«... dann steigen die Jungen aus dem Generationenvertrag aus»

Bald sind die über 50-Jährigen in der Schweiz in der Mehrheit. Das birgt politische Sprengkraft, sagt Ökonom Martin Eling – gerade für die AHV-Reform.

Die politische Macht der über 50-Jährigen wächst. Foto: Keystone

Die politische Macht der über 50-Jährigen wächst. Foto: Keystone

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Manche Jugendliche denken, wenn sie pensioniert würden, bekämen sie keine Rente mehr. Haben sie recht?
Nein. Aber wenn Junge sagen, sie vertrauten der AHV nicht mehr, dem Grundpfeiler unseres Sozialstaates, dann ist das alarmierend. Dann ist es höchste Zeit, dass wir diskutieren.

Was wäre die Folge, wenn die Jungen kein Vertrauen mehr in die AHV haben?
In der AHV existiert ein sogenannter Generationenvertrag. Das heisst, die Jungen zahlen heute die Renten für die Alten und wenn sie selber einmal alt sind, werden es die Jungen von dannzumal für sie tun. Wenn sie aber zweifeln, dass es die AHV noch gibt, wenn sie sie einmal brauchen, dann besteht die Gefahr, dass sie aus dem Vertrag aussteigen.

Offenbar überzeugt es nicht alle Jungen, was die Politik tut.
Politikerinnen und Politiker haben nicht erkannt, welche Sprengkraft das Thema der Generationengerechtigkeit birgt. Sie reden viel über die Digitalisierung, vernachlässigen aber die Probleme im Sozialsystem, etwa in der Altersvorsorge und im Gesundheitswesen. Dabei sind diese viel brisanter. Die AHV-Finanzierung etwa, zu der die Stimmbevölkerung im Mai Ja gesagt hat, ist ein Tropfen auf den heissen Stein. Schon 2023 wird die AHV wieder Defizite schreiben.

Das heisst, diese Reform wird die Gerechtigkeit zwischen den Generationen kaum erhöhen.
Aus meiner Sicht nicht. Wir müssen zwingend über weitere Reformen diskutieren und dürfen dabei auch Tabus wie ein höheres Rentenalter nicht scheuen.

Weshalb geht die Politik die Probleme nicht entschlossener an?
In der Altersvorsorge gibt es drei Möglichkeiten, sie zu lösen – und alle sind unpopulär: Wir können mehr Geld zur Seite legen, länger arbeiten oder die Renten kürzen. Letzteres ist ausgeschlossen. Und mit der Forderung nach einem höheren Rentenalter begibt man sich auf ein politisches Minenfeld; man ist schon froh, hat man das Rentenalter 65 für Mann und Frau auf den Weg gebracht. So bleibt nur noch, mehr Geld zur Seite zu legen. Das aber wird den Konsum einschränken und die Wirtschaft belasten. So will sich niemand die Finger verbrennen. Es ist aber unabdingbar, die Altersvorsorge systematisch zu reformieren. Die Zeit drängt: Heute finanzieren drei Erwerbstätige eine AHV-Rente. Im Jahr 2040 wird diese Aufgabe noch auf zweien lasten.

«Die älteren Stimmenden könnten verhindern, dass weniger umverteilt wird»: Ökonom Martin Eling. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

In der zweiten Säule, in der beruflichen Vorsorge, ist es bisher nicht einmal zu einer Mini-Reform gekommen.
Ja, dabei ist der zweiten Säule eine Umverteilung von jung zu alt gar nicht vorgesehen. Die Pensionskassen müssen mit jenem Gewinn, der den Berufstätigen zustünde, die Renten der Pensionierten nachfinanzieren – weil man ihnen zu hohe Renten versprochen hat.

Sie haben vorhin auch von Problemen im Gesundheitswesen gesprochen.
Ja, auch in der obligatorischen Krankenversicherung wird umverteilt – die Behandlungen älterer Personen verursachen viel höhere Kosten als jene der Jungen, dennoch bezahlen sie nicht höhere Prämien. Diese Umverteilung ist zwar grundsätzlich beabsichtigt. Wegen des technologischen Fortschritts und weil immer mehr Menschen immer länger leben, hat sie sich aber stark akzentuiert. Das bekommt vor allem der Mittelstand zu spüren, der von den steigenden Prämien am stärksten betroffen ist.

Sehen Sie eine Lösung?
Das Problem ist: Selbst wenn die Politik Lösungen vorschlagen würde, hiesse das längst nicht, dass sie an der Urne eine Mehrheit dafür gewänne. Die älteren Stimmenden könnten verhindern, dass weniger umverteilt wird. Wohl im Jahr 2023 wird die Schweiz zur Gerontokratie; die über 50-Jährigen werden dann erstmals über die Mehrheit der Stimmen verfügen. Sie sehen, hier liegt das Konfliktpotential des Generationenvertrags.

Das heisst, es liessen sich keine Reformen mehr durchsetzen, welche die Generationengerechtigkeit erhöhen.
So absolut würde ich es nicht formulieren. In der Bevölkerung ist die Erkenntnis gereift, dass es Reformen braucht. Aber die über 50-Jährigen werden zu einer politischen Macht. Die Politiker müssen Massnahmen ergreifen, um die Folgen der Reformen auf diese Übergangsgeneration zu mildern. Versäumt sie dies, ist jede Reform zum Scheitern verurteilt.

«Natürlich können wir auch beim Rentenalter 65 bleiben. Aber dann müssen wir uns einschränken.»

