«Er erschoss sich auf einem Bänkli unweit des Bundeshauses»

Historiker Urs Altermatt kennt die tragischen und komischen Momente aus der Geschichte der Landesregierung.

Beging nach einer gehässigen Pressekampagne unweit des Bundeshauses Suizid: Fridolin Anderwert (1828–1880).

Beging nach einer gehässigen Pressekampagne unweit des Bundeshauses Suizid: Fridolin Anderwert (1828–1880). Bild: Keystone

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Herr Altermatt, Sie wurden im Jahre 1942 geboren, welches ist Ihre allererste Erinnerung an einen Bundesrat?
Wir hörten zu Hause täglich Radio Beromünster. An Neujahr oder am Nationalfeiertag 1947 sagte der Vater, ich solle jetzt still sein. Der Bundespräsident spreche. Die hohe und pathetische Stimme von Philipp Etter ist mir geblieben. Was er sagte, weiss ich nicht mehr. Übrigens: Philipp Etter war 25 Jahre lang Bundesrat. An der Basler Fasnacht nannten sie ihn «Philipp Eternel», den «ewigen Philipp».

Sie traten früher bei Bundesratswahlen als Experte im Fernsehen auf. Wie war das Echo?
Dazu eine Anekdote. 1993 kommentierte ich für das Schweizer Fernsehen live die Bundesratswahl. Aus Zürich. Als ich heimfuhr, traf ich am Bahnhof Zürich Frauen, die empört waren, dass nicht Christiane Brunner gewählt worden war, sondern ein Mann, Francis Matthey. Ein paar Frauen erkannten mich vom Fernsehen und pfiffen mich aus. Dabei hatte ich frauenfreundlich kommentiert. Ich war halt der Bote der schlechten Nachricht. Eine Woche später wurde Ruth Dreifuss gewählt, nachdem Matthey verzichtet hatte.

Was empfinden Sie heute, wenn Sie einer Bundesratswahl zuschauen?
Wir sind eine Republik, und doch kommt es mir vor, als werde ein neuer König eingesetzt. Das Ritual ist eindrücklich: die Glocke, der Wechsel zwischen Deutsch und Französisch, das Warten zwischen den Wahlgängen, die Zeremonie der Vereidigung, die Weibel im langen Umhang.

«Die Landesgrenzen sind seit 1815 gleich geblieben. Das ist in Europa einzigartig.» 

Wieso braucht es den Weibel?
In der Alten Eidgenossenschaft war er der Regierungs- und Gerichtsdiener. Er musste Papiere holen und bringen, wartende Personen hereinholen, daraus entstand das Wort «herumweibeln». Der Weibel ist bis heute mit praktischen Aufgaben betraut. Er hat aber auch noch eine andere Bedeutung. Unsere Republik kennt kaum Pomp, die Richter etwa tragen keine Talare oder Perücken wie anderswo. Die Amtstracht des Weibels verleiht dem Bundesratsamt etwas Schmuck.

Seit 1848 hatten wir bloss 119 Bundesräte und Bundesrätinnen. Der Bundesrat ist unheimlich stabil.
Die Schweiz als Ganzes ist es. Das zeigt sich auch darin, dass die Landesgrenzen seit 1815 gleich geblieben sind. Das ist in Europa einzigartig. Wir hatten keine Kriege, also keine grossen Brüche im System.

Umfragen zeigen, dass die Schweizer enormes Vertrauen in den Bundesrat haben. Wie kommt das?
Der Bundesrat symbolisiert die politische Stabilität des Landes. Seit der Gründung der modernen Schweiz 1848 besteht er aus sieben Mitgliedern. In der Kollegialregierung verstehen sich die Bundesrätinnen und Bundesräte als Landesmütter und Landesväter.

