«Ich hatte immer das Gefühl, dass ich gleich viel kann wie ein Mann»

Elfie Schöpf hat 1991 den ersten Frauenstreik koordiniert. Die heute 82-Jährige sagt, warum sie es bitter nötig findet, dass die Frauen diesen Juni wieder demonstrieren.

«Zum Glück haben sie gemerkt, dass sie noch immer benachteiligt sind»: Elfie Schöpf in ihrem Zuhause in Bern. Foto: Franziska Rothenbühler

«Zum Glück haben sie gemerkt, dass sie noch immer benachteiligt sind»: Elfie Schöpf in ihrem Zuhause in Bern. Foto: Franziska Rothenbühler

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Elfie Schöpf, Vorkämpferin für Frauenrechte, wirkt sehr entspannt. In ihrer Wohnung im Marziliquartier in der Stadt Bern ist alles hell und liebevoll eingerichtet. An den Wänden im Wohnzimmer hängen zahlreiche Fotos von ihren beiden Kindern sowie den fünf Enkeln und zwei Urenkeln.

Andere Porträts zeigen Menschen, denen sie bei ihrer Arbeit für die Entwicklungsorganisation Swissaid begegnete. Die Stube ist offensichtlich ein Ort, wo Elfie Schöpf in Erinnerungen schwelgt. Dabei verlief das Leben der heute 82-Jährigen alles andere als friedlich.

«Ich war nicht so gerne Hausfrau.»Elfie Schöpf, Vorkämpferin für Frauenrechte

«Ich musste immer kämpfen», sagt sie, die schon als Kind erlebte, dass Mädchen weniger gefördert werden als Buben: «Es war klar, dass die Schulkarriere meines Bruders wichtiger ist als meine.»

Elfie Schöpf, die in Basel aufgewachsen ist, besuchte in Freiburg die Handelsschule, absolvierte also eine solide, aber nicht allzu ambitionierte Ausbildung. Später heiratete sie und bekam Kinder. Es sah aus, als werde sie ein typisches Frauendasein führen.

Job vor Mann verheimlicht

Doch Elfie Schöpf wollte mehr. «Ich war nicht so gerne Hausfrau», erzählt sie. Also begann sie, Artikel zu schreiben und diese an Zeitungen zu schicken. Die Rückmeldungen waren durchwegs positiv, und so schrieb Schöpf immer häufiger. «Abends, wenn die Kinder im Bett waren, setzte ich mich an die Schreibmaschine», sagt sie.

Schliesslich nahm sie eine Stelle bei einem Zürcher Grosskonzern an, für den sie dessen Hauszeitung herausgeben sollte. Ihrem Mann verheimlichte sie den Job, weil dieser dagegen war, dass sie arbeitete. «Ich ging morgens nach ihm aus dem Haus. Abends schaute ich, dass pünktlich um sechs Uhr das Abendessen auf dem Tisch stand, damit er nichts merkt», sagt sie.

Als sie 40 Jahre alt war, kam es zum Eklat mit ihrem Mann.

Die Kinder waren eingeweiht. Ein älterer Nachbarsbub kümmerte sich jeweils darum, dass sie ihre Hausaufgaben korrekt erledigten. Es war eine harte Zeit, doch Elfie Schöpf blieb ihren Überzeugungen treu und arbeitete weiter. Warum? «Ich hatte immer das Gefühl, dass ich genauso viel kann wie ein Mann», erklärt sie.

Als sie 40 Jahre alt war, kam es zum Eklat mit ihrem Mann, weil die Weltanschauungen zu weit auseinander lagen. Sie trennte sich, zog mit den beiden Teenagern nach Bern und arbeitete von nun an als Zentralsekretärin der SP Schweiz. So kam sie auch dazu, den Frauenstreik am 14. Juni 1991 zu organisieren.

Der Frauenstreik wurde ein voller Erfolg: Über eine halbe Million Frauen legten an dem Tag die Arbeit nieder.

«Bei einer Medienkonferenz traf ich die spätere Bundesrätin Ruth Dreifuss, die damals noch Zentralsekretärin beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund war», berichtet Elfie Schöpf. «Sie sagte mir, ich solle den Streik doch schweizweit koordinieren.»

