Grundwasser ist an jeder dritten Messstelle belastet

Ein Nachhaken bei Kantonschemikern zeigt, wie oft Pestizidreste in Reservoirs zu finden sind. Im Kanton Zürich wird deshalb Seewasser beigemischt.

Einzelne Trinkwasserquellen mussten ausser Betrieb genommen werden: Blick in eine Filteranlage. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Einzelne Trinkwasserquellen mussten ausser Betrieb genommen werden: Blick in eine Filteranlage. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Die Aufregung war gross, als das Bundesamt für Umwelt seinen Bericht zur Qualität des Grundwassers in der Schweiz veröffentlichte: Chemische Stoffe aus der Landwirtschaft würden das Wasser vor allem im Mittelland «verbreitet und nachhaltig» schädigen, war darin vor zwei Wochen zu lesen. Ein Pestizidalarm dröhnte durch das Wasserschloss Europas.

Insbesondere die Abbau­stoffe des Pflanzenschutzmittels Chlorothalonil stellen gemäss dem Bericht ein Problem dar: Diese überschreiten an zahlreichen Messstellen den gesetzlich festgelegten Grenzwert von 0,1 Mi­krogramm pro Liter. Wo genau, wollte das Bundesamt für Umwelt allerdings nicht mitteilen.

Bei Chlorothalonil handelt es sich um ein Pestizid, das im Getreide- und Gemüseanbau gegen Pilzbefall eingesetzt wird. Der Wirkstoff und dessen Abbauprodukte verursachen nach neues­ten Erkenntnissen womöglich Krebs, die EU beschloss im Frühling ein Verbot.

«64 Prozent des Trinkwassers stammen im Kanton Zürich aus Grundwasservorkommen.»Wolfgang Bollack, Baudirektion Kanton Zürich

Wie eine Umfrage der Redaktion Tamedia bei Kantonschemikern und allen kantonalen Umweltämtern zeigt, ist die Lage prekärer als vom Bund mitgeteilt. Das liegt einerseits daran, dass die Kantone ­Zugriff auf die Daten von mehr Messstellen haben als der Bund, andererseits geben sie auch bereitwilliger Auskunft – allerdings sehr uneinheitlich. So stellten Thurgau und Waadt sämtliche Ergebnisse aller Messstellen zur Verfügung, während sich der Aargau auf den Datenschutz berief und nicht einmal mitteilen wollte, ob es auf seinem Gebiet überhaupt zu Grenzwertüberschreitungen gekommen war.

Der Aargau blockt ab

Total machten die Kantone Angaben zu 48 Überschreitungen des Grenzwerts. Mit Abstand am meisten Überschreitungen meldete der Kanton Zürich. Von den 92 untersuchten Messstellen konnten bei 49 Abbaustoffe von Chlorothalonil gemessen werden, wovon 29 den Grenzwert überschritten – im Durchschnitt um den Faktor 3,4. An einer Messstelle wurde der Grenzwert gar um den Faktor 13 überschritten. Wo genau die betroffenen Messstellen liegen, will der Kanton Zürich ebenfalls nicht sagen.

Wie Wolfgang Bollack von der Baudirektion betont, beziehen sich diese Resultate jedoch auf einzelne Grundwasserfassungen und nicht etwa auf Trinkwasser, das an Konsumenten abgegeben werde. Kommt es zu Grenzwertüberschreitungen in Trinkwasserfassungen, können Wasserversorger die Konzentrationen der Abbaustoffe senken, indem sie Wasser verschiedener Quellen mischen oder ganz auf die Nutzung einzelner Grundwasserpumpwerke verzichten. So stammt das Trinkwasser im Kanton Zürich laut Bollack nur zu rund 60 Prozent aus Grund­wasservorkommen, den Rest beziehe man aus dem Zürichsee, der keine Rückstände von Abbauprodukten des Pestizids Chlorothalonil enthalte.

Über die Langzeitwirkung von Chlorothalonil wissen wir wenig.Philippe Schenkel, Greenpeace

Die Trinkwasserversorgung der Stadt Zürich teilt mit, dass sie keine Überschreitungen feststellen konnte. In Winterthur mussten zwei Trinkwasserquellen jedoch ausser Betrieb genommen werden, wie Tobias Nussbaum von Stadtwerk Winterthur festhält. Laut dem Zürcher Kantonschemiker Martin Brunner handelt es sich dabei um eine Vorsorgemassnahme: «Solange wir von der Ungefährlichkeit eines Stoffes in unserem Trinkwasser nicht überzeugt sind, akzeptieren wir seine Anwesenheit in unserem wichtigsten Lebensmittel nicht.» Die Qualität des Zürcher Trinkwassers sei nach wie vor «ausgezeichnet».