Es sieht so aus, als wären die Jungen die Verlierer.
So einfach ist es nicht. Der Generationenvertrag ist keine Einbahnstrasse. Die Alten tun vieles, was den Jungen zugute kommt, hüten etwa Enkel oder leisten Freiwilligenarbeit.

Dennoch: Der Präsident der Jungen SVP sagte einmal in dieser Zeitung: «Niemand von uns hat den Generationenvertrag unterschrieben.» Wo sehen sie die Grenzen der Solidarität?
Der Generationenvertrag ist kein formelles Vertragswerk. Es gibt keinen bestimmten Zeitpunkt, zu dem die Solidarität enden würde, es ist vielmehr eine schleichende Entwicklung. In der beruflichen Vorsorge sehen die Erwerbstätigen erst wenn sie in den Ruhestand gehen, welche Folgen die Umverteilung auf ihre Rente hat. Aber wenn ich sehe, dass die AHV selbst mit der laufenden Revision bereits 2023 wieder im Ungleichgewicht ist, verheisst dies nichts Gutes.

Sie sehen die Zukunft düster?
Nicht nur. In der Schweiz ist ein grosses Wissen und auch genug Geld vorhanden. Wir müssen uns nur überlegen, wie wir es gerecht verteilen. Wenn wir es nicht schaffen – welches Land sonst?

Fast in denselben Worten hat das auch schon die Juso-Präsidentin gesagt.
Ich bin ein Anhänger der Solidarität. Wir dürfen den Ausgleich innerhalb der Gesellschaft nicht aufgeben. Nur wenn wir auch die Interessen der Jungen berücksichtigen, bleiben sie dran.

Wo läge heute das richtige Rentenalter?
Bei 67 Jahren. Wir werden immer älter und die Mehrheit der OECD-Länder hat als Rentenalter 67 oder gar 68 aufgegleist. Natürlich können wir auch beim Rentenalter 65 bleiben. Aber dann müssen wir uns bewusst werden, welche Konsequenzen dies hat. Wir müssten höhere Lohnbeiträge und höhere Steuern zahlen. Wir müssten uns einschränken.

Tatsächlich lassen sich Erwerbstätige in der Schweiz aber später pensionieren als in anderen Ländern.
Ja, die Schweizer treten im Durchschnitt mit 65,5 Jahren in den Ruhestand, die Schweizerinnen mit 64,1 Jahren. Die Deutschen aber verabschieden sich bereits mit 61,9, respektive mit 61,4 Jahren aus dem Arbeitsleben, die Österreicher noch früher. Dass wir bereits heute so lange arbeiten ist nur ein weiteres Argument für ein höheres Rentenalter. Ich sehe durchaus, dass es etwa für einen Bauarbeiter nicht möglich ist, bis 67 zu arbeiten. Ansonsten hat die Schweiz aber alle Voraussetzungen für ein höheres Rentenalter: Wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft und in deren Berufen können die allermeisten Arbeitnehmer länger arbeiten. Viele Schweizerinnen und Schweizer sind auch nach 65 Jahren noch sehr leistungsfähig. Wichtig ist, dass sie flexibler arbeiten können.

Sehen sie noch andere – kreativere – Lösungen als ein höheres Rentenalter?
Nur Varianten davon. Zum Beispiel eine vierte Säule in der Altersvorsorge. Die Idee dabei ist, dass junge Rentner nach ihrer Pensionierung Teilzeit weiterarbeiten und dabei in eine vierte Säule einzahlen. So können sie ihre Rente aufbessern. Sowieso sollten wir das Potenzial der jungen Rentner mehr nutzen. Ich denke zum Beispiel an das Modell der Zeitkonten, bei dem jüngere Rentner ältere Rentner unterstützen und für ihre «gespendete Zeit» selber einmal Hilfe erhalten. Ein grosser Teil der Neurentner ist heute leistungsbereit und willens, etwas für die Allgemeinheit zu tun.

Und welche Lösung sehen Sie im Gesundheitswesen?
Schwierig ist die Pflege. Hier geht es nicht nur um die Finanzierung, sondern auch um die Frage: Wer wird für die steigende Zahl der Pflegebedürftigen sorgen? Der Bundesrat schrieb 2016 in seinem Pflegebericht sinngemäss, man könne alles bis 2030 so laufen lassen wie bisher. Ich aber meine: So lange können wir nicht warten, wir müssen die Probleme jetzt angehen.

Die Pflegekosten werden in den nächsten Jahrzehnten enorm zunehmen. Dies zeigt eine Studie der Universität St. Gallen.

Aber es geht auch um die Finanzierung.
Ja. Auch im Gesundheitswesen würde ein Drei-Säulen-Modell Sinn machen: Die erste Säule wäre die obligatorische Grundversicherung, unterstützt von Kanton und Gemeinde. Die zweite Säule wäre eine kapitalgedeckte Zusatzvorsorge wie es sie schon in Deutschland gibt, und die dritte, was man selber zahlt.

Die Bevölkerung ist so stark überaltert wie noch nie. Ändert sich das wieder einmal?
Wir wissen, wie sich die Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten entwickelt; dass zwei Erwerbstätige für eine AHV-Rente aufkommen müssen, wird von Dauer sein. Schon deshalb macht ein höheres Rentenalter Sinn.

Erstellt: 10.09.2019, 11:20 Uhr

Zur Person

Martin Eling ist Direktor des Instituts für Versicherungswirtschaft der Universität
St. Gallen.

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