Niemand wusste damals von Toni Brunners Plänen

Der Bauer aus dem Toggenburg sagt Bern heute «Tschau». Seine Beizgäste sollten das als Erste erfahren. Doch etwas passte an jenem Abend nicht.

Nach 23 Jahren wird Toni Brunner im Nationalrat verabschiedet. (Video: SDA)

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Für Christoph Blochers Verhältnisse war es ein flehender Auftritt, eine Rede an der Grenze zur Bettelei. Er solle nicht zurücktreten, bitte nicht. Bundesbern brauche Toni Brunner. Er müsse ja nichts mehr machen im Bundeshaus, einfach ein bisschen da sein.

Blocher hielt seine Rede im Haus der Freiheit im Toggenburg, der Landbeiz von Toni Brunner. Das neue Buch über Brunner wurde gefeiert, 23 Jahre Anekdoten und Lumpengeschichten aus Bundesbern, die Beiz bis auf den letzten Platz gefüllt und das Publikum erstaunt. Was macht Blocher da? Was erzählt er? Was meint er damit?

Niemand wusste an diesem Freitag von Brunners Plänen. Ausser Blocher natürlich. Eigentlich wollte Toni Brunner seinen Rücktritt aus dem Nationalrat an diesem Abend verkünden, unter Freunden. Es reicht jetzt. Ich habe es gesehen. Tschau zäme. Doch irgendwie passte es nicht. Brunner hielt still.

Die Gäste erfuhren die Nachricht des Abends erst später, auf der Rückfahrt vom Haus der Freiheit, per Nachrichten-Push auf dem Smartphone.

Schon 1992 sagte ich: Den brauchen wir.Christoph Blocher

Mit diesen Push-Meldungen begann die endgültige Verklärung des Ausnahmetalents der Schweizer Politik, des Wunderbuben. 23 Jahre Toni Brunner in der nationalen Politik, Ende einer Ära. Die «Weltwoche» schrieb eine Art Heimatroman aus dem Haus der Freiheit über den «reichen Mann vom Tockenburg», der mit dem Satz endete: «Wer ihn, den Dahingeworfenen, auch nur einen Abend lang in seiner Heimat beobachtet, kommt zum Schluss: Es ist schon alles gut.» Die «Schweizer Illustrierte», in der Brunner einmal seinen ersten Liebesbrief an seine Freundin Esther Friedli abdrucken liess, begleitete ihn die letzten Tage im Bundeshaus. Das Fernsehen war auf seinen Fersen, die Journalisten in der Wandelhalle standen Schlange (wie immer), und Freunde aus dem Toggenburg feierten ihn an einer weiteren Buchpräsentation mit Freibier und Bratwürsten in der Berner Altstadt. Eine ziemliche Chilbi für einen, der es da oben einfach nicht mehr aushält.

Blocher zeigte seine Zuneigung zuerst wütend. Brunner habe es einfach nicht mehr ausgehalten im Bundeshaus, sei abgestossen gewesen, sagte Blocher in seiner Internetsendung. Bern sei ein Haifischbecken, «wo jeder versucht, den anderen zu ficken». Das Bundeshaus voll von Karrierepolitikern, die nichts anderes tun würden, als Sitzungsgelder zu kassieren. «Toni Brunner ist das Gegenteil eines Berufspolitikers, das Gegenteil der landläufigen Politiker.»

Blochers Neid

Von all den Menschen, die Christoph Blocher beim Aufstieg der SVP zur stärksten Partei der Schweiz begleitet haben, gehört Toni Brunner zu den wichtigsten. Der junge Bauer, mit 21 Jahren 1995 überraschend in den Nationalrat gewählt, war ein Glücksfall für die SVP, ein Glücksfall für Christoph Blocher. Brunner war all das, was Blocher nicht war. Zuerst und überhaupt: ein echter Bauer. Mit Stall und Kühen und Scholle unter den Füssen. «Dass er noch immer Bauer ist, neide ich ihm ein bisschen», sagt Blocher.

Doch es war mehr als das. Hier Blocher, der sich seine Reden ertrotzen muss, erleiden, protestantisch-verbissen. Einen Entwurf schreibt, dann einen nächsten, einen vierten und einen siebten. Da Brunner, der sich in zwanzig Minuten derart in ein Dossier einliest, dass er vor eine Kamera stehen kann. «Schon ganz zu Beginn seiner Karriere liess ich mich gerne von ihm ans Fernsehen begleiten. Er schiesst einem nie in den Rücken, verzapft niemals wirres Zeug. Das gibt es selten», sagt Blocher.

Es war Blocher, der den jungen Toni Brunner entdeckte – treichelschwingend an einer Veranstaltung gegen den EWR im Jahr 1992. «Schon damals sagte ich: Den brauchen wir.»

Verlustfrei durch die Wirren

Die Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit. Als Brunner kurz nach der Abwahl von Blocher als Bundesrat das Parteipräsidium übernahm, war eine seiner Bedingungen, dass Blocher sein Vize wird. «Wir mussten nicht miteinander reden, haben uns immer blind verstanden», erzählte Brunner diese Woche bei seinem Abschiedsapéro.