Für Philippe Schenkel von Greenpeace Schweiz stellen jedoch auch Konzentrationen unterhalb des Grenzwerts ein Problem dar: «Die Abbaustoffe von Chlorothalonil sind sehr persistent, über ihre Langzeitwirkung wissen wir nur sehr wenig.» Am besten wäre laut Schenkel, die gefährlichen Stoffe würden gar nicht erst im Grundwasser landen.

Problematisch ist die Situation auch in Bern und Solothurn: Laut Rainer Hug vom Solothurner Amt für Umwelt ist das Grundwasser in zwei Bezirken flächig belastet: «In den beiden grossen und für die Trinkwasserproduktion wichtigsten Grundwasservorkommen Gäu und Wasseramt wird der Grenzwert an der Mehrheit der Fassungen unterschiedlich stark überschritten.»

In Bern ist die Lage insbesondere im Seeland heikel. In der «Gemüsekammer der Nation» liegen sieben der zehn Messstellen, an denen im Kanton Bern der Grenzwert überschritten wurde, wie das kantonale Gewässer- und Bodenschutzlabor mitteilt.

Wie die Recherchen der Redaktion Tamedia zeigen, beschränkt sich das Problem grösstenteils auf das Mittelland zwischen dem Juragebirge und den Alpen, wo Landwirtschaft am intensivsten betrieben wird. So konnten Kantonschemiker der Bergkantone Uri, Schwyz, Nidwalden, Obwalden, Graubünden, Wallis und Glarus bestätigen, dass es zu keinen Grenzwertüberschreitungen von Chlorothalonilrückständen im Grundwasser gekommen ist.

Auch in den Voralpenkantonen Apenzell Inner- und Ausserrhoden sowie St. Gallen kam es zu keinen Überschreitungen, bei letzterem wurden bei sieben Messstellen jedoch Rückstände unter dem Grenzwert entdeckt. In Schaffhausen kam es in Stein am Rhein zu einer Überschreitung des Grenzwerts, wie aus einem Jahresbericht des interkantonalen Labors hervorgeht.

Kantonschemiker beraten

Die einzigen Kantone, die bereit waren, sämtliche Resultate aller Messstellen preiszugeben, waren Thurgau und Waadt. So wurde im Kanton Thurgau der Grenzwert an drei Stellen überschritten, während es im Kanton Waadt an einer Stelle zu einer grossen Überschreitung kam.

Der Aargau dürfte aufgrund seiner intensiven Landwirtschaft ebenfalls stark betroffen sein. Die lokalen Behörden verweigern unter Berufung auf den Datenschutz aber jede Auskunft. Warum machen einige Kantone ein Geheimnis aus ihren Resultaten? «Der Verband der Kantonschemiker wird sich Ende Monat zu einer Konferenz in Davos treffen, um ein koordiniertes Vorgehen zu besprechen und eine allfällige Herausgabe der Messresultate zu beraten», erklärt Patrick Edder, Genfer Kantonschemiker und Verbandsvizepräsident.

«Jetzt aber nur noch Mineralwasser aus Plastikflaschen zu konsumieren, halte ich auf jeden Fall für übertrieben.»Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL)

Da rund 80 Prozent des Schweizer Trinkwassers aus Grundwasservorkommen stammen, wies das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen die Kantone Anfang August an, die Qualität des Trinkwassers zu überprüfen. Die Kontrollbehörden haben nun einen Monat Zeit, um sicherzustellen, dass der gesetzliche Grenzwert für Chlorothalonilrückstände von 0,1 Mikrogramm pro Liter eingehalten wird. Wo dies nicht möglich ist, werden Bewohner von den Behörden direkt informiert. Im Zweifelsfall kann man auch beim Trinkwasserversorger nachfragen, diese unterstehen einer Auskunftspflicht. Wo Grenzwerte überschritten werden, müssen Trinkwasserversorger Massnahmen wie das Mischen zweier Wasserquellen oder gar den Einbau von Filtern umsetzen, um die Konzentrationen der Chlorothalonilrückstände zu verringern.

Neun Jahre im Boden

Bis die womöglich krebserregenden Abbauprodukte des Fungizids komplett aus den Böden verschwinden, dürfte es noch etwas dauern: Laut Claude Ramseier, dem Kantonschemiker Freiburgs, beträgt ihre Lebensdauer 3320 Tage. Das entspricht mehr als neun Jahren.

«Durch das Reinheitsgebot haben wir mit unserem Trinkwasser ein extrem wertvolles Gut», sagt Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau. Die Warnungen müssten sehr ernst genommen und schleunigst entsprechende Massnahmen umgesetzt werden. «Jetzt nur noch Mineralwasser aus Plastikflaschen zu konsumieren, halte ich aber für übertrieben», so der Wissenschaftler. Denn der Grenzwert sei mit 0,1 Mikrogramm pro Liter relativ tief angelegt.

Erstellt: 27.08.2019, 23:16 Uhr

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