Flüchtling, volljährig – schutzlos?

Sobald Flüchtlinge volljährig sind, entfällt ihr Anspruch auf besonderen Schutz. Wie ein Kinderhilfswerk verhindern will, dass sie durch die Maschen fallen.

Minderjährige Asylsuchende haben Anrecht auf eine altersgerechte Unterbringung, Betreuung und Schulbildung.

Minderjährige Asylsuchende haben Anrecht auf eine altersgerechte Unterbringung, Betreuung und Schulbildung. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sind die grösste Gruppe der minderjährigen Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren in die Schweiz gereist sind: Jugendliche zwischen 16 und 17 Jahren. Anfang Dezember waren zwei Drittel der 1600 Buben, die im laufenden Jahr Asyl beantragt hatten, in diesem Alter. Bei den Mädchen sieht es ähnlich aus: Knapp 200 der 300 Asylsuchenden sind ältere Teenager. Meist sind sie reifer und selbstständiger, werden aber wie die Jüngeren nach dem gleichen Grundsatz behandelt: Da sie minderjährig und ohne ihre Sorgeberechtigten in der Schweiz sind, haben sie Anspruch auf eine altersgerechte Unterbringung, Betreuung und eine Schul- oder andere Ausbildung. Gemäss Bundesverfassung und Kinderrechtskonvention ist die Schweiz verpflichtet, ihnen dies zu gewährleisten.

Gleichzeitig sind jene Jugendlichen am meisten gefährdet, durch die Maschen zu fallen. Sobald sie nämlich das 18. Lebensjahr erreichen, gelten sie nicht mehr als unbegleitete minderjährige Asylsuchende (in der Fachsprache UMA genannt). Sie sind dann volljährig. Die Kantone, welche für die Unterbringung der Flüchtlinge zuständig sind, behandeln sie auch so: wie Erwachsene. Das Recht auf besonderen Schutz fällt weg.

Prägende Übergangsjahre

«Diese Jugendlichen kippen aus dem Schutzprogramm», sagt Denise Ammann vom Schweizer Kinderhilfswerk Kovive in Luzern. Zwar seien sie erwachsen, bräuchten aber durch ausserordentliche Erfahrungen wie die Flucht in die Fremde noch immer Unterstützung im Alltag. Gerade jene, die noch nicht lange in der Schweiz lebten, seien besonders angewiesen. Kommt hinzu, dass die Übergangsjahre ins Erwachsenenleben prägend sind. Für diese Kinder und Jugendlichen will Kovive nun Anschlussmöglichkeiten aufbauen, damit sie nicht sich selbst überlassen bleiben.

Seit über 60 Jahren kümmert sich das Hilfswerk um armutsbetroffene Kinder in der Schweiz und bietet für sie Betreuungslösungen in Kontaktfamilien an, organisiert Ferienlager oder Aufenthalte für ausländische Kinder bei Schweizer Gastfamilien. Unterstützt wird es von privaten Spenderinnen und Spendern sowie kirchlichen Behörden. Gemäss eigenen Angaben will das Kinderhilfswerk die Gastfreundschaft fördern und sich für «den sozialen Austausch über kulturelle und geografische Grenzen» hinweg einsetzen. 2015 haben 1200 Kinder an Kovive-Projekten teilgenommen.

Mietvertrag mit Gastfamilie

Es ist der logische nächste Schritt, dass Kovive sein Angebot nun auf minderjährige Asylsuchende und solche, die gerade volljährig geworden sind, ausweitet. Ausschlaggebend dafür waren laut Ammann die steigenden Flüchtlingszahlen in den vergangenen zwei Jahren, eine Initiative der Schweizerischen Flüchtlingshilfe (SFH) und die Tatsache, dass jeder Kanton selbst eine Lösung suchen muss, wie er mit diesem Anstieg umgeht. Kovive könne auf ein breites Netz an Gast- und Kontaktfamilien zurückgreifen, die zu Pflegefamilien ausgebildet werden, sagt Geschäftsführerin Rita Borer. Darum sehe sie hier das Potenzial, einen Integrationsbeitrag zu leisten. Seit Herbst ist das Kinderhilfswerk mit den asylverantwortlichen Stellen der Kantone Luzern, Nidwalden und Waadt in Verhandlungen und hat Obwalden, Schwyz und Uri diesbezüglich kontaktiert. Erste Anfragen sind bereits eingetroffen.

Kovive kennt verschiedene Modelle. Entweder verbringen Kinder und Jugendliche die Wochenenden und Ferien bei einer Kontaktfamilie, oder sie leben für längere Zeit bei einer Pflegefamilie. Die meisten seien zwischen 8 und 15 Jahre alt, sagt Ammann. Vor allem für minderjährige Asylsuchende ist die Unterbringung in einer Kontakt- oder Pflegefamilie sinnvoll: Die Betreuung erfolgt in einem kleineren, festeren Rahmen und ist enger.

Direkter Weg in die Gesellschaft

Zudem will Kovive für über 18-jährige Asylsuchende das Projekt der SFH auf weitere Kantone ausdehnen. Vorgesehen ist, dass die jungen Erwachsenen mit der Gastfamilie einen Mietvertrag vereinbaren, ein Zimmer in deren Wohnung beziehen und von der Familie im Alltag unterstützt werden: bei Behördengängen etwa, bei der Verbesserung der Sprachkenntnisse oder der Suche nach einer Lehrstelle. Bislang gibt es solche Projekte in den Kantonen Bern, Aargau, Waadt und Genf. «Die Familien bieten nicht nur eine Unterkunft, sondern auch Halt», sagt Borer. Der direkteste Weg, in einer Gesellschaft anzukommen, sei über die Familie. Dort werde niederschwellig das Verständnis der Kinder und jungen Erwachsenen für hiesige Gepflogenheiten gefördert, dort würden Fragen beantwortet. «Der Zusammenhalt ist das Urthema jeder Familie», sagt Borer. Und es liege an Organisationen wie Kovive, hier einen Teil der Verantwortung zu übernehmen.

Erstellt: 28.12.2016, 17:08 Uhr

Artikel zum Thema

Minderjährige Asylsuchende haben besondere Bedürfnisse

Gemäss einer Schätzung der Kantone sind jährlich bis 70 Millionen Franken Betreuungskosten nicht gedeckt. Mehr...

Junge Flüchtlinge müssen zum Genitaltest

Minderjährige Asylsuchende geniessen einen speziellen Schutz. Für die Altersbestimmung setzt das Bundesamt für Migration auf umstrittene Methoden. Mehr...

Mit 17 nackt in der Betonzelle

Die Schweiz setzt Minderjährige in Abschiebehaft. Jetzt fordert die UNO ein Verbot. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Aufgeblasen, aber nicht abgehoben: Vor dem Start in Chateau-d'Oex kontrollieren Besatzungsmitglieder die Hülle ihres Heissluftsballons. In der Schweizer Berggemeinde findet bis derzeit die 42. Internationalen Heissluftballonwoche statt. (26. Januar 2020)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...