Plötzlich schnellt Leuthards Glückswert auf 82,5

Welche Bundesräte wirken im Amt glücklich oder wütend? Wir haben die Gefühlslage in 800 Reden mit einer Spezialsoftware analysieren lassen.

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Nonchalant fegt Doris Leuthard die Einwände der Ständeräte von den Pulten: «Das ist jetzt wieder lustig», sagt sie in der Debatte zu einer Änderung des Jagdgesetzes während der Sommersession. Der Bundesrat wolle den Kantonen mehr Freiheit geben, um die Einzelfälle zu regeln. «Und Sie wollen Bundesregulierung.»

Ob Doris Leuthard glücklich war, dass sie die Kantonsvertreter so galant kontern konnte, wissen wir nicht. Das breite Lachen, die schelmisch zusammengekniffenen Augen, die Fältchen daneben, die Grübchen in den Wangen – das alles trägt ihr jedoch bei unserer Videoanalyse einen Spitzenwert in der Kategorie Freude ein.

Doris Leuthard während der Beratung zum Jagdgesetz im Ständerat (5. Juni 2018, Video: Parlamentsdienste)

Wie wirken die Bundesrätinnen und Bundesräte bei ihren Auftritten? Das versuchten wir in einer computergestützten Analyse herauszufinden. Dazu haben wir Videos von 805 Reden heruntergeladen, zugeschnitten und kategorisiert, welche die Bundesrätinnen und Bundesräte im laufenden Jahr vor dem National- und Ständerat gehalten haben; pro Person zwischen 72 und 274 Auftritte. Die besonders bewegenden Abtrittsreden werden bewusst nicht berücksichtigt. Analysiert wurden die Videos anschliessend von Neurodata Lab, einem auf Gefühlsanalysen ab Film- und Tonaufnahmen spezialisierten Jungunternehmen.

Eine nicht ganz triviale Aufgabe, wie sich bald zeigte. Denn grosse Gefühlsausbrüche sind im stets auf Ausgleich bedachten Schweizer Parlament selten. Die Wogen gehen nicht annähernd so hoch wie im Unterhaus des Vereinigten Königreichs, wo intensiv gestritten, angefeuert und ausgebuht wird. Oder wie etwa in Sri Lanka, Uganda, Ungarn oder der Türkei, wo die Parlamentarier auch mal wortwörtlich die Muskeln spielen lassen. Trotzdem: Die Bundesrats-Gefühlsanalyse kann zeigen, wie unterschiedlich die sieben Bundesrätinnen und Bundesräte auftreten. Oder zumindest: Wie unterschiedlich die Auftritte von einer Maschine wahrgenommen werden.

Neurodata Lab hat für jeden Auftritt analysiert, wie stark die Gefühle im Durchschnitt ausgeprägt sind. Spitzenwerte bei der Neutralität heimsen Simonetta Sommaruga und Ueli Maurer ein; Sommarugas Parteikollege Alain Berset hingegen liegt weit abgeschlagen auf dem letzten Platz. Dafür diagnostiziert der Algorithmus bei ihm besonders viel Traurigkeit. Guy Parmelin ärgert sich am stärksten, und Ignazio Cassis zaudert. Doris Leuthard wiederum wird ihrem Ruf als Strahlefrau mit Höchstwerten in den Kategorien Freude und Überraschung gerecht. Ab und zu überrascht zeigte sich auch Johann N. Schneider-Ammann.

Dosierter Ärger, überraschende Überraschung

Der 13. März ist nicht ein Freudentag: Gleich dreimal steigt Guy Parmelins Wutpegel auf Rekordwerte. Nachdem Maximilian Reimann in der Debatte um eine Defizitgarantie für die geplanten Olympischen Spiele 2026 in Sion gefordert hat, dass diese dem Referendum unterstellt werden solle, und sich einen Seitenhieb auf die Kampfjet-Beschaffung nicht verkneifen konnte, geht der Verteidigungsminister in die Offensive: «Das ist überhaupt nicht dasselbe», poltert er. Doch dann beruhigt er sich rasch wieder.

