15'000 Stunden Kampf gegen den Blackout

Deutschland steigt aus der Atomenergie aus – bislang ohne Stromblackout. Allerdings ist es markant aufwendiger und teurer, das Stromnetz zu stabilisieren als vor Fukushima.

Um das Stromnetz zu stabilisieren, wendet Deutschland heute 400 Millionen Euro pro Jahr auf, neunmal so viel wie 2010.

Um das Stromnetz zu stabilisieren, wendet Deutschland heute 400 Millionen Euro pro Jahr auf, neunmal so viel wie 2010. Bild: Keystone

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Deutschland und die Schweiz haben 2011 auf Fukushima gleich reagiert: Als Reaktion auf die Nuklearkatastrophe in Japan haben beide Länder den Atomausstieg eingeleitet. Allerdings drücken die Deutschen stärker aufs Tempo. Noch im selben Jahr sind auf Geheiss der deutschen Politik acht Atomkraftwerke vom Netz gegangen. 2015 wurde ein weiterer Meiler stillgelegt, bis Ende 2022 sollen die verbleibenden acht Atomkraftwerke ihren Betrieb einstellen.

Zugleich hat Deutschland die erneuerbaren Energien (Wind und Sonne) massiv ausgebaut. Anders als bei einem Atomkraftwerk, das sogenannte Bandenergie liefert, weil es grundsätzlich laufend Strom produzieren kann, ist die Leistung von Windrädern und Fotovoltaikanlagen vom Wetter abhängig und damit anfälliger für Schwankungen. Das stellt das Stromnetz vor neue Herausforderungen – welche die Strombranche und die Behörden jedoch meistern können: «Weder der Ausstieg aus der Kernenergie noch der Ausbau der erneuerbaren Energien haben Stromausfälle verursacht», resümiert die deutsche Bundesnetzagentur auf Anfrage. Die Qualität der Stromversorgung befinde sich im internationalen Vergleich weiter «auf konstant hohem Niveau».

Vor Fukushima zehnmal weniger

Die Herausforderung für die Versorgungssicherheit liege bei der regionalen Stromverteilung, so die Bundesnetzagentur. Es sei «deutlich anspruchsvoller» geworden, das Stromnetz stabil zu halten. Dies belegt nicht zuletzt die Zahl der Stunden, welche die Netzbetreiber aufwenden müssen, um einen Blackout zu verhindern. Lag diese Zahl 2010 bei rund 1500, sind es mittlerweile gut 15'000 Stunden, also zehnmal mehr. Auf diesen markanten Anstieg verweisen die Gegner der Atomausstiegsinitiative, welche die Laufzeit der fünf Atommeiler in der Schweiz auf maximal 45 Jahre beschränken will. Bis Ende 2017 müssten Beznau I und II sowie Mühleberg stillgelegt werden, 2024 Gösgen, 2029 Leibstadt. Vielfach werde behauptet, dass die Versorgungssicherheit auch mit der Ausstiegsinitiative kein Problem sei und die Netzstabilität nicht darunter leide, sagt FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. «Das ist aber völlig falsch.»

Nationalrat Bastien Girod (Grüne) bestreitet nicht, dass das Management «etwas anspruchsvoller» wird. «Gerade das Beispiel Deutschland zeigt aber, dass die Stromversorgung problemlos jederzeit sichergestellt werden kann.» Allerdings: Die Netzstabilität in Deutschland ist nicht zuletzt eine Folge davon, dass seit Fukushima die Kohle eine Renaissance erfahren hat und die – klimapolitisch umstrittenen – Kohlekraftwerke die wegfallende Bandenergie der Atomkraftwerke zu einem grossen Teil ersetzen; der Anteil der Kohle an der deutschen Stromerzeugung wird laut Bundesnetzagentur nur langsam sinken.

Initiativgegner sehen Gefahr für die Schweiz

Für Wasserfallen ist klar: Stimmt das Volk am 27. November mehrheitlich für die Initiative, «wird es mit der Versorgungssicherheit definitiv ein Problem geben». Dass Deutschland von einem Blackout bislang verschont geblieben ist, beruhigt den FDP-Politiker nicht. Die Situation in Deutschland sei mit der Schweiz insofern nicht vergleichbar, als sich Deutschland selber mit Strom versorgen könne, sagt er. Die Schweiz hingegen müsse nach einem Ja zur Initiative vermehrt Strom importieren, namentlich Kohlestrom aus Deutschland und Atomstrom aus Frankreich.