1848 stand zur Diskussion, ob die Schweiz fünf, sieben oder neun Bundesräte brauche: Man entschied sich für sieben. Foto: Keystone

Wieso sind es sieben Departemente und sieben Bundesräte?
In vielen Schweizer Städten gab es in der Alten Eidgenossenschaft den «Kleinen Rat», ein Regierungsgremium ungefähr dieser Grösse. Als 1848 der Bundesstaat kam, hatte man das vor Augen. Man prüfte für den Bundesrat die Varianten fünf, sieben und neun. Sieben setzte sich als Kompromiss durch. Ab und zu flammt die Diskussion wieder auf, ob es nicht neun Bundesräte sein sollten. Etwa, als Willi Ritschard 1983 kurz vor Ende seiner Amtszeit während einer Wanderung auf dem Grenchenberg starb. Da hiess es, die Belastung sei zu gross, wir sollten auf neun Bundesräte gehen.

Ritschard war Heizungsmonteur und sehr populär. Sind Nichtakademiker speziell beliebte Bundesräte?
Vermutlich. Mir fällt da grad der Berner Grossbauer Rudolf Minger in den 1930er-Jahren ein. Und Adolf Ogi. Über solche «Nichtstudierte» im Bundesrat gab und gibt es viele gutmütige Witze. Auch kursieren träfe Sprüche von ihnen. Willi Ritschard sagte: «Was nützt der Tiger im Tank, wenn ein Esel am Steuer sitzt.»

Wurde als erste Frau in den Bundesrat gewählt: Elisabeth Kopp bei ihrer Vereidigung 1984. Foto: Keystone

Etwas hat sich über die Zeit am Bundesrat doch geändert. Die parteipolitische Zusammensetzung.
Ja. 1891 wurde der erste Vertreter der Katholisch-Konservativen – heute ist das die CVP – integriert. Sie waren zuvor ausgegrenzt gewesen. Man wählte Josef Zemp. 1929 kam mit Rudolf Minger ein Bauernvertreter hinzu, 1943 mit Ernst Nobs ein Sozialdemokrat, ein Vertreter der Arbeiterschaft. Und 1984 wurde Elisabeth Kopp als erste Frau in den Bundesrat gewählt.

Aus Sicht der reinen Machtpolitik gefragt: Wieso schloss man Gruppen wie die Katholisch-Konservativen nicht noch länger aus?
In der Alten Eidgenossenschaft war der europäische Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten prägend. Die Schweiz machte vier Konfessionskriege durch. Im 18. Jahrhundert setzten sich langsam Toleranz und Respekt durch, das gilt auch für die Sprachgemeinschaften. Auf die Dauer war das Land durch die Verschiedenartigkeit seiner Teile zur Konkordanz gezwungen.

Beging nach einer gehässigen Pressekampagne unweit des Bundeshauses Suizid: Fridolin Anderwert (1828–1880). Foto: Keystone

Ein Bundesrat bleibt im Schnitt lange, zehn bis elf Jahre. Ist das gut?
Ja. Das gibt Zeit, sich in die Geschäfte der verschiedenen Departemente einzuarbeiten und Kompromisse zu finden.

Brauchte es nicht doch eine Amtszeitbeschränkung?
In der politischen Wirklichkeit gibt es sie schon, etwa durch den Verschleiss der Kräfte. Doris Leuthard war 12 Jahre in der Regierung und sagte am Schluss, sie sei jetzt müde. Moritz Leuenberger brachte es auf 15 Jahre, seine Partei drängte auf den Abgang. Man spricht in solchen Fällen von «Elitenwechsel», neue Kräfte wollen sich beweisen. Aber eine offizielle Amtszeitbeschränkung nähme dem Bundesrat etwas von seiner Würde und Autonomie.

«Das Frauenquartett setzte 2011 im Bundesrat die Abkehr von der Atomenergie durch.»

Unser politisches System verändert sich langsam, nicht nur punkto Bundesrat. Was sind die Nachteile?
Lassen Sie mich ein Beispiel machen. Viele europäische Länder feiern dieses Jahr 100 Jahre Frauenstimmrecht. In der Schweiz wurde die Integration der Frauen in die nationale Politik erst 1971 mit einer Volksabstimmung verwirklicht. Das ist sehr spät. Bis zur Wahl der ersten Bundesrätin dauerte es noch einmal ein Jahrzehnt, 1984 trat Elisabeth Kopp in die Landesregierung ein. Diese «Verspätung» der Frauen hat auch damit zu tun, dass die Schweiz nicht am Ersten Weltkrieg teilnahm. In den Nachbarländern mussten die Männer an die Front. Zu Hause hatten die Frauen das Sagen, ihre Rolle in der Gesellschaft änderte sich, nach dem Krieg war das nicht mehr rückgängig zu machen. In der Schweiz hingegen hielt das traditionelle Rollengefüge länger.

