Gössis grosse FDP-Show

Niemand betreibt im Moment besseres Politmarketing als der Freisinn. Wie gelingt das der Präsidentin? Und was bleibt auf der Strecke?

Die Anlässe der FDP sind viel professioneller geworden: Durchorchestriert, durchgetaktet, eine perfekt getimte Show. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Die Anlässe der FDP sind viel professioneller geworden: Durchorchestriert, durchgetaktet, eine perfekt getimte Show. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

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Ein Samstagmorgen in der Agglomeration. Drei Tagelöhner flicken die Gartenmauer eines Reiheneinfamilienhauses. Avanti, avanti! Im Park nebenan sitzen zwei Obdachlose vor einer Thermosflasche. Eine Familie spaziert Richtung Einkaufszentrum, die Kinder in Superheldenkostümen, die Mutter kopfschüttelnd, der Vater fluchend (auf Serbisch). Irgendwo bellt ein Hund.

Und dazwischen, wie Erscheinungen aus einer anderen Welt, drei Männer in eng geschnittenen Anzügen, die Hemden weiss. Sie schreiten zügig voran, schauen konzentriert auf ihre Smartphones und nicht auf das, was rund um sie passiert. Die Karten-App weist ihnen den Weg zum Kultur- und Sportzentrum in Pratteln, Kanton Baselland, zur Delegiertenversammlung der Schweizer FDP. Thema heute: Heimat.

Inhalt und Form klaffen auseinander

Je näher sie der Halle kommen, desto besser passen die Männer wieder in die Umgebung. Mehr Anzüge, mehr Hemden, mehr Deuxpièces, der Parkplatz voll mit sauberen und teuren Autos. Drinnen zeigt ein Countdown an, wie lange es noch bis zum Start der Delegiertenversammlung geht, und auf dem grossen Screen leuchten die Hashtags für die Verbreitung in den sozialen Medien. Hashtag Vision. Hashtag Patrie. Die Agglomeration: weit weg.

Erst die Handwerker, dann kommen die Anzüge: FDP-Chefin Petra Gössi vor der Delegiertenversammlung. Foto: Keystone

Der Freisinn trifft sich in Pratteln, um mit den Delegierten in das Wahljahr 2019 zu starten. Voller Optimismus und Euphorie und Aufbruchswillen. Seit Samuel Lanz Generalsekretär der Partei ist, sind diese Anlässe viel professioneller geworden. Durchorchestriert, durchgetaktet, eine Show mit Videos und perfekt getimten Standing Ovations. Politmarketing aus dem Lehrbuch.

Der Inhalt vermag dabei nicht immer mit der Form mitzuhalten. Einige zentrale Sätze der Veranstaltung vom Samstag: «Gemeinsam weiterkommen», «Die Zukunft als Chance», «Heimat ist Vielfalt», «Nur wer starke Wurzeln hat, kann sich der Zukunft stellen», «Unsere Schweiz – unsere Heimat». Slogans aus dem Poesiealbum der Politik. Vielfältig anwendbar, für rechte und für linke ­Parteien geeignet und auch für solche in der Mitte. «Es ist wichtig, dass wir den Menschen zeigen, wo unser Herz schlägt!», sagt Fraktionschef Beat Walti später auf der Bühne.

Wenn es läuft, läuft es

Die FDP im Jahr 2018 gibt Rätsel auf. In der Romandie machen freisinnige Regierungsräte so viele negative Schlagzeilen wie alle Regierungsräte in allen Kantonen zusammen, und auch die beiden Bundesräte sorgen nicht unbedingt für Erfolgsmeldungen. Trotzdem ist keine Partei im Moment erfolgreicher. Keine Partei gewinnt mehr Wahlen in den Kantonen. Keine Partei ist besser aufgestellt für das Wahljahr 2019. In der aktuellen Tamedia-Umfrage kommt die FDP auf einen nationalen Wähleranteil von 17 Prozent, die SP, die der Freisinn unbedingt überholen will, ist in realistischer Reichweite.

Wenn es läuft, dann läuft es. Dabei versucht die FDP ganz offensichtlich, ihr Rezept von vor drei Jahren zu wiederholen. Schon damals machte der Freisinn den lautesten, knalligsten und beliebigsten Wahlkampf aller Parteien. Von der Decke regnete es Ballone wie bei Conventions in Amerika, Bundesräte zündeten Schwedenfackeln an, es gab Kinderschminken, Hüpfburgen und Jodelchörli und ganz viel mediale Häme über einen absolut inhaltsleeren Wahlkampf. Der Erfolg gab der Partei aber recht – sie ging als strahlende Siegerin bei den eidgenössischen Wahlen hervor.

«Wir müssen zeigen, dass wir ein Heimatgefühl haben.»Beat Walti, Fraktionschef

Darum jetzt also «Heimat», darum also die «Vision». Diese verbinde Fortschritt mit Tradition, sagt Parteipräsidentin Petra Gössi in Pratteln. Lokales Handeln und globales Denken. Zentral dabei: Verantwortung, Fleiss, Engagement, der Mensch («er steht im Zentrum», sagt Gössi tatsächlich), und ein Staat, der nur dann eingreife, wenn es Private nicht alleine schaffen.

