20 Jahre lang falsch unterrichtet

Der Informatikunterricht an Gymnasien soll obligatorisch werden. Sonst drohe die Schweiz im Vergleich mit ausländischen Staaten abgehängt zu werden.

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«An den Gymnasien wird Informatik seit der Maturreform Mitte der 90er-Jahre falsch unterrichtet», sagt ETH-Professor Juraj Hromkovic. Er ist Spezialist für Vermittlung von Basiswissen in Informatik. In der Schweiz würden lediglich die Betriebsanleitungen von Soft- und Hardware vermittelt, nicht aber das Grundwissen zum Steuern und Entwickeln von Informationstechnologie. «Das ist so wie der Unterschied zwischen Autofahren und Maschinenbau», sagt Hromkovic. «Wir sollten aber Gestalter und nicht Konsumenten erziehen.»

Dass es beim Informatikunterricht an den Gymnasien Veränderungen braucht, ist heute, anders als vor 20 Jahren, Konsens. Die Erziehungsdirektoren der Kantone haben am Freitag entschieden, dass das Fach neu schweizweit obligatorisch und mit einem stärker wissenschaftlich ausgerichteten Ansatz unterrichtet werden soll. Dies bestätigen gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet drei Quellen aus dem Umfeld der Versammlung unabhängig voneinander. Nur eine kleine ­Minderheit hatte sich im Vorfeld gegen diesen Schritt ausgesprochen.

Begrüsst wird er auch von den Vereinigungen der Gymnasiallehrer und der Rektoren sowie vom Verband der Schweizer Hochschulen und dem Bund. Marc König, der in St. Gallen eine Kantonsschule leitet und der Konferenz der Rektoren vorsteht, sagt: «Für uns Rektoren ist es wichtig, dass das Fach Informatik flächendeckend in der ganzen Schweiz eingeführt wird.» Der Bedarf sei ausgewiesen. «Den neuen Unterricht braucht es – und zwar jetzt.»

Informatik zählt nicht für Matur

Die Konferenz der Erziehungsdirektoren und der Bund werden nun gemeinsam eine Revision des Maturitätsreglements starten. Bis Mitte des nächsten Jahres könnte die rechtliche Grundlage für das Obligatorum vorliegen. Auf nationaler Ebene muss der Bundesrat über eine Verordnung entscheiden, wie Jean-­Pascal Lüthi, Vizedirektor des Staats­sekretariats für Berufsbildung, sagt.

Gemäss Martin Lehmann, der an der Pädagogischen Hochschule Bern Informatiklehrer ausbildet, kennen inzwischen viele Länder ein Obligatorium. Die meisten seien daran, ihre Programme auszubauen. Grossbritannien gehöre zu den Vorreitern. Dort hat die Royal Society, die Wissenschaftsakademie, Alarm geschlagen. In der Schweiz sagen jetzt Lehmann und sein Professorenkollege Hromkovic von der ETH, unser Land drohe abgehängt zu werden.


«Ein paar Befehlszeilen herumschieben, das reicht nicht» Professor Martin Lehmann sagt im Interview, wie an den Gymnasien in Zukunft unterrichtet werden sollte.


Allerdings wollen die Kantone die Informatik nur teilweise aufwerten. Mit einer Stimme Unterschied lehnten sie die Ernennung zum Grundlagenfach ab. Nur Grundlagenfächer zählen zwingend für die Matur. Opposition gab es vor allem aus Kantonen mit finanziellen Schwierigkeiten: Jeder Kanton solle weiterhin selbst entscheiden können, wie er im Detail mit der Informatik umgehen wolle, lautete ein Argument. Bei einem Grundlagenfach werden schweizweite Vorgaben festgelegt – zum Beispiel eine Mindestzahl Lektionen.

Im Fall des Fachs Wirtschaft und Recht, das vor einigen Jahren auch «nur» für obligatorisch erklärt wurde, haben einige Kantone die Zahl der Lektionen so stark reduziert, dass nur noch eine Schnellbleiche übrig blieb. Der Informatik könnte es gleich ergehen. In der Vernehmlassung haben sich denn auch Lehrer, Rektoren und Hochschulen für ein Grundlagenfach ausgesprochen.

Warnung vor «Krieg der Fächer»

Der Kanton Aargau hat die Informatik bereits vor einem Jahr aufgewertet. St. Gallen startet im nächsten Schuljahr. In den Kantonen Bern und Zürich dauert es länger. In Bern sind noch keine Entscheide zur Ausgestaltung des neuen Fachs gefallen, wie die Erziehungsdirektion mitteilt. Im Kanton Zürich sei eine flächendeckende Einführung erst nach 2020 realistisch, wie Niklaus Schatzmann sagt. Er ist als Amtsleiter zuständig für die Mittelschulen.

Man müsse vor der Einführung auch berücksichtigen, wie sich die Informatik in der Grundschule entwickle, sagt Schatzmann. Im nächsten Schuljahr wird in Zürich das Fach Medien und ­Informatik eingeführt – zunächst eine Lektion pro Woche in der 5. Klasse.

Zürich hatte sich vor dem gestrigen Entscheid für ein Grundlagenfach an den Gymnasien ausgesprochen. Inhalt und Umfang würden aber auf jeden Fall gleich ausfallen. Im Vorfeld war die Rede von zwei Lektionen Informatik während zweier Jahre. An der Versammlung der Kantone warnten die Gegner des Grundlagenfachs vor einem «Krieg zwischen den Fachschaften». Gemäss Schatzmann ist «die Stundentafel an den Zürcher Gymnasien voll». Ein Ausbau sei unmöglich. Deshalb müssten zulasten der Informatik andere Fächer Stunden abgeben. «Die Überlegungen, welche Fächer das sein könnten, beginnen aber erst.»

Der Verein der Gymnasiallehrer hatte dagegen in der Vernehmlassung zusätzliche Lektionen gefordert. Auch Rektoren-Präsident König sagt, ein Ausbau des Stundenplans sei vertretbar – sachlich und finanziell. Die Kantone St. Gallen und Aargau jedenfalls haben mehr ­Lektionen beschlossen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2017, 23:05 Uhr

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