170'000 Franken liegen für Abgewählte bereit

Mörgeli passierte es und Tschümperlin auch: Sie wurden abgewählt, wie 23 andere ebenfalls. Was dabei am meisten schmerzt.

Abwahl: Enttäuschung ist für die meisten grösser als finanzielle Sorgen.

Abwahl: Enttäuschung ist für die meisten grösser als finanzielle Sorgen. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Was es heissen kann, abgewählt zu werden, hat kaum einer so eindrücklich gezeigt wie Jo Lang. Der Grüne-Politiker ist 2011 dem Vormarsch der Bürgerlichen in seinem Heimatkanton Zug zum Opfer gefallen, was ihn schwer getroffen hat. Aus dem begeisterten, leidenschaftlichen Politiker wurde ein Mensch, der auf seine Gesprächspartner bedrückt und antriebslos wirkte. Es sei eine Kränkung, sagte er vier Monate nach der Abwahl dem TA. Jeder, der es anders empfinde, habe sein Amt nicht ernst genommen, sei also eine Fehlbesetzung gewesen.

Auch diesmal traf es wieder gut zwei Dutzend Parlamentarier, in den letzten Jahren wurden jeweils zwischen 25 und 30 Personen abgewählt. Einige von ihnen waren Berufspolitiker und spüren den Verlust des Amts auch finanziell. Wer deswegen in Not gerät, kann beim Bund eine Überbrückungshilfe beantragen, sofern er jünger als 65 ist. Die Hilfe darf die AHV-Höchstrente von jährlich 30'000 Franken nicht übersteigen und wird höchstens zwei Jahre lang ausbezahlt, sofern die Verwaltungsdelegation, die über die Parlamentsdienste wacht, das Gesuch genehmigt.

Die Jobsuche beginnt

Doch die meisten Abgewählten berichten nicht in erster Linie von finanziellen Sorgen, sondern von Enttäuschung. So die Berner Grüne-Politikerin Aline Trede, die am späten Sonntagabend erfahren hat, dass sie ihren Platz im Nationalrat nach drei Jahren räumen muss. Der Morgen danach sei schrecklich gewesen, erzählt sie am Telefon. Die Abwahl schmerze sie. «Vor allem als ich gesehen haben, dass so viele Junge in unsere Fraktion gewählt worden sind. Ich hätte so gern mit ihnen zusammengearbeitet.» Sie werde nun einen Job suchen im Bereich Umwelt und Kampagnenarbeit, ihre vormalige Tätigkeit. Die Überbrückungshilfe werde sie nicht beantragen, sagt Trede, deren Mann als Journalist arbeitet.

Spürbar frustriert ist auch der SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin. Es sei schwierig als SP-Politiker im Kanton Schwyz, sagte er am Wahlsonntag mehrmals in die Kameras und wiederholt es am Montag nach der Wahl am Telefon. Doch er akzeptiere dieses «Signal der Wählerschaft» und beende nun seine politische Tätigkeit nach 20 Jahren. Mithilfe professioneller Mentoren werde er eine Standortbestimmung vornehmen und seine Zukunft neu planen, sagt der ausgebildete Reallehrer und Schulleiter, der sich in den letzten Jahren explizit als Berufspolitiker bezeichnet hat. Seine Frau ist ebenfalls Lehrerin.

Auch der Luzerner Grünliberale Roland Fischer muss sich nach vier Jahren im Nationalrat mit der Abwahl abfinden. Die Politik werde ihm fehlen, «ich bin unfreiwillig nicht mehr da», sagt der Dozent für Finanzpolitik an der Hochschule Luzern. Er würde dort gern sein Pensum aufstocken, nun verdaut er zuerst die neue Situation. Fischer und Tschümperlin wissen noch nicht, ob sie die Bundeshilfe beantragen werden.

«Ich habe draufgezahlt»

Sicher nicht beantragen wird sie die St. Galler Grüne-Politikerin Yvonne Gilli. Die Selbstständigerwerbende mit eigener Arztpraxis fährt finanziell besser ohne Nationalratsmandat. «Ich habe mit meiner Praxis täglich 900 Franken Fixkosten, die ich als häufig abwesende Nationalrätin nicht vollständig kompensieren konnte. Ich habe draufgezahlt», sagt sie. Ein zweites Standbein zu behalten, sei für sie wichtig gewesen, weil der St. Galler Grüne-Sitz stets unsicher war und nur dank Restmandaten zustande kam. «Ich bin aber auch der Überzeugung, dass Milizpolitik wünschenswert ist, weil berufliche Erfahrungen das Bewusstsein mitprägen.» Nur sei die Vereinbarkeit von Beruf und Politik sehr schwierig, gerade für Selbstständigerwerbende wie sie. Die Parlamentsarbeit müsste ihrer Ansicht nach reformiert, neu organisiert werden. Trotz finanzieller Vorteile: Glücklich ist Gilli nicht über die Abwahl. Sie sei ein zutiefst politischer Mensch und werde sich weiterhin für Politik interessieren.

Auch andere Abgewählte berichten, dass das Geld nicht im Vordergrund stehe. «Ich bin sehr enttäuscht», sagt die Genfer Grüne Anne Mahrer (67), «weil ich die Politik mit den vielen grünen Themen nun nicht mehr mitgestalten kann». Wie die gleichaltrige Margrit Kessler (GLP) aus dem Kanton St. Gallen bekommt sie keine Bundeshilfe, was aber kein Problem sei. «Ich bin nicht reich, habe aber genügend Geld für den Lebensunterhalt», sagt Mahrer.

Noch sind bei den Parlamentsdiensten keine Anträge für die Bundeshilfe eingegangen, sagt Sprecher Mark Stucki. Das Erstellen der Anträge beanspruche einigen Aufwand, da die Situation dokumentiert werden müsse. Die Parlamentsdienste haben für nächstes Jahr 170'000 Franken Überbrückungshilfe budgetiert, etwas mehr als in den Vorjahren. Seit der Einführung im Jahr 2003 haben pro Legislatur fünf bis sechs Personen davon Gebrauch gemacht – rund ein Viertel der Abgewählten. Die Tendenz sei steigend, sagte Jürg Stahl (SVP), Mitglied der Verwaltungsdelegation, zur Nachrichtenagentur SDA. Er führt dies auf die wachsende Zahl Vollzeitpolitiker zurück.

Erstellt: 20.10.2015, 08:53 Uhr

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