Sicher ist: Mit dem Wegfall der drei Meiler bis Ende 2017 würden sofort 15 Prozent und bis 2029 40 Prozent der stetigen Stromproduktion verschwinden. «Das schafft eine riesige Abhängigkeit vom Ausland und verschlechtert die Versorgungssicherheit massiv», sagt Wasserfallen. Girod stellt in Abrede, dass eine Annahme der Initiative mehr Import von Dreckstrom bedingen würde, auch nicht kurzfristig. Eine spezielle Abgabe oder Quote gegen Dreckstrom, sagt Girod, liesse sich ohne weiteres innerhalb eines Jahres einführen, die Schweiz könne so den reichlich vorhandenen Strom aus erneuerbaren Energiequellen importieren.

Kosten bis zu 4 Milliarden Euro

Gewachsen ist in Deutschland auch der finanzielle Aufwand, um das Stromnetz zu stabilisieren. Zwischen 2010 und 2015 betrugen die Gesamtkosten eine Milliarde Euro, wobei der jährliche Anteil stark gestiegen ist, von 48 Millionen Euro im Jahr vor Fukushima (2010) auf 402 Millionen Euro (2015). Nach Prognosen der Bundesnetzagentur werden es bis 2023 aufsummiert bis zu 4 Milliarden Euro sein. Ein zentraler Grund für die Kostensteigerung ist, dass das historisch gewachsene Stromnetz die wachsende erneuerbare Stromerzeugung nicht ausreichend abtransportieren kann. «Diese Kosten werden erst sinken, wenn das Stromnetz insbesondere in Nord-Süd-Richtung besser ausgebaut ist», erklärt die Bundesnetzagentur.

Die Schweizer Netzgesellschaft äussert sich auf Anfrage vorsichtig zur Frage etwaiger Kostensteigerungen nach einer Annahme der Initiative: Es könne zu Mehrkosten kommen, um die Netzstabilität zu sichern. Wie hoch diese sein werden, dazu wagt Swissgrid derzeit noch keine Prognose.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2016, 18:21 Uhr

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Kommt es zu Engpässen im Schweizer Stromnetz?

Eine Annahme der Atomausstiegsinitiative würde das Übertragungsnetz vor «erhebliche Herausforderungen» stellen, da die Netzinfrastruktur nicht so schnell umgebaut wäre. Zu diesem Schluss kommt die Schweizer Netzgesellschaft Swissgrid; vor einem Blackout warnt sie nicht. Wo liegt die Herausforderung? Die Stromimporte in die Schweiz erfolgen auf der höchsten Spannungsebene (380 kV). Mühleberg und Beznau hingegen speisen ihren Strom auf einer tieferen Netzebene ein (220 kV). Gehen sie Ende 2017 vom Netz, wie es die Initiative postuliert, braucht es Transformatoren, die den Importstrom auf die 220-kV-Ebene bringen. In Beznau sollen diese Geräte im nächsten Frühjahr bereitstehen, in Mühleberg jedoch erst 2019. Zudem fehlt dort eine Stromleitung mit der nötigen Stärke. Eine kritische Situation kann laut der Strommarktaufsicht des Bundes (Elcom) im Winter entstehen, wenn die Schweiz besonders auf Importe angewiesen ist, die eingeführte Menge aber begrenzen muss, weil die bestehenden Transformatoren sonst überlastet würden. Die Promotoren der Initiative hingegen argumentieren, Mühleberg lasse sich problemlos mit Wasserkraftwerken ersetzen; diese würden ebenfalls direkt ins 220-kV-Netz einspeisen und keinen Transformator benötigen. Gefordert wären demnach die Betreiber der Schweizer Speicherkraftwerke, die das Wasser in ihren Seen nicht bedenkenlos für Auslandgeschäfte nutzen dürften. Swissgrid hat dazu einen Hebel in der Hand: Letztes Jahr erhöhte die Netzgesellschaft die Preisobergrenzen für die sogenannte Tertiärregelenergie von 3000 Euro pro Megawattstunde auf 9999 Euro. Stromunternehmen greifen auf diese von Swissgrid bereitgestellte Energie zurück, wenn sie den Stromfahrplan in ihrem Versorgungsgebiet falsch berechnet haben, also etwa zu viel Strom aus der Eigenproduktion exportiert haben, um die Nachfrage im eigenen Versorgungsgebiet zu decken. Die kritische Situation im letzten Winter, wo unter anderem Beznau I und II stillstanden, entspannte sich unter anderem dank dieser Preismassnahme wieder. (TA)

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