Nirgends sicher

Früher erlebten Frauen die meiste Gewalt von ihren Partnern. Das scheint sich gerade zu ändern.

Demonstration am 12. August in Lausanne nach dem Angriff auf junge Frauen in Genf.

Demonstration am 12. August in Lausanne nach dem Angriff auf junge Frauen in Genf. Bild: Keystone

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Letzten Mittwoch, fünf Uhr morgens in Genf: Ein Mann stösst beim Verlassen eines Nachtclubs eine Frau von hinten die Treppe hinunter – offenbar grundlos. Vier andere Frauen wollen ihr zu Hilfe eilen, werden ebenfalls zusammengeschlagen. Am Ende sind zwei Frauen schwer verletzt, eine davon liegt noch im Koma. Am Sonntag demonstrierten in verschiedenen Städten rund 500 Personen gegen Gewalt an Frauen.

Der Fall ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Die Gewalt kam aus dem Nichts, und es war eine ganze Gruppe, die sich an den Frauen vergriff. Das Ganze erinnert an den U-Bahn-Treter in Berlin, der im Herbst 2016 eine Passantin von hinten grundlos die Treppe hinunterstiess. Oder eine Attacke Ende Juli in Paris: Ein Mann belästigt eine Frau verbal, sie wehrt sich, worauf dieser ihr hinterherläuft und sie auf offener Strasse ohrfeigt.

Gleichstellung muss verteidigt werden

Schlägereien vor Nachtlokalen betrafen bislang zumeist Männer – und Sicherheitspersonal. Gerade endete der Versuch eines Genfer Polizisten, eine Schlägerei zu beenden, mit einem Schädelbruch. Für Frauen hingegen war das Risiko, vom eigenen Partner in den eigenen vier Wänden attackiert oder getötet zu werden, bislang viel grösser. Gewalt, auch sexueller Gewalt, waren sie im öffentlichen Raum dagegen weniger ausgesetzt. Das scheint sich aber gerade zu ändern.

Womit das zu tun hat, ist fraglich – aber die Entwicklung kommt nicht aus dem Nichts. Denkbar ist ein Backlash gegen die Erfolge der Gleichstellung, die das traditionelle Männerbild infrage stellt. Im aktuellen Zeitgeist, in dem autoritäre Führer mit machoider Attitüde punkten wollen, erhält dieses Männlichkeitsbild Auftrieb.

Auch ein Effekt der Zuwanderung ist denkbar, die junge Männer aus patriarchal geprägten Kulturen nach Europa bringt, für die Gleichstellung ein Witz ist. Es wäre falsch, deswegen alle Zugewanderten unter Generalverdacht zu stellen, dennoch müssen wir die Gleichstellung vor diesem Hintergrund umso entschiedener verteidigen – mit grösster Konsequenz, egal, welcher Herkunft jemand ist.

Erstellt: 13.08.2018, 16:29 Uhr

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