«Ich arbeite lieber im Hintergrund»

Viola Amherd mag es emotionslos und rational. Die CVP-Favoritin über Zuwanderung, die EU und Kritik aus ihrer Heimat.

Viola Amherd betont, dass auch die Schweiz sich bewegen müsse in der Beziehung zur EU. Foto: Franziska Rothenbühler

Viola Amherd betont, dass auch die Schweiz sich bewegen müsse in der Beziehung zur EU. Foto: Franziska Rothenbühler

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Sie haben beim SVP-Hearing klar weniger Stimmen erhalten als Ihre Kontrahentin Heidi Z’graggen. Was lief schief?
Nichts. Es lief sogar recht gut. Immerhin habe ich zehn Stimmen erhalten, so viele hatte ich nicht erwartet.

Warum?
Seit Wochen höre und lese ich immer wieder, ich sei zu links. Nun konnte ich immerhin eine Minderheit der SVP überzeugen, dass das nicht stimmt.

Was unternehmen Sie in den verbleibenden Tagen, damit Sie die Wahl schaffen?
(lacht) Ich gebe so viele Interviews wie noch nie. Dann finden noch mehrere Anhörungen statt. Natürlich führe ich auch viele Einzelgespräche, aber eine eigentliche Kampagne gibt es nicht, man kennt mich und meine Arbeit hier im Parlament.

«Ich bin zuversichtlich, dass diese Kampagne richtig eingestuft wird.»

Sie waren mehr als die anderen Kandidierenden mit unvorteilhaften privaten Geschichten konfrontiert: umstrittene Notariatsgebühren, Rechts­händel wegen einer Miete und wegen Steuerabzügen. War dies ein Thema in den Hearings?
Nein. Ich habe mich explizit bereit erklärt, Fragen dazu zu beantworten, aber es kamen keine. Ich bin zuversichtlich, dass diese Kampagne richtig eingestuft wird. Die Leute können das einordnen. Das sind aufgebauschte Geschichten, die mit dem Bundesratsamt nichts zu tun haben.

Jedenfalls zeichnen sie das Bild einer Person, für die Geld sehr wichtig ist. Ist das so?
Nein, eben genau nicht. Das Ärgerliche an diesen Vorwürfen ist, dass man ihnen kaum widersprechen kann, ohne dass es nach einer Rechtfertigung aussieht. Ich versuche es trotzdem: Wenn ich so geldgierig wäre, wie man mich darstellen will, würde ich nicht seit Jahren Freiwilligenarbeit machen, zum Beispiel beim Landschaftspark Binntal oder im Kinderschutz. Vermutlich hätte ich mich anders orientiert und versucht, Mandate bei Banken oder Versicherungen zu erhalten.

Viel Kritik kommt aus Ihrer Heimat, dem Wallis. Das ist vor Bundesratswahlen unüblich. Wie erklären Sie sich das?
Das sind einige Einzelpersonen, die dank der Medien unnötig viel Beachtung erhalten. Die Stimmung im Wallis ist ganz anders. Ich spüre viel Unterstützung und Begeisterung. Viele Leute sprechen mich spontan auf der Strasse an und wünschen mir Glück.

«Dass ich single bin, stört im Wallis niemanden. Wir leben hier nicht hinter dem Mond.»

Hat die Skepsis mit Ihrer ungewöhnlichen Lebensform zu tun? Man liest, Sie lebten mit Ihrer Schwester und deren Kind zusammen . . .
. . . das stimmt nicht ganz. Ich wohne allein, aber in derselben Überbauung wie meine Schwester. Richtig ist, dass wir ein sehr nahes Verhältnis haben. Wir sind eine kleine Familie, unsere Eltern seit einigen Jahren tot. Dass ich single bin, stört im Wallis niemanden. Wir leben hier nicht hinter dem Mond. (lacht)

Bei der Bundesratswahl sind Sie Favoritin, weil Sie schon lange im Parlament sitzen, Ihre Konkurrentin aber von aussen kommt. Einverstanden?
Nein, das Rennen ist offen. Der Unterschied ist, dass man mich im Bundeshaus gut kennt. Das bringt Vor- und Nachteile mit sich. Meine Positionen sind bekannt, nicht alle finden sie gut. Wer von aussen kommt, hat dagegen die Möglichkeit, sich unbelastet zu präsentieren.

In welchen wichtigen ­Geschäften haben Sie sich in den 13 Jahren als Nationalrätin prägend eingebracht?
Am stärksten beim Kinder- und Jugendschutz. Im Service public war ich mit verschiedenen Vorstössen erfolgreich, zum Beispiel bei der Post. In der Verkehrspolitik habe ich mehrere wichtige Vorlagen begleitet, etwa die neuen Fonds zur Finanzierung von Strasse und Schiene. Ein Vorstoss von mir hat zudem dazu beigetragen, dass die Kantone ein Konkordat zum Umgang mit Schwerverbrechern geschlossen haben.

«Mein Ziel ist immer eine nüchterne, rationale Politik.»

Aber in zentralen Themen – Europa, Altersvorsorge, ­Steuerstreit, Asyl – spielten Sie nie eine tonangebende Rolle.
Das ist eine sehr einseitige Auswahl. Für die Leute sind nicht nur Europa und die AHV wichtig. Da ich der Verkehrs- und der Rechtskommission angehöre, habe ich mich mehr um diese Bereiche gekümmert. Dort habe ich mich sehr wohl exponiert, zum Teil auch als Kommissionspräsidentin. Aber ich gebe zu, dass ich nicht zu denen gehöre, die das Rampenlicht suchen. Ich arbeite lieber im Hintergrund.

