«Es gibt keine Entschuldigung für eine solche Schlamperei»

Die erste Krisensitzung zum Inländervorrang verlief für den Gastro-Suisse-Präsidenten Casimir Platzer enttäuschend: Das Problem werde vertändelt.

Die für den Inländervorrang entscheidende Liste unterscheidet nicht zwischen Spitzenköchen und Hilfspersonal.

Die für den Inländervorrang entscheidende Liste unterscheidet nicht zwischen Spitzenköchen und Hilfspersonal. Bild: Keystone

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Seit dem 1. Juli ist der sogenannte Inländervorrang in Kraft. In Branchen beziehungsweise Berufsarten, bei denen die Arbeitslosigkeit höher als 8 Prozent ist, müssen Unternehmen offene Stellen den Regionalen Arbeitsvermittlungen (RAV) melden. Danach müssen sie fünf Arbeitstage warten, bis sie die Jobs anderweitig ausschreiben. So soll den Arbeitsuchenden in der Schweiz ein Vorsprung gegenüber Bewerbern aus dem Ausland ermöglicht werden. Davon betroffen sind laut Schätzungen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) jährlich 75'000 Jobs.

Mangelhafte Liste

Das Gastgewerbe gehörte zu den ersten und lautesten Kritikern der vom Inländervorrang betroffenen Berufsarten. Das Problem: Im Bereich Küche gibt es nur eine einzige Kategorie mit der Bezeichnung «Küchenpersonal». Nur ist es nicht das Gleiche, ob ein Restaurant eine Hilfskraft oder eine qualifizierte Fachkraft sucht. Deshalb wurden auch kurz vor der Einführung des Inländervorrangs die bürgerlichen Parteipräsidenten beim zuständigen Departementschef, Johann Schneider-Ammann, vorstellig.

Unter anderem brachten sie die Forderung ein, die bemängelten Fehler bei der Liste der Berufsarten zu korrigieren. Der Wirtschaftsminister versicherte damals, dass die für einige Branchen realitätsfremde Liste rascher als geplant angepasst werden soll. Vor wenigen Tagen fand nun das erste Treffen statt. Bei den geladenen Branchenvertretern war auch Gastro-Suisse-Präsident Casimir Platzer.

Herr Platzer, wie verlief die erste Sitzung?
Es wurde vor allem darüber diskutiert, wie die Überarbeitung vonstattengehen soll. Das mit der Aufgabe betraute Bundesamt für Statistik betonte dabei, dass es bis im November die Liste der Berufsarten überarbeiten will. Dann soll die Liste in eine erste Konsultation gehen, anschliessend wird wieder daran gearbeitet, und im Mai des kommenden Jahres gibt es eine erneute Konsultation. In rund anderthalb Jahren soll die überarbeitete Version dann in Kraft gesetzt werden.

Sie plädierten schon früh für ein schnelleres Vorgehen?
Tatsächlich wurde ich schon im Februar ein erstes Mal bei der zuständigen Departementsführung vorstellig, um sie auf die Problematik mit den fehlerhaften Listen hinzuweisen. Deshalb ist es enttäuschend, dass man erst in anderthalb Jahren eine Änderung vornehmen will. Wenn wir in der Privatwirtschaft mit solcher Gemächlichkeit an ein so dringliches Problem herangehen würden, könnten wir unsere Betriebe schliessen.

Aber man kann doch nicht wegen einer Branche alles auf den Kopf stellen…
...wir sind beileibe nicht die Einzigen, welche von dieser schludrig gemachten Liste der zu meldenden Berufe Nachteile erfahren. Gerade das Bau- und das Transportgewerbe wie auch die Bauern sind stark vom undifferenzierten Umgang mit den Berufsarten betroffen. Das haben wir an der Sitzung auch moniert und nochmals eine Priorisierung verlangt. Aber wir haben keine Zusicherung erhalten, dass das Bundesamt für Statistik dies auch in Erwägung ziehen wird.

«Bis jetzt konnten keine der vom Seco gemachten Versprechungen eingehalten werden.»


Haben Sie Rückmeldungen auf die Einführung des Inländervorrangs?
Ja, und die sind im Gastgewerbe durchs Band schlecht. Das kann ich aus eigener Erfahrung als Hotelier nur bestätigen. Es entsteht sehr viel unnötiger bürokratischer Aufwand, und die RAV arbeiten zu wenig gut. Bis jetzt konnten keine der vom Seco gemachten Versprechungen eingehalten werden.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel erläutern?
Wir haben für unser eigenes Hotel auf den 1. Juli eine Stelle als Zimmermädchen gemeldet. Diese Stelle wurde aber erst 17 Tage danach validiert und aufgeschaltet. Erst dann beginnt die Frist des Inländervorrangs zu laufen. Das heisst, wir mussten über 20 Tage warten, bis wir die Stelle öffentlich ausschreiben konnten. Und das in der Hochsaison. Das ist eine Frechheit. Es gibt aus meiner Sicht keine Entschuldigung für eine solche Schlamperei.

Die Eingaben der Unternehmer müssen beim RAV doch sauber abgeklärt werden?
Es gibt aus unserer Sicht keine sachlichen und datenschützerischen Gründe, wieso man eine Validierung nicht automatisch auslösen könnte, sobald diese von den Arbeitgebern ausgefüllt sind. Zudem hat man uns immer wieder versichert, dass die RAV eine Stellenmeldung innert kürzester Frist validieren würden, in der Regel am darauffolgenden Tag nach der Meldung oder spätestens zwei Tage später.

Erstellt: 19.07.2018, 16:00 Uhr

Casimir Platzer, Präsident von Gastro Suisse ist erzürnt. (Bild: Keystone )

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