«Verstärkt wird das noch, wenn ein Hierarchiegefälle besteht»

Wo Journalistinnen in besonders heikle Situationen geraten, erklärt Arbeitspsychologin Marianne Schär Moser.

«Wenn Bemerkungen von einer Autoritätsperson kommen, können Grenzüberschreitungen grosse Unsicherheiten auslösen», sagt Schär Moser: Eine Journalistin interviewt einen Politiker. Symbolbild: Getty

«Wenn Bemerkungen von einer Autoritätsperson kommen, können Grenzüberschreitungen grosse Unsicherheiten auslösen», sagt Schär Moser: Eine Journalistin interviewt einen Politiker. Symbolbild: Getty

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In der Tamedia-Umfrage geben 204 betroffene Journalistinnen an, wer sie belästigte. Rund 40 Prozent nennen Externe: Interviewpartner, Informanten oder Experten etwa.
Journalistinnen sind offenbar viel öfter Belästigungen durch Externe ausgesetzt als der Durchschnitt in unserer nationalen Studie. Dies scheint eine Besonderheit der Medienbranche zu sein. Das Ausmass ist nur mit der Gesundheitsbranche vergleichbar, die ähnlich hohe Werte hat in diesem Bereich. Den Journalistinnen geht es also ähnlich wie den Pflegerinnen. Auch diese erleben bei der Arbeit viele Belästigungen, in ihrem Fall von Patienten.

Was ist dagegen zu tun?
Laut Gleichstellungsgesetz ist der Arbeitgeber verpflichtet, seine Angestellten vor sexueller Belästigung zu schützen. Wenn es also zu einer Belästigung im Betrieb kommt, hat der Arbeitgeber die Pflicht zum Handeln und kann den Beschuldigten zur Rechenschaft ziehen. Bei einem Externen ist das viel schwieriger. Im Gesundheitswesen wurden hier aber sehr gute Lösungen entwickelt.

Zum Beispiel?
Spitäler, Heime oder Spitex-Organisationen versuchen, ihre Mitarbeitenden bestmöglich zu schützen. Der Berufsverband für die Pflege hat einen Leitfaden erstellt mit dem Titel «Verstehen Sie keinen Spass, Schwester?». Er hilft dem Personal, sich vor Übergriffen zu schützen. Inwieweit das auch in der Medienbranche möglich ist, bleibt offen. Es ist wohl nicht einfach. Das ist aber kein Grund, auf Schutzmassnahmen für die Journalistinnen zu verzichten.

Was müssen die Medienhäuser also tun?
Die Pflicht des Arbeitgebers zum Schutz vor sexueller Belästigung gilt auch in diesen Situationen. Wenn bekannt ist, dass die Belästigungen so oft von Externen ausgehen, müssen die Medienhäuser hier geeignete Konzepte entwickeln. Sie müssen auch gegen aussen eine klare Haltung kommunizieren, dass dies in keiner Weise geduldet wird. Wenn sich Journalistinnen melden, sollten sie unterstützt werden, auch wenn sie Anzeige erstatten möchten.

Die Umfrage zeigt aber, dass die Vorfälle intern kaum gemeldet werden.
Das ist tatsächlich häufig der Fall, nicht nur in der Medienbranche. Nicht selten sind Betroffene verunsichert darüber, was ihnen passiert ist und ob es sexuelle Belästigung war oder nicht. Gerade für unerfahrene Berufseinsteigerinnen ist es eine Herausforderung, sich zu wehren. Verstärkt wird das noch, wenn ein Hierarchiegefälle besteht. Wenn also zum Beispiel ein Politiker, der interviewt werden soll, eine hohe Stellung hat und die Journalistin neu im Beruf ist.

Zahlreiche Journalistinnen schreiben, die Beschuldigten hielten ihr Verhalten für normal oder sogar zuvorkommend.
Der Gesetzgeber hält klar fest, dass bei sexueller Belästigung das persönliche Empfinden der Betroffenen ausschlaggebend ist. Gerade wenn Bemerkungen von einer Autoritätsperson kommen, können bereits kleinere Grenzüberschreitungen grosse Unsicherheiten auslösen. Es ist also nicht die Schuld von Journalistinnen, wenn sie sich belästigt fühlen. Es ist vielmehr die Aufgabe von Politikern, Managern, Lesern oder Zuschauern, sich gegenüber Journalistinnen respektvoll zu verhalten. Sie müssen wissen, was ihre Worte bewirken. Und es ist die Verantwortung der Medienunternehmen, Massnahmen zum Schutz der Journalistinnen zu entwickeln.


#MediaToo: Der Podcast

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Recherche über sexuelle Belästigung im Journalismus – im Podcast von Reporterin Simone Rau und Oliver Zihlmann, Leiter Recherchedesk Tamedia.

Erstellt: 07.06.2019, 16:57 Uhr

Was tun bei einem Vorfall?

Auch in der Medienbranche melden die Betroffenen sexuelle Belästigungen sehr selten. Experten bestätigen einhellig, dass man sich stets beraten lassen sollte. Viele Medienhäuser, darunter auch Tamedia, haben dafür Vertrauenspersonen unter den Mitarbeitenden, die unter Schweigepflicht stehen. Die Personalabteilung ist Anlaufstelle für Meldungen. Aufgrund der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers müssen sie diesen nachgehen. Für eine anonyme Beratung ausserhalb des Betriebs wendet man sich an Angebote wie www.belaestigt.ch, deren Experten Vorfälle kompetent einordnen. (oz/sir)

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Arbeitspsychologin Marianne Schär Moser ist Mitverfasserin der ersten schweizweiten Studie zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz für das Staats­sekretariat für Wirtschaft.

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