167-Meter-Mauer am Triftgletscher – und die Umweltschützer sagen Ja

Verkehrte Welt? Ein neues, grosses Stauprojekt wird von WWF und Pro Natura abgesegnet. Sie erwarten allerdings eine Gegenleistung.

Der See am Fuss des Triftgletschers soll zum Stausee mit einer 167 Meter hohen Mauer werden.

Der See am Fuss des Triftgletschers soll zum Stausee mit einer 167 Meter hohen Mauer werden. Bild: Keystone

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Dieser Vorwurf bleibt den Umweltverbänden dieser Tage sicher erspart: Als «Öko-Terror» bezeichnete der damalige Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber (SP) den Kampf der Zürcher Sektion des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS) gegen ein neues Fussballstadion im Zürcher Hardturm. Das war 2004.

Statt Seitenhiebe erhalten die Umweltschützer heute auf breiter Front Applaus – für ihre Bereitschaft zum Kompromiss. Wie der WWF, Pro Natura und der Fischereiverband am Montag mitgeteilt haben, akzeptieren sie hoch über dem Gadmertal BE ein Wasserkraftprojekt, das – in ihren Worten – eine «natürliche Gletscher- und Auenlandschaft» in eine «Energielandschaft» verwandeln wird. Auch der Schweizer Alpen-Club (SAC) hat diese Woche sein Einverständnis gegeben.

Möglich macht das Triftprojekt der Klimawandel. Als Folge des Gletscherrückgangs ist am Fuss des Triftgletschers auf knapp 1700 Metern ein See entstanden. Die Kraftwerke Oberhasli (KWO) wollen diese «Chance» nutzen und daraus einen Stausee mit einer 167 Meter hohen Mauer formen. Die Kosten werden mit 387 Millionen Franken veranschlagt. Nach achtjähriger Bauzeit soll das neue Werk ab 2030 zusätzlich 145 Gigawattstunden (GWh) Strom pro Jahr produzieren, was dem Verbrauch von 35'000 Haushalten oder circa 0,2 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs in der Schweiz entspricht. Die KWO werden nun ein Konzessionsgesuch einreichen.

Naturzerstörung kompensieren?

Das neue Wasserkraftwerk gilt als Beitrag für die Energiestrategie 2050, die das Stimmvolk diesen Mai gutgeheissen hat; umso bedeutsamer ist es deshalb für die Umweltverbände. Vier Monate nach dem Urnengang können sie hier ihre Bereitschaft beweisen, für die Förderung der erneuerbaren Energien, die sie selber propagieren, Opfer zu bringen. Das Opfer ist in diesem Fall die Natur. Die Umweltverbände versichern jedoch, die «Beeinträchtigungen» seien in einem «vertretbaren Rahmen» und würden «ausreichend kompensiert», etwa mit Revitalisierungen im Wasserbereich. Zudem werde der Strom aus dem Triftprojekt «auch wirklich gebraucht».

Umfrage

Soll die Schweiz nochmals ein grosses Stauseeprojekt realisieren?




Zur Einordnung: Die landesweite Stromproduktion aus Wasserkraft soll bis 2035 um 1100 GWh auf 37'400 steigen; so sehen es die Richtwerte im neuen Energiegesetz vor. Das Triftprojekt liefert demnach etwa 12 Prozent des angestrebten Zubaus. Zudem ermöglicht es, 215 GWh Stromproduktion vom Sommer- ins Winterhalbjahr zu verlagern – dorthin also, wo das Stromangebot im Zuge der politisch beschlossenen Stilllegung der fünf Atomkraftwerke in der Schweiz sinken wird.

Bürgerliche geben keine Zusicherung

Ihre «Einigungsbereitschaft» knüpfen die Umweltverbände an eine «Erwartung»: Der Kanton Bern, der für die Wasserkraftnutzung Konzessionen vergibt, soll fortan auf Kleinwasserkraftwerke an «unberührten und wertvollen» Gewässern verzichten. Doch zumindest im Berner Kantonsparlament scheint diese Positionierung nicht mehrheitsfähig, wie eine TA-Umfrage zeigt. Für SVP, FDP, BDP und EDU, die mit 85 von 160 Sitzen die Mehrheit halten, kommt ein faktisches Verbot für neue Projekte nicht infrage, zumal die Energiestrategie 2050 auf dem Ausbau der erneuerbaren Energien baue.

