«Ein Politiker stöhnte mir auf die Combox»

Meist werden Journalisten in der #MediaToo-Umfrage als Beschuldigte genannt. Doch in 34 Fällen berichten Männer selbst von Belästigungen.

Ein Journalist erhielt belästigende Nachrichten auf die Combox. Foto: Getty

Ein Journalist erhielt belästigende Nachrichten auf die Combox. Foto: Getty

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Auch 298 männliche Medienschaffende haben an der anonymen Onlineumfrage des Recherchedesks und des Datenteams von Tamedia teilgenommen. Von ihnen sind oder waren weitaus weniger, nämlich 34 Journalisten, während ihrer Arbeit persönlich von sexuellen Übergriffen oder sexueller Belästigung betroffen. Das sind 11 Prozent aller Teilnehmer. Es handelt sich dabei um festangestellte wie freischaffende Journalisten aus den vier Sparten Fernsehen, Radio, Online und Print. Auch ein Volontär, ein pensionierter Journalist sowie ein Mitarbeiter einer Kommunikationsagentur befinden sich darunter.

Die Männer erzählen von verbalen sowie körperlichen Übergriffen – durch beide Geschlechter, und zwar etwa gleich häufig. Frauen hingegen werden meist von Männern belästigt, nur in seltenen Fällen durch Frauen. Die männlichen Journalisten schildern darüber hinaus, genau wie ihre weiblichen Kolleginnen, wie sie unerwünschte sexistische Fotoinhalte zugeschickt bekamen oder aber elektronisch oder physisch gestalkt wurden.

Ein Journalist schildert: «Ein Vorgesetzter hat mir einmal einen Klaps auf den Hintern gegeben, einmal setzte er sich mir auf mein Bein. Wäre ich eine Frau gewesen, hätte es ihn vermutlich den Job gekostet. Ich empfand es einfach als eklig und unpassend.»

Ein anderer Journalist berichtet von «seltsamen Bemerkungen» einer Praktikantin: «Sie würde gerne mal bei mir vorbeikommen, ob ich schon mal einen Dreier gehabt habe. Darauf reagierte ich noch ausweichend. Dann packte sie mich nach dem Mittagessen in der Kantine einmal am Hintern. Ich sagte ihr sofort, dass ich das nicht will. Später schickte sie mir im internen Chatprogramm ein Foto, das den nackten Hintern einer männlichen Statue zeigte. Darunter die Worte ‹Bisch es Füdli›. Ich ging komplett auf Abstand.»

Ein dritter Journalist mit Führungsfunktion erzählt, eine Praktikantin habe ihm einmal ungefragt die Schultern und den Nacken massiert: «Mehrere Hinweise, dass das nicht angebracht ist, wurden ignoriert. Erst als ich sie darauf hinwies, welche Schlagzeilen mit umgekehrten Vorzeichen entstünden, hörte sie damit auf. Ich glaube nicht, dass sie es aus sexuellem Interesse gemacht hat – trotzdem ist es ein Eingriff.»

«Ein Politiker stöhnte mir auf die Combox»

Ein Printjournalist berichtet, er sei nach einer Recherche über einen Politiker massiven Belästigungen ausgesetzt gewesen. «Er stöhnte mir auf die Combox und schrieb mir belästigende Mails. Es ging ihm mehr darum, mich zu belästigen, als um ernst gemeinte sexuelle Avancen. Daraufhin zeigte ich ihn an, und er wurde per Strafbefehl verurteilt.»

Dass ein Betroffener seinen Belästiger offiziell meldet oder gar anzeigt, ist auch bei den Männern die absolute Ausnahme. Genau wie männliche Opfer an sich eine Ausnahme sind. Dies betonen auch sie selbst in der Umfrage. Mehrere schildern, wie sie belästigt worden seien – und fügen sogleich an, dass es sich dann wohl nicht um sexuelle Belästigungen handeln könne. «Wäre ich eine Frau», schreiben sie. Oder: «Ich bin ja keine Frau.»

Der Journalist, der von einer Praktikantin «Füdli» genannt wurde, fasst sein Erlebnis vom letzten Jahr wie folgt zusammen: «Jetzt kam ich mal in die Situation, in die so viele Frauen tagtäglich geraten: sexuelle Belästigung. Ich kann nun – zumindest teilweise – erahnen, wie sie sich fühlen müssen. Da der überwiegende Teil sexueller Belästigung von Männern ausgeht, muss ich als Mann sagen: Es tut mir leid, was mein Geschlecht anrichtet. Das Interessante an meinem ‹Fall› ist ja, dass er so atypisch ist für sexuelle Belästigung: Erstens ging sie von einer Frau aus und zweitens von einer Praktikantin, also einer Person, die hierarchisch unter mir stand.»


#MediaToo: Warum wir jetzt keine Täter nennen

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Recherche über sexuelle Belästigung im Journalismus – im Podcast von Reporterin Simone Rau und Oliver Zihlmann, Leiter Recherchedesk Tamedia.

Erstellt: 10.06.2019, 16:35 Uhr

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