«Migrantenschreck»: Onlineshop verkauft Waffen gegen Flüchtlinge

Ein Onlinewaffenshop ruft zu Gewalt gegen Migranten auf – der Hauptsitz soll sich in der Schweiz befinden. Dahinter steckt vermutlich ein bekannter deutscher Rechtsextremer.

130 Joule Schusskraft: Der Webshop Migrantenschreck verkauft potenziell tödliche Schusswaffen (18. August 2016).

130 Joule Schusskraft: Der Webshop Migrantenschreck verkauft potenziell tödliche Schusswaffen (18. August 2016). Bild: Screenshot Migrantenschreck

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Die Durchschlagskraft «reicht, um jeden Asylforderer niederzustrecken», egal, ob «Ficki-Ficki-Fachkraft oder Hobbydieb»: So bewirbt der deutschsprachige Onlineshop Migrantenschreck seine Produkte. Es sind Gewehre und Revolver, die Hartgummigeschosse oder Tränengaspatronen verschiessen. Das Modell Migrantenschreck HD130 Superior, mit einer lebensgefährlichen Schusskraft von 130 Joule, kostet 749 Euro.

In einer eigenen Nachrichtensektion auf der Seite verweben Pseudoartikel Schlagzeilen zu einem fremdenfeindlichen Bedrohungsszenario: «Araber-Mob attackiert Polizisten» oder «Syrische ‹Flüchtlinge› ermorden Asyl-Dolmetscher» titeln die Meldungen. Das schürt die in Teilen der Bevölkerung herrschende Unsicherheit: Bereits rüsten sich Bürger mit Schreckschusspistolen aus, in der Schweiz boomen Pfeffersprays, die Anträge auf Waffenscheine schnellen in die Höhe.

Eine Bewilligung für die Hartgummigewehre sei nicht nötig, verspricht hingegen der Händler. Die potenziell tödlichen Schusswaffen fallen aber sowohl in Deutschland wie auch in der Schweiz unter das Waffengesetz. Ein Kauf ohne Erwerbsschein ist strafbar – ebenso ein Verkauf ohne Händlerlizenz. Trotzdem verspricht der Shop: Die Bestellung erfolge «ohne lästige bürokratische Hürden oder ärgerlichen Papierkram».

Als Inhaber taucht überall Mario Rönsch auf: Registrierungsdaten der .net-Domain (Quelle: domainbigdata.com).

Möglicherweise ist die Website darum in Russland registriert. Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigen: Der illegale Waffenshop ging zuerst in der Schweiz online. Am 30. April wurde die Seite Migrantenschreck.ch beim Domainverwalter Switch registriert. Als Geschäftsstelle der Migrantenschreck GmbH war die Neugasse 1 in Rorschach SG angegeben. Eine Woche später verschwand die Schweizer Webadresse. Der Basler Webhoster, der sie verwaltete, wurde vom österreichischen Watchblog Mimikama auf den fremdenfeindlichen Inhalt aufmerksam gemacht. Die Firma liess die Domain daraufhin löschen. Danach tauchte der Onlinehändler mit den Endungen .at, .net und .com wieder auf, die Seiten wurden ebenfalls kurz darauf deaktiviert. Als Inhaber ist überall – auch beim Schweizer Domainverwalter – der gleiche Name gelistet: Mario Rönsch.

