Als die Küsnachter aufbrachen, um ihre Burg zu suchen

In Schwerstarbeit legten die Küsnachter in den 20er-Jahren die Ruine Wulp frei. Die letzten Geheimnisse hat die Burg, heute beliebtes Ziel von Schulreisen, aber noch nicht preisgegeben.

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Küsnacht. - Als sich am 8. Mai 1920 einige Männer ins Küsnachter Tobel aufmachten, wussten sie nicht genau, was sie dort entdecken würden. Auf einem Geländesporn, so viel war noch bekannt, hatte einst eine Burg gestanden. Viel mehr als den ungefähren Standort, den man dank kartografischen Darstellungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert kannte, war aber nicht bekannt.

Zwar habe man vor den Grabungsarbeiten versucht, Näheres über die Geschichte der Wulp herauszufinden, erzählte Jacques Bruppacher, damaliger Präsident des Verschönerungsvereins Küsnacht (VVK), einige Jahre später. «Das Ergebnis war aber so mager, dass man beschloss, Geschichte zu machen und die Wulp auszugraben, um zu sehen, ob nur ein Burgstall vorhanden war, wie berichtet wurde.»

Die Funde überraschte alle

Es war viel mehr vorhanden als ein Burgstall: Schon nach wenigen Stunden wurden die Männer fündig, und zu ihrer grossen Überraschung kam nach und nach eine ganze Burganlage zum Vorschein - und nicht nur wie vermutet die Mauern eines Viereckturms. Die Funde spornten die Männer an: Drei Jahre lang setzten sie die Grabungen fort. Während 106 Samstagnachmittagen förderten sie in Fronarbeit ans Tageslicht, was andere Jahrhunderte zuvor in Fronarbeit errichtet hatten.

In einem Notizbuch hielten die Küsnachter fest, wer alles Hand anlegte: Rund 40 Männer beteiligten sich an der Suche nach den alten Mauern. VVK-Präsident Jacques Bruppacher opferte 64 Samstage, auf 71 Einsätze kam gar der Zolliker Diethelm Fretz, und auch Fritz Bruppacher (47 Samstage), Theodor Brunner (38) und Armin Eckinger (31) leisteten Rekordeinsätze. Auf alten Fotografien posieren sie mit Schnauz, Schaufeln und verschwitztem Oberkörper vor den alten Mauern.

Burgenromantik war der Antrieb

Dass sie Schweiss und Schwielen in Kauf nahmen, war nicht nur auf ihren Idealismus zurückzuführen, sondern auch auf den Zeitgeist: Ruinen waren damals Symbole für den Kampf um die Freiheit, für den Aufstand der Unterdrückten. Deshalb machte man sich um 1891, rund um das 600-Jahr-Jubiläum der Eidgenossenschaft, schweizweit daran, alte Burgruinen auszugraben und zu sanieren. 1918 kam auch in Küsnacht die Idee auf, nach der Wulp zu suchen - zu einer Zeit, als der Erste Weltkrieg noch tobte und das Interesse an der nationalen Geschichte noch immer gross war. Zwei Jahre brauchte es aber noch, bevor sich die Ersten auf die Suche machten.

Die Erkenntnisse, welche die Grabungen von 1920 bis 1923 zutage brachten, waren allerdings spärlich - was daran liegen mag, dass die Arbeiten schlecht dokumentiert wurden und über die Jahre einiges in Vergessenheit geriet. Aufschlussreicher waren spätere Grabungen. 1961 bis 1962 gruben die Küsnachter erneut in die Tiefe. Vor allem aber musste die Ruine saniert werden, weil sich die Kronen der Burgmauern sowie die Fundamente nach 40 Jahren an der Oberfläche abzulösen begannen - da nützten auch die Zementabdeckungen aus den 20er-Jahren nichts.

Die meisten Erkenntnisse brachten dann die Grabungen von 1980 bis 1982 hervor. Die Funde - unter anderem auch Tonscherben aus der Bronzezeit und römische Münzen und Keramik - belegten, dass die Wulp schon lange bewohnt war, bevor eine Burg errichtet wurde. Diese wurde vermutlich erst ab dem 11. Jahrhundert in drei Bauetappen errichtet.

Der Burgensturm ist eine Legende

Viele Geheimnisse hat die Wulp aber noch immer nicht preisgegeben - zum Beispiel ist nach wie vor unklar, wer die Burg überhaupt bauen liess. Zum ersten Mal erwähnt im 12. Jahrhundert eine Chronik des Klosters Muri eine Burg am Zürichsee. Sie gehörte einem Eghartdus de Chüsnach. Ob es sich bei der Anlage tatsächlich um die Wulp handelte, wird aber heute bezweifelt. Die erste genaue Lagebeschreibung der Wulp findet sich erst in einer Chronik von 1466 - zu dieser Zeit war die Burg aber schon längst eine Ruine.

Und nicht nur um ihren Ursprung, sondern auch um ihren Niedergang ranken sich manche Legenden. Lange glaubte man, die Wulp sei 1268 in der Regensberger Fehde von den Zürchern und Habsburgern zerstört worden. Diese belagerten und eroberten zu dieser Zeit zahlreiche Burgen in der Umgebung, die zum Hoheitsgebiet der Freiherren von Regensberg gehörten. So zeigt das Neujahrsblatt 1717 von Johann Melchior Füssli eine riesige Burg, aus der meterhohe Flammen lodern. «Das Schloss Wulp oder Wurp bey Itschnen in dem Küsnachter Berg dem Frei Herren von Regensperg zuständig ward von den Züricheren unter anführung Graaff Rodolph von Habspurg eingenommen und zerstört», steht im Titel.

Uralte Bauruine an der Goldküste

Allerdings stiessen die Archäologen in den 80er-Jahren auf der Wulp auf keine Brandschicht, die dies belegen könnte. Dass die Burg geschleift und angezündet wurde, ist somit wenig wahrscheinlich. So endete ihr goldenes Zeitalter wohl ganz unspektakulär: Die Wulp wurde wahrscheinlich um 1250 mit dem Niedergang der Regensberger Herrschaft aufgegeben. Zwar hatten die Regensberger zuvor einen Totalneubau in Angriff genommen, doch sie beendeten diesen, vermutlich auch aus finanziellen Gründen, nie. Die Wulp ist somit eine Bauruine geblieben - vielleicht war Bauen an der Goldküste schon damals schlicht zu teuer. Quellen: Thomas Bitterli Waldvogel: Die Burg Wulp und ihre Geschichte. Stäfa, 1993./Christian Bader: Die Burgruine Wulp bei Küsnacht. Basel, 1998.

Dass die Wulp angezündet wurde, gilt als unwahrscheinlich (Stich von 1717). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2009, 02:04 Uhr

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