Das Kantonsparlament entscheide auch nächstes Jahr wieder über Konzessionserteilungen, sagt SVP-Fraktionschefin Madeleine Amstutz. «Wir verzichten im Voraus sicher nicht generell auf Kleinwasserkraftwerke.» Ähnlich äussert sich FDP-Fraktionschef Adrian Haas. Er verweist auf die «sehr umfangreichen und umfassenden» Umweltauflagen, welche die Umweltverbände beim Triftprojekt mitentwickelt hätten. «Wir sehen daher nicht, wieso man Verknüpfungen mit notabene noch gar nicht bekannten Projekten machen sollte.»

«Wir verweigern uns einem Denken, das alles quantifiziert und damit ersetzbar macht.»Hans Anderegg, Präsident Grimselverein

Unterstützung erhalten die Umweltverbände dagegen von den Linksparteien im Parlament – sowie von der Berner Energiedirektorin Barbara Egger-Jenzer. Die Sozialdemokratin verweist auf die Wasserstrategie des Kantons Bern. Deren Ziel ist es, bis 2035 die Stromproduktion aus Wasserkraft um mindestens 300 GWh pro Jahr zu steigern; allein die Hälfte davon macht das Triftprojekt aus. Werden alle Wasserkraftprojekte umgesetzt, die seit 2011 bewilligt worden sind oder sich noch im Bewilligungsverfahren befinden, lässt sich laut der SP-Regierungsrätin dieses Ausbauziel erreichen. Zudem, so Egger-Jenzer, bewillige der Kanton Bern grundsätzlich keine neuen Kleinkraftwerke unter 300 Kilowatt Leistung mehr, besonders wertvolle Gewässer wie etwa die Weisse Lütschine seien schon heute behördenverbindlich im Richtplan geschützt.

Zwist im Lager der Umweltschützer

Doch Richtpläne lassen sich ändern, politische Beschlüsse neu fassen – davor warnt jener Flügel im Lager der Umweltschützer, der nicht willens ist, der Stärkung der erneuerbaren Energien alles unterzuordnen. Zu diesem Kreis zählt der Grimselverein, der das Triftprojekt dezidiert ablehnt und mit Einsprachen bekämpfen will. Präsident Hans Anderegg wirft den grossen Umweltverbänden «klassische Verbandsbürokratie» vor: Sie träten niemandem auf die Füsse, verlören dadurch keine Mitglieder und Sponsoren, die Stellen im eigenen Verwaltungsapparat blieben erhalten. «Der Umsetzung der Energiestrategie 2050 soll alles geopfert werden», sagt Anderegg.

Der Grimselverein bestreitet, dass «die Zerstörung der Trift» dank ökologischer Ersatzmassnahmen «umweltneutral» sein soll. «Wir verweigern uns einem Denken, das alles quantifiziert und damit ersetzbar macht», sagt Anderegg. Dies umso mehr, als der Bau sämtlicher noch möglichen Speicherkraftwerke nur rund 1100 GWh Strom generieren werde, wohingegen mit dem Wegfall aller fünf AKW im Winter mittelfristig etwa 15'000 GWh Strom fehlen würden.

Die Umweltverbände weisen die Kritik zurück: Beim Triftprojekt habe sich eine einmalige Gelegenheit ergeben, viel mehr Strom zu produzieren als mit anderen kleinen Kraftwerken, sagt Jörg Rüetschi vom WWF Bern. «Deshalb haben wir eine Abwägung gemacht und uns entschieden, in Verhandlungen zu gehen und allfällige Kompromisse einzugehen.» Dieses Vorgehen hätten sie beschlossen, ohne auf die Mitglieder zu schielen, so Rüetschi. «Wir sind jedoch überzeugt, dass wir ihnen das vermitteln können.»

Erstellt: 15.09.2017, 11:10 Uhr

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