Mittlerweile hatten wir schon eine Periode mit vier Frauen in der Landesregierung.
Bundesrätinnen haben viel bewirkt. Das Frauenquartett setzte 2011 im Bundesrat die Abkehr von der Atomenergie durch. Die Führung hatte Energieministerin Doris Leuthard, ihr schlossen sich Micheline Calmy-Rey, Simonetta Sommaruga und Eveline Widmer-Schlumpf an.

War von 1934 bis 1959 Bundesrat – also 25 Jahre lang: Philipp Etter (1891–1977). Foto: Keystone

Was ist, wenn ein mittelmässiger Mensch Bundesrat wird?
Das gehört zur Kollegialregierung. Es können nicht alle sieben Bundesräte Alphatiere sein. Auch die stillen Schaffer braucht es. Lange war diese Bezeichnung ein Kompliment.

Joseph Deiss wurde als «graue Maus» bezeichnet. Zu Recht?
Er hat den Uno-Beitritt durchgebracht. Und die bilateralen Verträge.

Welche Bundesräte verstanden sich besonders gut?
Zum Beispiel, vor gut 40 Jahren, der FDP-Wirtschaftsminister Fritz Honegger aus Zürich und der CVP-Innenminister Hans Hürlimann aus Zug. Die beiden hatten die Familie nicht nach Bern nachgeholt und hausten im Hotel. Im «Bellevue» assen sie gern zusammen zu Morgen. Das ergab eine starke bürgerliche Achse.

Zusammen unterwegs: Die Bundesräte 1982 beim Ausflug ins Verkehrshaus Luzern. Foto: Keystone

Welche Bundesräte rieben sich aneinander?
In neuerer Zeit zum Beispiel Pascal Couchepin und Christoph Blocher. Sie scheuten sich nicht, sich im Kollegium gegenseitig herauszufordern. Pascal Couchepin hatte auch den Mut zu unpopulären Forderungen wie Rentenalter 67.

Es gibt Kantone, die hatten nie einen Bundesrat. Uri etwa. Verstehen Sie, wenn man dort frustriert ist?
Auch Schwyz, Schaffhausen und Nidwalden hatten bis anhin keinen Bundesrat. Der Kanton Jura ebenfalls nicht, aber er ist noch jung. Ob jemand Bundesrat wird, hängt von vielen Faktoren ab, die kantonale Herkunft ist nur einer. Uri hätte 1891 den ersten katholisch-konservativen Bundesrat stellen können. Doch Gustav Muheim hatte daheim eine kranke Frau und verzichtete. Darauf setzte sich der Luzerner Josef Zemp durch. In seine Amtszeit fiel die Verstaatlichung der Eisenbahn, er gilt als Vater der SBB.

Neu vereidigt: Am 5. Dezember 2018 wurden Viola Amherd (links) und Karin Keller-Sutter in den Bundesrat gewählt. Foto: Keystone

Der Bundeskanzler wird «achter Bundesrat» genannt. Zu Recht?
Durchaus, wobei nicht alle Bundeskanzler und Bundeskanzlerinnen gleich prägend waren. Sehr wichtig war der erste Bundeskanzler. Ein Ausserrhoder, Johann Ulrich Schiess. Er war 35, als man ihn 1848 wählte, und blieb bis 1881. Zur Stunde null, als der Bundesstaat geboren wurde, kannte er als früherer Staatsschreiber die Gesetze genau. Wenn man nicht wusste, was aus juristischer Sicht möglich war, fragte man Schiess. Er muss ein fantastisches Gedächtnis gehabt haben und war wohl auch ein Pedant. So gab es von Anfang an den sogenannten achten Bundesrat.

