auf die noch hellen Holzbalken unter der Decke. Das Haus haben seine Frau und er erst vor zwei Jahren gebaut, die Genehmigung bekamen sie gerade noch rechtzeitig, bevor ein Bauverbot in Brienz verhängt wurde. Auch in ihren Betrieb haben sie in den vergangenen Jahren immer wieder investiert. Die Bonifazis halten rund 30 Mutterkühe mit ihren Kälbern, sie verkaufen das Fleisch. Jetzt läuft der Betrieb, und zwei der vier Kinder haben Interesse, ihn zu übernehmen. Georgin Bonifazi lächelt traurig. «Aber wenn das so weitergeht, gibt es bald nicht mehr viel zu übernehmen.»

Die Messpunkte im Dorf bewegen sich mehr als einen Meter pro Jahr: Risse in einer Hausfassade. Foto: Keystone

Dabei hat die bedrohte Gemeinde schon einiges versucht. Zwei steinerne Dämme fangen einen Teil der Felsen auf, die von oben kommen. Ein Tachymeter im Dorf scannt alle zwei Stunden die Felswand und dokumentiert die Veränderungen. Weil das Gerät bei Nebel aber nichts aufnehmen kann, hat die Gemeinde auch ein Radargerät aufgestellt, das die Felswand permanent überwacht. Die Informationen laufen bei einem Geologie-Büro zusammen, das die Ergebnisse für die Gemeinde auswertet und im Zweifelsfall Alarm schlägt. Seit April 2017 herrscht Bauverbot in Brienz, seit 2018 darf man die Rutschzone über dem Dorf nicht mehr betreten. Auch ein Teil der Kantonsstrasse wird überwacht: Eine Ampel schaltet auf Rot, wenn die Radaranlage Steinschläge meldet.

«Das passiert an einem normalen Tag etwa vier bis fünf Mal», sagt Daniel Albertin, «bei starkem Regen 20 bis 25 Mal.» Albertin, lichtes Haar, hellblaue Augen, ist der Präsident der Gemeinde Albula, zu der Brienz gehört. Seit ein paar Jahren versucht er, den Brienzern klarzumachen, dass sich etwas verändert hat. Dass die Steinschläge heftiger werden und dass das Dorf immer schneller rutscht. Und dass es durchaus sein kann, dass man Brienz irgendwann evakuieren muss. «Die Wahrscheinlichkeit eines Bergrutschs ist sehr gering, wirklich sehr gering», sagt Albertin. «Aber wir müssen auch auf das vorbereitet sein, womit keiner rechnet.»

Weiss von niemandem im Dorf, der weg möchte: Gemeindepräsident Daniel Albertin. Foto: Isabel Pfaff

Drei mögliche Szenarien haben Geologen für den Hang über Brienz entworfen. Szenario A ist im Grunde der heutige Stand, immer wieder werden Felsen abbrechen und auf die Kantonsstrasse zwischen Brienz und Lenz rollen. Szenario B: Ein ganzes Felspaket rutscht ab, so nennen das die Geologen und meinen bis zu vier Millionen Kubikmeter Gestein. Ein solcher Sturz würde mindestens Teile von Brienz verschütten, bei einem schnellen Abgang auch Häuser in den Nachbardörfern. Unwahrscheinlich, aber möglich ist Szenario C: Die gesamte Rutschmasse des Berges käme herunter, um die 22 Millionen Kubikmeter. Brienz und die Nachbarorte wären begraben, Häuser, Strassen, Wiesen, alles.

An diesem Tag ist von der Gefahr nichts zu spüren. Der Gemeindepräsident spaziert durch das Dorf, begrüsst einen alten Mann auf Rätoromanisch, winkt einem kleinen Mädchen, das mit seiner Mutter am Dorfbrunnen spielt. Die Sonne scheint auf die alten Bauernhäuser, in den Gärten biegen sich die Tomatenstauden. «Ich weiss von niemandem, der hier weg will», sagt Daniel Albertin.

Im Juni hat er die Evakuierungspläne für Brienz und die Nachbardörfer vorgestellt. Viele Bewohner waren überrascht davon, wie detailliert die Gemeindeleitung sich auf das Worst-Case-Szenario vorbereitet hat. Aber Panik? Nein, Panik habe er nicht gespürt, sagt Daniel Albertin. Einen Bergrutsch könne man ja dank der ständigen Überwachung um mehrere Wochen vorhersagen. «Ausserdem leben wir hier von der Hoffnung, dass sich alles wieder beruhigt.»

Wasser spielt eine grosse Rolle

Sich beruhigen? Felsmassen, die immer schneller Richtung Tal rutschen? Doch Daniel Albertin weiss, wovon er spricht. Er ist eigentlich Bauer, hat seinen Hof auf der anderen Seite des Tals. Aber fast die Hälfte seiner Zeit verbringt er mit dem Gemeindejob. Er hat sich tief in die Rutschmaterie eingearbeitet, kann stundenlang von den verschiedenen Messungen und Szenarien erzählen. Er weiss, dass es kein Schweizer Bergdorf gibt, das so gefährdet ist wie Brienz, mit zwei rutschenden Felsschollen, die sich derart schnell bewegen. Aber er weiss auch, dass es Möglichkeiten gibt, den Bergrutsch aufzuhalten.

