10 Franken die Stunde – Dumping an staatlich mitfinanziertem Anlass

Mitarbeiter gesucht am Grossanlass «Gästival» in der Zentralschweiz. Das Ganze hat allerdings einen Haken.

Die «Seerose», eine 500 Tonnen schwere Stahlkonstruktion, bildet das Herzstück des Festivals. Visualisierung: PD

Die «Seerose», eine 500 Tonnen schwere Stahlkonstruktion, bildet das Herzstück des Festivals. Visualisierung: PD

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Für die Innerschweiz ist es ein wichtiges Ereignis. Die Lokalpresse schreibt gar vom einem «der grössten und wohl auch ehrgeizigsten Innerschweizer Projekte aller Zeiten». Seit Monaten laufen die Arbeiten am Grossanlass «Gästival» auf Hochtouren. Vom kommenden Mai bis Oktober wird rund um den Vierwaldstättersee die 200-jährige Tourismusgeschichte der Region gefeiert. Initiiert wurde der Anlass von Luzern Tourismus. Als Herzstück ist eine 500 Tonnen schwere und fast 50 Meter grosse Seerose vorgesehen. Die Stahlkonstruktion bietet für 700 Personen Platz und soll als schwimmende Bühne an sechs Standorten auf dem See ankern. Für das Gästival ist ein Betrag von knapp 8 Millionen Franken vorgesehen, wobei sich die Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden sowie der Bund mit knapp 3 Millionen Franken daran beteiligen. Bekannte Projektpartner und Sponsoren aus der Privatwirtschaft sind unter anderem Helvetia-Versicherungen, die Banken Raiffeisen und Julius Bär sowie das Migros-Kulturprozent.

«Lohn auf sehr tiefem Niveau»

«Das oberste finanzielle Ziel des Jubiläums ist ein ausgeglichenes Budget», heisst es auf der Website des Gästivals. Was das in der Praxis bedeutet, erfuhr eine 58-jährige Luzernerin. Die Langzeitarbeitslose bewarb sich auf eines der Stellenangebote, die in der Rubrik «Jobs» aufgelistet waren. Gesucht werden Personen für die Kasse, für den technischen und programmlichen Betrieb sowie Hosts und Hostessen. Als Minimaleinsatz sind 40 Tages- oder Abendeinsätze von rund 7 Stunden vorgesehen.

Im Februar erhielt die Frau ein E-Mail vom Kulturunternehmer und Projektleiter «Seerose», Christoph Risi: «Das einmalige und gemeinschaftliche Erlebnis, verbunden mit einem aussergewöhnlichen Arbeitsort und im Umfeld eines topmotivierten Teams soll primär der Antrieb für die Mitarbeit sein. Selbstverständlich aber möchten wir die Tätigkeit trotzdem entschädigen und offerieren pro im Einsatz stehende Stunde 10 Franken (brutto).» Da die 58-Jährige angesichts ihres Alters bisher vergeblich eine Festanstellung suchte, hoffte sie dank dem Festival auf einen entsprechenden Job in der Tourismusbranche.

Doch sie machte die Rechnung ohne die Arbeitslosenkasse des Kantons Luzern. Diese wollte ihr den Zwischenverdienst nicht erlauben. Sollte sie die Stelle im Bereich der Einlasskontrolle antreten, würde man ihr aber den «berufs- und ortsüblichen» Stundenlohn von 18 bis 25 Franken von ihrer Arbeitslosenentschädigung abziehen. Statt 10 Franken zu verdienen, würde sie also pro Stunde 8 bis 15 Franken drauflegen.

«Mindestens 22 Franken»

Darauf bat die Stellensuchende den Leiter der Arbeitslosenkasse, Thomas Würgler, ihr Anliegen nochmals zu prüfen. In der E-Mail-Korrespondenz, die dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt, bestätigte er, dass «sich der Lohn auf einem sehr tiefen Niveau» bewege. Dann verweist Würgler auf die Lohnrechner des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds sowie des Bundesamts für Statistik, wonach der Stundenlohn «mindestens 22 Franken» betragen müsse. Mit anderen Worten: Die Luzerner Arbeitslosenkasse stellt fest, dass es sich um Lohndumping handelt.

Heidi Joos ist Geschäftsführerin vom Verein «50plus outin work» Zentralschweiz, der sich für die Interessen der über 50-Jährigen auf dem Arbeitsmarkt engagiert. Joos hat sich auch für die 58-Jährige bei den Luzerner Behörden eingesetzt. «Beim Gästival handelt es sich immerhin um eine Organisation, die von den Kantonen und dem Bund satte 2,98 Millionen Franken an Fördergeldern erhalten hat», so Joos. Und: «An die Subventionen für das Gästival lassen sich jederzeit Bedingungen wie ortsübliche Lohngestaltung oder Berücksichtigung von älteren Erwerbslosen knüpfen. Die Voraussetzung für den Kanton Luzern zur Intervention ist somit gegeben.»

Für Gästival «Freiwilligenarbeit»

Beim Gästival versteht man die Aufregung nicht. Sprecher Stefan Ragaz, bis 2012 stellvertretender Chefredaktor des Gästival-Medienpartners «Neue Luzerner Zeitung», sagt: «Es geht hier nicht um eine Erwerbs-, sondern um eine ­ehrenamtliche Tätigkeit. Im Vordergrund steht die Gastfreundschaft.» Es gebe viele Menschen in der Zentralschweiz, die bei einem solchen Jubiläum nicht nur Gast, sondern auch Gastgeber sein wollten. «Diese haben wir angesprochen, und dabei bauen wir auf den Erfahrungen mit den ‹Friendly Hosts› genannten Helfern in der Stadt Luzern auf, die seit Jahren zum gastfreundlichen Stadtbild gehören», so Ragaz. Von einem «Missverständnis» spricht auch Philipp Berger, Kommunikationsbeauftragter des Kantons Luzern: «Das Gästival sucht Helfer, bietet also eine temporäre Freiwilligenarbeit mit Umtriebsentschädigung an – keine festen Anstellungen.»

Der Kanton habe zudem, so Berger, zwar eine pauschale Leistungsverein­barung über das Gesamtprojekt Gästival abgeschlossen. Auf die Höhe der Entschädigungen habe man aber keinen Einfluss. Tatsächlich fliessen von den budgetierten 8 Millionen Franken alleine in den Aufwandsposten «Projektleitung / Projektbegleitung / Experten» 1,366 Millionen Franken. Hier steht aber die «Gastfreundschaft» nicht mehr im Vordergrund: Die «Profis» werden laut Ragaz «in allen Bereichen marktgerecht entlöhnt». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2015, 23:55 Uhr

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