Ist dann das Amt einer ­Bundesrätin das richtige?
Ja. Ich will nicht Bundesrätin werden, weil ich die Aufmerksamkeit suche, sondern weil ich mich gerne einmische und mitrede, wenn es um die Zukunft des Landes geht. Das war schon in Brig-Glis so, weshalb ich früh in die Stadtpolitik eingestiegen bin und zwölf Jahre Stadtpräsidentin war. Mein Ziel ist immer eine nüchterne, rationale Politik. Debatten nur für die Tribüne passen nicht zu mir.

Viele sehen Sie als linke ­CVP-Vertreterin und Heidi Z’graggen als bürgerlichere Alternative. Wie sehen Sie das?
Ich kann das nicht nachvollziehen. Selber halte ich mich für eine präzise Mittepolitikerin. Auch beim Vergleich meiner Positionen mit jenen von Frau Z’graggen fielen mir keine wesentlichen Unterschiede auf. Das liegt wohl auch daran, dass wir beide Exekutiverfahrung haben. Da wird man pragmatisch. Zudem: Wenn ich die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnen möchte, ist das nicht links, sondern liberal.

«Wir müssen uns auch bewusst sein, wie sehr wir auf ausländische Fachkräfte angewiesen sind.»

Z’graggen sagte der NZZ, es brauche eine Debatte, wie viel Zuwanderung die Schweiz vertrage. Finden Sie das auch?
Ja, aber diese Diskussion findet bereits statt. Die Schweiz ist gut gerüstet, weil die letzte Asylreform unter anderem schnellere Entscheide erlaubt. Entscheidend ist, dass wir Abgewiesene tatsächlich heimschicken können.

Im Rahmen der Personenfreizügigkeit mit der EU erfolgt die meiste Zuwanderung. Wie fällt Ihre Beurteilung hier aus?
Diese Zuwanderung ist stark ­zurückgegangen, ohne dass wir scharfe Massnahmen ergriffen haben. Wir müssen uns auch bewusst sein, wie sehr wir auf ausländische Fachkräfte angewiesen sind. Als ich kürzlich wegen eines Nierensteins im Spital war, habe ich gesehen, dass unsere Gesundheitsversorgung ohne sie zusammenbrechen würde. Dasselbe gilt für den Tourismus.

Dann halten Sie die aktuelle Einwanderung von netto etwa 50'000 Personen im Jahr auch längerfristig für verkraftbar?
Ja, denn wir brauchen die Zuwanderung von Fachkräften. Eben erst hat die Lonza erklärt, dass sie in den nächsten Jahren mehrere Hundert Stellen neu besetzen muss, was ohne Zuwanderung unmöglich sei.

«Für mich ist klar, dass wir das Abkommen brauchen, um das Verhältnis zum wichtigsten Handelspartner zu festigen.»

Werden Sie dem UNO-­Migrationspakt zustimmen?
Ich muss ihn erst lesen, bevor ich mich entscheide. Jedenfalls finde ich es richtig, dass der ­Bundesrat den Entscheid dem Parlament überlässt.

Der Bundesrat muss heute beschliessen, ob und wie es mit dem Rahmenabkommen mit der EU weitergeht. Wie würden Sie entscheiden?
Das kann ich nicht sagen, weil ich die Details nicht kenne. Für mich ist klar, dass wir das Abkommen brauchen, um das Verhältnis zum wichtigsten Handelspartner zu festigen. Gleichzeitig gibt es auch für mich rote Linien.

Wären Sie bereit, Abstriche beim Lohnschutz zu machen?
Nein. Aber ich halte es für möglich, dass wir zum Beispiel die achttägige Voranmeldefrist für ausländische Firmen verkürzen können, ohne den Lohnschutz infrage zu stellen. Auch die Schweiz muss sich bewegen. Man darf nicht vergessen, dass wir einen Preis bezahlen müssten, wenn das Abkommen scheitert. Die EU würde uns Nadelstiche versetzen.

«Mit Differenzen haben wir in der CVP Erfahrung.»

Sie wären die einzige CVP-­Bundesrätin. Welche Zukunft hat Ihre schrumpfende Partei?
Als Bundesrätin wäre ich primär dem Land verpflichtet, nicht der Partei. Trotzdem hoffe ich, dass sich die CVP bei den Wahlen 2019 erholen kann. Die Partei ist wichtig, weil sie Brücken baut. Ohne uns drohen noch mehr Blockaden in wichtigen Fragen.

Präsident Gerhard Pfister setzt zuweilen konservative Signale, die dem linksliberalen Flügel nicht passen. Wie ist Ihr ­Verhältnis zu ihm?
Es gibt keine Friktionen zwischen uns. Die Wertedebatte, die er lanciert hat, ist in meinem Sinn. In anderen Fragen haben wir Differenzen. Aber damit haben wir in der CVP Erfahrung.

Erstellt: 30.11.2018, 06:34 Uhr

Viola Amherd

Die 56-jährige Anwältin und Nationalrätin Viola Amherd will am Mittwoch Bundesrätin werden. Sie ist kinderlos, «überzeugte Ledige» und Vegetarierin. Als frühere Stadtpräsidentin von Brig hat sie auch Regierungserfahrung. (fab)

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