Rönsch im Visier der Ermittler

Rönsch ist in Deutschland als Mitorganisator der Montagsdemonstrationen in Berlin und Erfurt bekannt, die wiederholt durch antisemitische und rechtsextreme Parolen auffielen. 2014 liess Rönsch etwa Jürgen Elsässer auftreten, den Chefredaktor des rechtspopulistischen Magazins «Compact». Rönsch soll laut Recherchen von «Focus» auch hinter der Facebook-Seite Anonymous.Kollektiv stehen, die rassistische Kommentare und Veranstaltungen der migrationsfeindlichen Alternative für Deutschland (AfD) verbreitete. Die «Süddeutsche Zeitung» bezeichnet Anonymous.Kollektiv als «eine der grössten deutschen Hassseiten Deutschlands». Am 21. Mai verschwand die Facebook-Seite nach einer Anzeige des Grünen-Politikers Volker Beck gegen die Betreiber vom Netz. Grund für die Anzeige waren «Verleumdungen» und «Morddrohungen», wie Becks Büroleiter Sebastian Brux zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt. Auch die Schweizer Bundespolizei Fedpol kontaktierte das soziale Netzwerk wegen «rassistischer Äusserungen» und «Hetze». Dies, weil bei der Abteilung zur Bekämpfung von Internetkriminalität (Kobik) Meldungen aus der Schweiz eingingen. Die Staatsanwaltschaft Erfurt habe wegen Verleumdung und Aufruf zu Straftaten ermittelt, habe das Verfahren aber vorläufig einstellen müssen, weil Rönsch untergetaucht sei, schreibt die «Süddeutsche Zeitung» weiter. Die Staatsanwaltschaft bestätigt die Angaben gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Sie ist nicht die einzige Behörde, die im Umkreis von Rönschs mutmasslichen Aktivitäten Ermittlungen anstellt. Die Abteilung Staatsschutz des Landeskriminalamts (LKA) Berlin führt ein Verfahren im Zusammenhang mit dem Waffenshop Migrantenschreck. Dort finden sich nämlich auch Werbevideos, in denen ein maskierter Mann die angebotenen Schusswaffen vorführt. Als Ziele dienen ihm Wasserflaschen, Kohlköpfe und Plakate mit Gesichtern von deutschen Politikern – darunter Justizminister Heiko Maas. Ob Rönsch persönlich im Fokus der Ermittlungen steht, will das LKA gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet nicht beantworten. Mario Rönsch selber reagiert nicht auf wiederholte Kontaktversuche.

Schüsse auf deutsche Politiker: So bewirbt der Onlineshop seine Waffen (Quelle: Youtube/Migrantenschreck GmbH).

Auch die Polizei Konstanz ist aktiv. Ihr ging vor kurzem ein Mann ins Netz, der über Migrantenschreck.ru eine Waffe bestellte. Statt eines Gewehrs erhielt er Besuch von Polizisten, wie das Nachrichtenmagazin «Motherboard» berichtet. Diese ermitteln nun gegen die Betreiber des Shops. Die Polizei zweifle jedoch, ob überhaupt Waffen ausgeliefert würden, sagt ein Beamter. Den Behörden sei bislang kein erfolgreicher Waffenkauf bekannt.

Morddrohungen gegen Watchblog

Tatsächlich gibt es mehrere Hinweise, dass hinter dem fremdenfeindlichen Onlineshop eine Betrugsmasche steckt. Die angebotenen Modelle gleichen stark den Produkten des ungarischen Waffenhändlers Keseru Muvek Fegyvergyár – werden aber für das Doppelte des Originalpreises verkauft. Ausserdem soll das Geld bei Bestellung an eine Bank in Budapest überwiesen werden, schreibt «Motherboard» weiter. Dort soll die Migrantenschreck GmbH laut dem Impressum einer früheren Version der Website eine Zweigstelle unterhalten. An der angegebenen Adresse findet sich aber lediglich eine Bar. Das Gleiche beim angeblichen Schweizer Hauptsitz: Dort befindet sich eine Filiale der Post. Die Migrantenschreck GmbH ist auch im Handelsregister nicht zu finden. Zudem sind gegen Rönsch zwei ältere Verfahren wegen Betrugs hängig – sie wurden ebenfalls vorläufig eingestellt, weil Rönsch nicht auffindbar ist.

Es ist also fraglich, ob der Onlinehändler ohne echte Geschäftsadressen und ohne ersichtlichen Lieferanten überhaupt Schusswaffen gegen «Asylforderer» ausliefern kann. Auch bleibt unklar, ob hinter dem in der Schweiz gestarteten Waffenshop wirklich der untergetauchte Rönsch steckt. Die Indizien deuten darauf hin. Auf jeden Fall hatte der Betreiber keine Freude am Hinweis des Watchblogs Mimikama, der zur Löschung von Migrantenschreck.ch führte. Auf der aktuellen Website mit der Endung .ru sind die Mimikama-Gründer mit einer Adresse in Österreich aufgeführt: A. W. und T. W. Diese meldeten sich am Mittwoch mit einem längeren Facebook-Eintrag. Der Betreiber des Waffenladens habe ihre Namen aus Rache auf seiner Website veröffentlicht. Nun erhalten sie Morddrohungen.

Erstellt: 19.08.2016, 16:58 Uhr

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