Schöpf war sofort Feuer und Flamme und trat die auf ein halbes Jahr befristete Stelle als Koordinatorin beim Gewerkschaftsbund an. Sie schrieb Artikel, verschickte Pins und Poster an die Regionalgrupppen, gab Tipps, hielt Reden. Der Frauenstreik wurde ein voller Erfolg: Über eine halbe Million Frauen legten an dem Tag die Arbeit nieder.

Die zweite Bundesrätin

Wenn sie heute von der damaligen Aufbruchstimmung spricht, spürt man noch immer ihre Begeisterung. Am meisten beeindruckt haben Elfie Schöpf Frauen, die sich getrauten, ihren Frust und ihre Ungeduld öffentlich zu äussern, auch wenn sie dafür ausgebuht wurden.

Insbesondere die Uhrenarbeiterinnen im waadtländischen Vallée de Joux, die trotz erheblicher Widerstände als Erste gegen ihre Patrons und deren unfaire Lohnpolitik aufbegehrt hatten.

Die Frauen hatten vehement kämpfen müssen für ihren Anteil an der Macht.

Nach anfänglichem Zögern erkannten auch immer mehr Männer, dass sie die Anliegen der Frauen nicht einfach ignorieren konnten. Und die Frauen hätten dank dem Streik gemerkt, wie viel Macht sie hätten, ist Elfie Schöpf überzeugt.

Es gab auch eine indirekte Auswirkung: Nur zwei Jahre später wurde Ruth Dreifuss Bundesrätin. Sie war nach Elisabeth Kopp (FDP) erst die zweite Frau, die es in dieses hohe Amt schaffte.

Die Frauen hatten vehement kämpfen müssen für ihren Anteil an der Macht. Anstelle der offiziellen SP-Bundesratskandidatin Christiane Brunner hatten die Parlamentarier zuerst einen Mann, den SPler Francis Matthey, gewählt. Es kam zu heftigen Protesten, Matthey lehnte die Wahl ab – und so konnte am Ende mit Ruth Dreifuss doch noch eine Frau in die Landesregierung einziehen.

«Leider wird schon kleinen Mädchen eingeprägt, dass sie sich nicht so wichtig nehmen sollen.»Elfie Schöpf, Vorkämpferin für Frauenrechte

Seither hat sich einiges verändert. Heute gibt es mit Simonetta Sommaruga (SP), Karin Keller-Sutter (FDP) und Viola Amherd (CVP) drei Bundesrätinnen. Die wenigsten Männer stören sich daran, wenn ihre Frauen arbeiten. Und die allermeisten Väter wissen, wie man ein Kind tröstet, eine Waschmaschine bedient oder ein schnelles Mittagessen kocht.

Dennoch findet Elfie Schöpf, dass ein zweiter Frauenstreik absolut nötig ist. «Frauen verdienen nach wie vor weniger», betont sie. Das ist nicht nur eine Ungerechtigkeit, sondern es führt auch dazu, dass sich die traditionelle Rollenverteilung hartnäckig hält: Nach der Geburt eines Kindes reduziert in der Regel die Frau ihr Arbeitspensum, weil die Lohneinbusse beim Mann grösser wäre.

Frauen sollen sich wehren

«Zum Glück haben die Frauen gemerkt, dass sie noch immer benachteiligt sind», sagt Elfie Schöpf. «In den letzten Jahren hat man mir immer wieder gesagt, alle Ziele seien doch schon erreicht.» Deshalb habe sie lange gar nicht geglaubt, dass nochmals ein Streik zustande komme.

Umso mehr freut sie sich nun, dass die Frauen nach wie vor kampfbereit sind. Sie findet, Frauen müssten sich generell mehr wehren und für ihre Anliegen einstehen. «Leider wird schon kleinen Mädchen eingeprägt, dass sie sich nicht so wichtig nehmen sollen.»

Und was macht sie am kommenden Frauenstreik am 14. Juni? Die 82-Jährige übernimmt keine offizielle Funktion mehr, das überlässt sie Jüngeren. «Aber ich werde sicher mal vorbeischauen, was auf dem Bundesplatz passiert.»

Erstellt: 16.05.2019, 15:45 Uhr

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