Später präsentieren Nationalrat Hugues Hiltpold und Fraktionschef Beat Walti vor allen die «Vision» der Partei. «Heute geht es um das Gefühl in der Politik. Darum, dass wir Patriotismus nicht den Konservativen oder den Statisten überlassen wollen. Wir müssen zeigen, dass wir Liberale ein Heimatgefühl haben. Eine Heimat mit Herz und Verstand», sagt Walti.

Der Rechtsrutsch kam nie wirklich in Fahrt

Gefühl und Herz. Die beiden Nationalräte geben gar nicht erst vor, sich um Inhalte zu kümmern, um «liberale Rezepte». Auch drei Jahre nach dem FDP-Erfolg bei den Wahlen wartet man immer noch auf dessen konkrete Folgen.

Der Rechtsrutsch, Chiffre für den Wahlausgang vor drei Jahren, kam nie wirklich in Fahrt. Trotz klaren rechtsbürgerlichen Mehrheiten im Nationalrat blieben die grossen Projekte allesamt stecken. Unternehmenssteuern, Alterswerke, Europapolitik – die Schweiz ist ein Land ohne Reformen. Immer wenn es konkret wird, ächzt unser System gewaltig. Daran ist auch die FDP schuld. Auch die grossen Fortschritte in der Deregulierung brachte der Freisinn nicht. Stattdessen überwies das Parlament immer auch mit FDP-Stimmen Vorlagen, die mehr Auflagen für die Wirtschaft bringen: Lohnpolizei, Frauenquoten, den Gegenvorschlag für die Konzernverantwortungsinitiative.

Bitte schön lächeln: Der abtretende Bundesrat Johann Schneider-Ammann wird von Petra Gössi empfangen. Foto: Keystone

Aber wer will auch klagen? Dem Land geht es ja gut. Konjunktur, die Jobsituation, gebremste Zuwanderung. Die Schweiz ist ein glückliches Land, und darum reicht es vielleicht auch, Politik vor allem als Marketing zu verstehen. Punkt für Punkt für Punkt haken die beiden Nationalräte auf der Bühne jetzt den Heimatbegriff ihrer Partei ab. Wirtschaftliche Rahmenbedingung, vielfältige Gesellschaft, Chancen und Risiken der Digitalisierung. Powerpoint-Folien, unterstützt von Videobeiträgen aus der Basis. «Unser Herz schlägt für den Wohlstand», sagt darin eine Freisinnige.

Nach der Präsentation übernimmt wieder Ständerat Damian Müller, Moderator des Vormittags, die Bühne. «Sie sehen, meine Damen und Herren, die Zukunft ist eine Chance. Wenn Sie der Meinung sind, dass diese Vision gut ist, dann halten Sie jetzt Ihren Stimmzettel hoch.»

Ein Vorgeschmack

Es folgt die Abstimmung, jede Reihe wird ausgezählt. 321 Ja-Stimmen. Null Enthaltungen. Null Nein-Stimmen. «Wir nehmen diese Vision einstimmig an», sagt Ständerat Müller und leitet elegant zum nächsten Programmpunkt. Ein Gespräch mit dem abtretenden Bundesrat Johann Schneider-Ammann. «Heimat ist ein positiver Begriff für mich», sagt der Bundesrat. «Heimat ist dort, wo man Kraft tanken kann. Und Heimat ist das, was wir heute zusammen machen, hier in diesem Raum.»

Die Versammlung in diesem Raum dauert danach nicht mehr lange. Er gibt einen Vorgeschmack auf das, was die Schweizerinnen und Schweizer im nächsten Jahr erwartet. Im Wahljahr. Viele schöne Worte. Viele Slogans und Hashtags. Die FDP ist dabei nicht besser oder schlechter als andere Parteien. Im Moment einfach etwas erfolgreicher.

Beim anschliessenden Apéro sieht man nur fröhliche Gesichter. Entspannte Delegierte einer grossen Partei, der Partei des Bundesstaats. Einer Partei, der jetzt offiziell Heimat wichtig ist. Im Park neben dem Zentrum sind die Obdachlosen inzwischen verschwunden, das Einkaufszentrum macht bald zu, auch die Tagelöhner sind nicht mehr mit ihrer Mauer beschäftigt. Die Männer in Anzügen, die ohne Auto nach Pratteln gekommen sind, gehen jetzt den Weg zurück zum Bahnhof. Sie schauen wieder konzentriert auf ihre Smartphones. Zurück in ihre Heimat.

Erstellt: 01.10.2018, 00:16 Uhr

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Die Seite Drei

«Heimat ist das, was wir heute zusammen machen, hier in diesem Raum»: Bundesrat Johann Schneider-Ammann mit FDP-Präsidentin Petra Gössi. (Bild: Keystone )

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