Was macht einen guten Bundesrat aus?
Dass er zwei Rollen beherrscht und zwischen ihnen pendeln kann. Im Bundesrat muss er kollegial funktionieren und mit den anderen zusammenarbeiten. Als Departementsvorsteher ist er der Chef. Dort kann er grosse Projekte, etwa eine AHV-Revision, entscheidend beschleunigen.

Bündnerfleisch: Der Lachanfall von Hans-Rudolf Merz im Parlament ging 2010 rund um die Welt. Foto: Keystone

Wer war der allerwichtigste Bundesrat?
Das kann ich so nicht beantworten. Als Equipe unglaublich wichtig war das allererste Bundesratskollegium von 1848. Hier nur drei Namen. Ulrich Ochsenbein baute die Armee auf. Josef Munzinger führte den Franken als Einheitswährung ein. Und Jonas Furrer war als Bundespräsident viermal Aussenminister. Er verstand es zu verhindern, dass die Schweiz 1860 Hochsavoyen militärisch besetzte und sich mit Frankreich anlegte.

Wer war der tragischste Bundesrat?
Vermutlich Fridolin Anderwert. Der hochintelligente Thurgauer schrieb als Justizminister zum Teil Gesetze selber. Er war Junggeselle und wohl einsam, er war gesundheitlich angeschlagen und korpulent. 1880 wurde er als frisch gewählter Bundespräsident zum Ziel verletzender Angriffe. Da wollten Widersacher wohl die eine oder andere politische Rechnung begleichen. Anderwert besuche übelst beleumdete Häuser, hiess es nun. Und er wurde als Völlerer verspottet. Am Weihnachtstag erschoss er sich auf einem Bänkli unweit des Bundeshauses. Im Abschiedsbrief soll es geheissen haben: «Sie wollen ein Opfer, sie sollen es haben.»

Eine kurze Zeit lang gab es vier Bundesrätinnen: Micheline Calmy-Rey, Simonetta Sommaruga, Doris Leuthard und Eveline Widmer-Schlumpf (von links). Foto: Keystone

Heute macht der Druck der Medien den Magistraten zu schaffen. Wie hat das Fernsehen das Amt verändert?
Noch in den 1950er-Jahren waren die grossen politischen Milieus der Schweiz voneinander stark geschieden. Ich meine den Freisinn, die Sozialdemokraten, die Christlichdemokraten, die Bauern. Wenn man damals beispielsweise in Luzern die katholische Zeitung «Vaterland» las, waren die SPler die «bösen Roten». Jedes Milieu lebte, wie man heute sagen würde, in seiner «Bubble», in seiner Blase. Dann kam das Fernsehen. Ein Christlichdemokrat oder ein Freisinniger sah den Sozialdemokraten Willi Ritschard und dachte: «Der redet ja wie ich, der gefällt mir, den würde ich auch wählen.» So platzten die Milieublasen.

Hans-Rudolf Merz erlitt im Parlament einen Lachanfall, als es um Bündnerfleisch ging. Wieso sind solche Momente Kult?
Die britische Königin verzieht kaum die Miene. Sie zeigt wenig Gefühle. Unsere republikanischen Royals, die Bundesräte, sind anders. Sie sind Menschen, denen gewisse Dinge halt eben passieren, ohne dass sie sie unterdrücken müssten. Sie geben preis, dass sie normale Leute sind. Leute wie wir.

Urs Altermatt (Hg.): «Das Bundesratslexikon» (Neuausgabe), NZZ Libro, 760 Seiten, 98 Franken.

Erstellt: 11.03.2019, 12:09 Uhr

Der Bundesratsexperte



Der Solothurner Urs Altermatt (76), gilt als der Schweizer Bundesratsexperte schlechthin; früher kommentierte er die Bundesratswahlen im Schweizer Fernsehen. Bis zur Pensionierung war er Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Urs Altermatt lebt mit seiner Frau in Solothurn, das Paar hat drei erwachsene Kinder und fünf Grosskinder.

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