Alles rutscht: Ein Stall hält sich nur noch mit Metallstützen aufrecht. Foto: Isabel Pfaff

Der Mann, der Brienz retten könnte, trägt ein einfaches T-Shirt, Jeans und Vollbart. Thomas Breitenmoser hat sein Auto am alten Schulhaus geparkt, gleich neben der Steinschlag-Ampel. Er verliert nicht viele Worte, holt lieber einen dicken Packen Papier aus dem Kofferraum und breitet ihn im Dorfgasthof auf dem Tisch aus: physische Karten von Brienz, Fotos von Gesteinsproben, der Berg im Profil. Breitenmoser ist Geologe, er kennt die Beschaffenheit des Bodens und der Berge in Mittelbünden, weiss, dass es in dieser Region schon immer zu Rutschungen kam. «Steile Berge, tiefe Täler, das ist ganz normal.» Was er noch nicht weiss: Warum sich die Rutschung über und unter Brienz so beschleunigt hat.

Breitenmoser zeigt auf sechs über das Dorf verstreute farbige Punkte: «Unsere Bohrstandorte.» Sein Büro untersucht im Auftrag der Gemeinde und des Kantons die Gesteinsschichten unter Brienz. Am Ende soll ein Modell der Rutschung herauskommen, eine Art Profil der Felsscholle: wie gross sie ist, wo genau sie rutscht und wo der Fels wieder kompakt und rutschfest wird.

Die Bohrmannschaft macht gerade Mittagspause, als Breitenmoser an Bohrstandort Nummer fünf die langen, schmalen Holzkästen öffnet, in denen die Arbeiter die Gesteinsproben aufbewahren. Manche der Bohrkerne sind bröselig und zerfallen, andere sind rund und fest. «Das zeigt uns, in welcher Tiefe sich die Hauptgleitfläche befindet», sagt Breitenmoser. Die Bohrungen sind fast am Ende, inzwischen ist klar: «Brienz sitzt auf einem etwa 150 Meter mächtigen Rutschkörper und bewegt sich als Ganzes talwärts.»

«Rutschtouristen» nennen sie die Leute, die ins Dorf kommen und fragen, wie das Leben hier so sei.

Breitenmosers Team untersucht aber nicht nur das Gestein. Die Geologen versuchen auch herauszufinden, welche Rolle das Wasser spielt. Denn sobald Wasser auf die Gleitfläche kommt, verliert der bewegliche Fels noch mehr an Festigkeit. Im Frühsommer haben Breitenmosers Leute oben auf der Felskante Markierstoffe in den Untergrund gegeben, um zu sehen, ob Wasser vom Berg in die Rutschung hineinfliesst und welche Wege es nimmt. Sie messen auch die Wassermenge, die aus den Quellen unten ankommt und vergleichen die Daten mit den Niederschlägen.

Am Ende, so ist die Hoffnung, kann Thomas Breitenmoser der Gemeinde eine Antwort auf die Frage geben, warum der Berg in Brienz so schnell rutscht – und wie das verhindert werden kann. Im Moment vermutet der Geologe, dass Regen und Schnee das Problem sind. Und zwar nicht die Menge, die sei über die vergangenen Jahre gleich geblieben. «Aber der Niederschlag fällt immer öfter in grossen Einzelereignissen», sagt Breitenmoser, eine Folge des Klimawandels. Wenn also Massen an schmelzendem Schnee oder Regen auf den Berg treffen, machen sie das lose Gestein zu einer Art Rutschbahn und schicken es talabwärts. Helfen könnte ein Entwässerungssystem, ein unterirdischer Tunnel etwa, der dem Gestein das Wasser entzieht.

«Denkbar ist aber auch, dass der Hang sein Gleichgewicht sucht», sagt Breitenmoser. Er zeigt auf die Albula, den Fluss unten im Tal. Dort fehlt eine Art Fuss, ein Felssockel, der die rutschende Scholle bremsen könnte – und so trägt der Fluss das Gestein einfach ab, und von oben rutscht der Berg nach. «Man könnte überlegen, das Flussbett aufzuschütten und die Albula entweder unterirdisch weiterzuführen oder umzuleiten.»

Lautlos scannt der Tachymeter die Felswand, ein paar Hundert Meter weiter surrt der Radar.

Doch erst einmal müssen die Geologen zu Ende messen, wahrscheinlich bis zum Wintereinbruch im nächsten Jahr. Landwirt Georgin Bonifazi schüttelt den Kopf. Er vertraut der Gemeinde, glaubt, dass sie grundsätzlich das Richtige tut. Doch er sagt auch: «Wenn wir noch lange darauf warten müssen, dass etwas passiert, hat es unsere Häuser zerrissen.» Er versteht nicht, warum man nicht jetzt schon kleine Schritte unternimmt. Einzelne Hänge entwässern zum Beispiel, das haben die Dorfbewohner schon Anfang des 20. Jahrhunderts gemacht. Oder den Damm an der Kantonsstrasse um ein paar Meter verlängern, damit die Steine nicht mehr links und rechts dran vorbeirollen.

Dann hätten die Brienzer vielleicht auch weniger Scherereien mit dem Rutschtourismus. So nennt Georgin Bonifazi das neu erwachte Interesse am Dorf. Täglich würden Autos auf der Kantonsstrasse halten, um den jüngsten Felsbrocken zu bewundern. Andere zerstampfen das Gras auf den Wiesen, um sich einmal den berühmten Rutschhang anzusehen. Bonifazi ärgert das. Am schlimmsten fand der Landwirt, als vier Radfahrer vor seinem Haus anhielten und ihn fragten, wie das denn so sei, in Brienz zu leben. «Ich kam mir vor wie im Zoo.»

Draussen steht die Sonne jetzt tief am Himmel. Der Hang liegt bewegungslos da, die Ampel zeigt nichts an. Lautlos scannt der Tachymeter die Felswand, ein paar Hundert Meter weiter surrt der Radar. Ein ganz normaler Tag in Brienz.

Erstellt: 02.11.2019, 18:36 Uhr

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