Im Gleichtakt schafften Blocher und Brunner, was kaum jemand in der Schweiz für möglich gehalten hätte: die SVP als 30-Prozent-Partei zu festigen. Brunner gab der aggressiven Partei ein freundliches Gesicht. Und das mit Erfolg. In seinem Heimatkanton St. Gallen baute er über 60 Ortsparteien auf. Von null. Innerhalb von zwanzig Jahren wurde die SVP in St. Gallen mit 35,8 Prozent Wähleranteil (2015) zur grössten Partei im Kanton.

National wiederholte er diesen Erfolg. Kurz nachdem er das Präsidium 2008 übernommen hatte, spaltete sich die BDP ab. Brunner steuerte die SVP erstaunlich verlustfrei durch diese Wirren. Nach einem Dämpfer bei den Wahlen 2011 machte die Partei 2015 das beste Ergebnis ihrer Geschichte.

Stiller Umbau in der Partei

Auf Brunner können sich alle einigen, in St. Gallen und dem Rest der Schweiz. Ein Gemütsmensch, ein Bauchmensch, harmlos und nett. Einer, mit dem man gerne ein Bier oder einen Enzianschnaps trinken möchte. Mit ihm an der Spitze kam das Gedankengut der SVP erst richtig in der Gesellschaft an. Brunner ist so, wie die SVP gerne sein möchte: gemütlich, bodenständig, heimatverbunden, nicht studiert – aber schlau.

Dass Brunner während seiner Zeit immer auf der Blocher-Linie war, fiel ob all der Gemütlich- und Lustigkeit nicht weiter auf. Im aktuellen NZZ-Parlamentarier-Rating, das Politiker auf einer Links-rechts-Skala von -10 bis +10 einteilt, kommt er auf eine blanke 10. Er stimmt rechter als Andreas Glarner, Walter Wobmann oder Thomas Matter.

Ebenso still fand der Umbau der Partei selber während Brunners Zeit statt. Mit dem Bauern an der Spitze verwandelte sich die SVP in eine Partei der mittleren Kader und Akademiker. Heute sind Leute wie Thomas Aeschi prägend, Roger Köppel oder Thomas Matter – allesamt Gegenentwürfe zum Mann aus dem Toggenburg.

«Normal, dass es ab und an rumpelt»

Auch die Art und Weise, wie sich die SVP im Parlament einfügt, hat nichts mehr mit der SVP zur Zeit der grossen Expansion zu tun. Blocher-Biograf Markus Somm schrieb in der «SonntagsZeitung» über die Bundesratswahlen unter dem Titel «Blocher-Dämmerung»: «Die SVP, die Partei, welche die Schweiz in den vergangenen 26 Jahren in ihren Bann geschlagen hatte, die sich gewehrt und gebrüllt hatte, diese Partei war am Mittwoch endgültig eingemeindet worden.»

Da geschieht etwas. Da ist vielleicht schon etwas geschehen. Und jene, die der Partei am nächsten sind, spüren es am besten. «Eingemeindung» nennt es Somm, «Konsolidierung» sagt dazu Blocher selbst. «Wir haben als Partei eine erstaunliche Entwicklung hinter uns, da ist es völlig logisch, dass es ab und an rumpelt. Alles in allem sind wir aber viel besser konsolidiert, als ich früher gedacht habe.»

Das grosse Bedauern

Konsolidiert heisst in dieser Lesart auch: normalisiert. Es ist nicht mehr nur Blochers Partei, und jetzt ist es auch nicht mehr nur die Partei von Brunner. Und auch wenn Blocher sagt, dass man den Rücktritt des ehemaligen Parteipräsidenten nicht überbewerten dürfe, weil dieser eine Ausnahmeerscheinung gewesen sei – «auch innerhalb der SVP»: Spricht Blocher in diesen Tagen über Brunner, dann schwingt grosses Bedauern mit.

Das spürt, wer das Vorwort von Brunners Autobiografie liest, verfasst von Blocher. Schwelgerisch erzählt er dort von einem Abend im Haus der Freiheit, der Blick auf die Churfirsten gerichtet. Ein karges Leben führe Brunner hier, doch es gründe tief. «Der Tag entschwand, die Nacht legte sich behutsam auf die majestätische Landschaft», schreibt Blocher. «Plötzlich hörte ich wunderschönen Gesang aus dem Haus.» Das Radio? Nein, der Männerchor Wintersberg-Bendel bei der Probe. Blocher schleicht sich hinter die Bühne und ist ganz ergriffen. «Junge und Alte, in kurzen und langen Arbeitshosen, in Bauernhemden, in Berg- oder Hirtenschuhen, andere barfuss! Sie singen mit wunderschönen Stimmen, ganz ohne Noten. Auch dies gehört zur Kraft, die die Frohnatur und Substanz von Toni Brunner ausmacht.» Es ist, als ob Blocher eines seiner geliebten Albert-Anker-Bilder beschreiben würde. Irgendwo darauf ein strohblonder junger Mann, ein seliges Lächeln im Gesicht, zwischen den Lippen ein Grashalm. Wie gerne möchte er das festhalten, für immer in seiner Stube aufhängen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Sein Freund Toni Brunner mag nicht mehr.

Bildstrecke: Die besten Karikaturen von Felix Schaad über Toni Brunner

Beni Gafner: Toni Brunner. Werdverlag, Thun 2018. 244 S., ca. 39 Fr. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.12.2018, 08:50 Uhr

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