Männer spenden Arbeitszeit für streikende Frauen

Weil Bundesangestellte für den Frauenstreik freinehmen müssen, soll ein besonderes Projekt helfen. 93 Männer machen bereits mit. Obs gilt, ist offen.

Tatort Bund: Männer zeigen sich solidarisch gegennüber streikenden Kolleginnen. (Keystone/Archiv)

Tatort Bund: Männer zeigen sich solidarisch gegennüber streikenden Kolleginnen. (Keystone/Archiv) Bild: Keystone

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Sie setzen ein Zeichen: 93 Männer in der Bundesverwaltung wollen einen halben Tag ihrer Arbeitszeit spenden, damit Frauen am Frauenstreik vom 14. Juni teilnehmen können. Sie haben sich auf der Website «Männer für den 14. Juni» eingetragen. Sie wollen verhindern, dass Frauen auf eigene Kosten freinehmen müssen, um für Gleichheit zu demonstrieren.

Die Teilnahme an der Kundgebung gilt gemäss dem Eidgenössischen Personalamt nicht als Arbeitszeit, Bundesangestellte müssten ihre Abwesenheit wie üblich mit den Vorgesetzten individuell vereinbaren. Dabei gingen die betrieblichen Bedürfnisse vor, doch würden die Verwaltungseinheiten gebeten, Anfragen wohlwollend zu behandeln. Diese Regelung entspricht weitgehend dem Standard in der Privatwirtschaft.

«Forderungen der Frauen sind wichtig»

Unzufrieden damit ist eine vierköpfige Gruppe von Angestellten des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Sie hat darum die Spende-Website «Männer für den 14. Juni» erstellt. «Wir betrachten die Forderungen der Frauen im Allgemeinen als legitim und wichtig für die Evolution unserer Gesellschaft», schreibt Serge Rumin, ein Mitglied der Gruppe, auf Anfrage. «Bei unserer Aktion geht es darum, sich den streikenden Frauen gegenüber solidarisch zu zeigen.»

Der Bund unternehme schon einiges, um die Gleichheit der Geschlechter zu fördern, doch bestünden noch immer Defizite. «So wäre es nur logisch gewesen, die Massenmobilisierung der Frauen am 14. Juni voll und ganz zu unterstützen», schreibt Rumin. «Und zwar ohne Frauen, die am Streik teilnehmen wollen, zu benachteiligen, indem man sie zwingt, die paar Stunden über ihren Ferien- beziehungsweise Überstundensaldo freizunehmen.»

Dem Aufruf der Gruppe sind bis in der vergangenen Woche, seit die Website online ist, vor allem Angestellte aus dem EDA gefolgt. «Aber in den letzten Tagen hat die Anzahl der Unterstützer aus anderen Departementen zugenommen», schreibt Rumin. Diese kämen insbesondere aus dem Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, dem Justiz- und Polizeidepartement sowie dem Innendepartement. Es sind dies die Domänen der Bundesrätinnen Simonetta Sommaruga (SP), Karin Keller-Sutter (FDP) und Alain Berset (SP); das EDA wird von FDP-Bundesrat Ignazio Cassis geleitet.

Personalamt hat Prüfung eingeleitet

Offen ist jedoch, ob der Bund die Arbeitszeitspenden überhaupt anrechnen wird. Das Eidgenössische Personalamt ist auf die Website aufmerksam geworden – und hat sich zu weiteren Abklärungen entschlossen. «Wir haben Kenntnis von der Solidaritätsaktion. Wir prüfen derzeit die personalrechtlichen Fragen», sagt Sprecher Anand Jagtap.

Rumin wünscht sich einen positiven Entscheid. Es gehe aber auch darum, die Diskussion zu den Forderungen des Frauenstreiks zu fördern. «Die Aktion ist vor allem symbolisch, obwohl wir natürlich auf eine Umsetzung hoffen», schreibt Rumin. «Letztendlich geht es hier um politische Entscheide.» Nicht einverstanden ist seine Gruppe etwa damit, dass der Bundesrat vor einer Woche seine Ablehnung eines staatlich finanzierten Vaterschaftsurlaubs von zwei oder vier Wochen bekräftigt hat.

Der Ideenkatalog für die Frauen

Unterstützung erhält die Solidaritätsgruppe vom Personalverband des Bundes, dem grössten Interessenvertreter von Bundesangestellten. Er hat den Link zur Website in seinem jüngsten Newsletter versandt. Damit verschickte er auch einen Katalog von möglichen Streikaktionen: Poster mit Forderungen im Sitzungszimmer oder WC aufhängen, eine Kaffeepause oder Lärm, einen Flashmob und das Anstimmen eines Streiklieds um 11 Uhr organisieren, die Pausen verlängern und demonstrativ auf Liegestühlen verbringen, violette Kleidung oder Schminke tragen. Zu einer besonderen Aktion hat sich ein Kollektiv im Bundesamt für Statistik entschieden: Es publiziert bis am 14. Juni diverse Statistiken zur Gleichstellung.

«Der Personalverband des Bundes wollte den Bundesangestellten die Idee der dezentralen Aktionen näherbringen», sagt Verbandspräsidentin und SP-Nationalrätin Barbara Gysi. Es sei im Sinn und Geist des Frauenstreiks, dass die Aktionen von unten kommen. Von oben hätte sich der Verband allerdings mehr Verständnis gewünscht. Den Verwaltungseinheiten steht es laut dem Eidgenössischen Personalamt zwar frei, am 14. Juni 2019 einen «internen Anlass» durchzuführen, der auch auf Arbeitszeit gehen könne. Aber für den Streik selbst müssen Interessierte freinehmen. «Wir sind enttäuscht, dass der Bundesrat und das Eidgenössische Personalamt beim Frauenstreik sehr formaljuristisch argumentieren. Sie hätten das Thema etwas offener angehen können», sagt Gysi. Viele Vorgesetzte stünden dem Streik wohlwollend gegenüber. Der Personalverband des Bundes empfehle, auf Aktionen zu verzichten, wenn damit ein grosser Konflikt riskiert werde.

Verband will Verbesserungen beim Bund

Punkto Gleichstellung gibt der Personalverband dem Bund gute, aber keine Höchstnoten. Zur Lohngleichheit hat sich der Bund etwa bekannt. «Der Bund hat schon viel für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gemacht», sagt Gysi. «Aber viel hängt vom Einverständnis von Vorgesetzten ab, weil viele Bestimmungen gummig formuliert sind und die Angestellten keinen Rechtsanspruch haben.»

Erstellt: 31.05.2019, 14:55 Uhr

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