Guy Parmelin zur Defizitgarantie für Sion 2026 im Nationalrat (13. März 2018, Video: Parlamentsdienste)

Allzu überraschend ist die Schweizer Politik in der Regel nicht. Die Werte in der entsprechenden Kategorie sind tief. Einzig Doris Leuthard guckt gerne mal, als wäre etwas ganz Besonderes vorgefallen. Weshalb? Das ist oft unklar. So etwa bei ihrer Verteidigungsrede für die Post von Anfang März: Lacht sie über das, was sie sagt, nämlich dass die Post ihre Dienstleistungen keineswegs zurückfahre, sondern eher ausbaue? Hat der Parlamentarier im Saal, den sie während dieser Sätze eindringlich fixiert, plötzlich Faxen gemacht?

Doris Leuthard zum Poststellennetz im Nationalrat (3. Januar 2018, Video: Parlamentsdienste)

Einige Tage später, in derselben Session. Ignazio Cassis ist es sichtlich unwohl. Er schluckt leer, senkt den Blick aufs Rednerpult, reibt sich kurz die Nase. Er setzt den Satz mehrfach an, spickt ihn mit «ehs» und «öhms». Für diesen Auftritt kassiert das dienstjüngste Mitglied des Bundesrates sehr hohe Furchtwerte. Lag es an seiner Unerfahrenheit? War ihm aus irgendeinem anderen Grund unwohl? Oder lag es daran, dass er statt auf Italienisch auf Hochdeutsch sprach – zu einer politisch heiklen Frage im Nahostkonflikt? Schliesslich rettet sich Cassis, indem er sich am und ans Manuskript hält.

Ignazio Cassis zur Anerkennung von Jerusalem als Hauptstadt Israels im Nationalrat (5. Juni 2018, Video: Parlamentsdienste)

Apropos Nervosität: Fast jedermann, der vor den Rat treten muss, dürfte das Herzflattern kriegen. Nicht so unsere Bundesräte. Neurodata Lab versuchte mit einem ganz neuen Algorithmus, ab den Videos die Herzfrequenz der Bundesrätinnen und Bundesräte zu bestimmen. Den höchsten Puls hatte demnach im Durchschnitt Ueli Maurer mit zwischen 70 und 80 Schlägen pro Minute. Ignazio Cassis hingegen scheint die Sache doch entspannter anzugehen, als wir oben vermutet haben. Oder aber er hat naturgegeben einen Spitzensportlerpuls. Nur gerade etwas über 50-mal schlägt sein Herz im Durchschnitt pro Minute, während er am Rednerpult steht.

Johann N. Schneider-Ammann zur WTO im Nationalrat (24. September 2018, Video: Parlamentsdienste)

Bleibt noch Johann N. Schneider-Ammann. Er ist für den Analyse-Algorithmus schwer zu fassen. Das wundert wenig, denn er ist offensichtlich nicht der Mann der grossen Emotionen und der theatralischen Darbietungen. Seine Werte sind wie er: gut eingemittet. In einer Kategorie punktet er aber: Gemeinsam mit Doris Leuthard erreicht er Höchstwerte in der Kategorie Freude. Das bereitete den Programmierern im russischen Analyselabor Kopfzerbrechen. Es gebe da ein kleines Problem mit dem Algorithmus, teilten sie mit, das demnächst mit dreidimensionalen Kopfmodellen gelöst werde: Johann N. Schneider-Ammann blicke beim Sprechen meistens auf die Vorlage auf dem Rednerpult und kneife die Augen zusammen. Aus der Perspektive der fix installierten Kamera sehe es aus, als wenn er lächle.

Vielleicht haben wir Schneider-Ammann in all den Jahren schlicht falsch verstanden.

Die Resultate für Alain Berset, Ueli Maurer und Simonetta Sommaruga

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.12.2018, 21:08 Uhr

So funktioniert die Gefühlsanalyse

Für Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat Neurodata Lab 805 Reden untersucht, die die Bundesrätinnen und Bundesräte im laufenden Jahr vor dem National- und Ständerat gehalten haben; pro Person zwischen 72 und 274 Auftritte.

Fast in Echtzeit analysiert die Software mit selbstlernenden Algorithmen und neuronalen Netzwerken Gefühlsregungen. Analysiert werden sowohl die Stimme als auch die Mimik, Gestik und die Körperbewegungen der gefilmten Menschen. Das gleicht die Software mit Datenbanken über menschliche Emotionen ab und errechnet daraus die individuellen Gefühlsregungen.

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