In eine Restschule geht niemand gerne

Wer auf dem tiefsten Oberstufen-Niveau landet, hats schwer bei der Lehrstellensuche. Aargauer Realschüler wollen ihren Schultyp abschaffen, doch die Politik stellt sich quer.

<b>Steckbrief</b><br><br>
<b>Klasse:</b> 2. Real b<br>
<b>Ort:</b> Neuenhof AG<br>
<b>Schüler:</b> 4 Schweizer, 4 Italiener, 2 Kosovo-Albaner, je 1 Bosnier, Serbe, Mazedonier und Dominikaner<br>
<b>Klassenlehrerinnen:</b> Géraldine Eliasson und Ursula Würsch<br>
<b>Letzte Schulreise:</b> Lager in Davos im Mai<br><br>
Klassenfoto auf dem Pausenplatz, aufgenommen von Mitschüler Miguel: Die 2. Real b von Neuenhof im Kanton Aargau.

Steckbrief

Klasse: 2. Real b
Ort: Neuenhof AG
Schüler: 4 Schweizer, 4 Italiener, 2 Kosovo-Albaner, je 1 Bosnier, Serbe, Mazedonier und Dominikaner
Klassenlehrerinnen: Géraldine Eliasson und Ursula Würsch
Letzte Schulreise: Lager in Davos im Mai

Klassenfoto auf dem Pausenplatz, aufgenommen von Mitschüler Miguel: Die 2. Real b von Neuenhof im Kanton Aargau. Bild: Miguel, 2. Real b

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Problem Nummer 1 zeigt ein kurzer Blick auf die Klassenliste: Die Buben heissen Arnel, Mergim, Azar, Leandro, Adriano, Leotrim, Ronjell und Miguel, die Mädchen Iva, Kristina, Burkurije, Veronica und Valeria. Niemand aus der Klasse 2rb wurde als Kind zweier Schweizer Eltern geboren. Das ist der Normalfall in Neuenhof, einer Gemeinde mit 46 Prozent Ausländeranteil, 23 S-Bahn-Minuten vom Zürcher Hauptbahnhof entfernt. Das ist der Normalfall an der Aargauer Realschule. Sogar der kantonale Bildungsdirektor teilt die Meinung, dass die Real zu einer Restschule mutiert sei.

Im Neuenhofer Schulhaus soll gar ein «Klima der Angst» herrschen, schrieb vor zwei Jahren eine Gratiszeitung: «Wegen Mobbing und Prügel in der Schule: Familie musste aus Neuenhof wegziehen». Kurz darauf titelte dasselbe Blatt, das es heute nicht mehr gibt: «Schule pervers: Weil Schüler Peter gute Noten hatte, verprügelten ihn die Klassenkameraden. Jetzt geht er in eine Privatschule. Und die IV zahlt.» Zum Glück stimmten Schlagzeilen nicht einmal zur Hälfte.

Von einer Restschul-Atmosphäre oder Angst ist nichts zu spüren beim Kaltstart der 2rb in den Dienstag. Ab 8.20 Uhr wird eine Doppelstunde lang Französisch gebüffelt. Von der ersten Minute an gehen die Hände in die Höhe, wenn Lehrerin Géraldine Eliasson in einem französisch-deutschen Mix eine Frage stellt. Manche Gymnasiumsklasse ächtet solches Engagement als Strebertum.

Die Schulsozialarbeiterin griff ein

Doch in der in der 2rb sitzen keineswegs nur Lämmchen. Auch bei den 12- bis 14-Jährigen musste die Schulsozialarbeiterin intervenieren, weil alle zusammen einen Mitschüler fertig machten. Nach vielen Stunden mit der Sozialarbeiterin beruhigte sich die Situation. An der Wand hängt nun ein Klassenvertrag, in dem beispielsweise steht, dass man andere nicht auslachen darf.

«Jaime le chien chaud», nuschelt einer mit Kapuzenpulli, Gelfussballerfrisur und gescheiter Brille, Alle lachen, alle ausser dem Hot-Dog-Lieberhaber. Die Lehrerin sagt: «Das klang jetzt fast Chinesisch.» Jetzt lachen wirklich alle.

Bald zeigt sich Problem Nummer 2: Die einen bringen kaum einen geraden Satz raus, andere reden ordentlich. Nach erst einem Jahr Französischunterricht sind einige bereits masslos über-, andere ebenso unterfordert. Rund zehn Prozent der Aargauer Realschüler erreichen gemäss einer wissenschaftlichen Studie in Mathematik oder in den Sprachfächern problemlos ein gutes Sek-Niveau. Andernorts, so in vielen Zürcher Gemeinden, sind deshalb in einzelnen Fächern Niveaukurse eingeführt worden: Begabtere Schüler aus tieferen Schultypen werden in ihren Paradedisziplinen zusammen mit Schülern aus anderen höheren Schultypen unterrichtet. Im Aargau soll diese teilweise Aufstiegsmöglichkeit bald auch eingeführt werden. Doch noch demotiviert das statische System. Es raubt den Talentierteren und Fleissigeren die Möglichkeit, sich besser zu positionieren für den Eintritt ins Berufsleben.

11 von 29 fanden keine Lehrstelle

In Neuenhof landet nach der fünften Klasse jeder Dritte in der Real. Die frühe Weichenstellung bedeutet für viele eine Vorentscheidung. Die besten Schüler, darunter die meisten Schweizer, gehen fortan nach Wettingen an die elitäre Bezirksschule, der Rest bleibt in Neuenhof und kommt in die Sek und die Real.

Wer sich aufdrängt, kann zwar das Niveau zum Ende eines Schuljahres wechseln, doch das bleibt die Ausnahme. Problem 3: Real bedeutet auch schlechte Karten auf dem Arbeitsmarkt: Von den 29 Neuenhofer Realabgängern fanden vergangenes Jahr 11 keine Lehrstelle.

Gegen ein ähnliches Schicksal kämpfen die Schüler der 2rb an, indem sie im Unterricht engagiert mitmachen – und indem sie in einem Leserbrief die Abschaffung der Realschule fordern: «Wir wissen, dass wir eine Restschule besuchen, und gerade deshalb wollen wir unsere Chancen erhöhen.» Sie seien, schrieben die 14 Schüler, gegen das jetzige System, «weil es zurzeit nicht immer möglich ist, uns unseren Fähigkeiten entsprechend zu fördern.» Weiter hiess es: «Eine Schule mit zwei Stufen wäre unser Traum.» Der Aargauer Grosse Rat machte diesen Traum am vergangenen Dienstag zunichte. Er sprach sich deutlich für eine dreiteilige Oberstufe aus.

Erstellt: 06.09.2008, 12:11 Uhr

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