Die 20 wichtigsten und skurrilsten eidgenössischen Wahlen

Heute wählt die Schweiz zum 51. Mal ihr Parlament. Zeit für einen Schnelldurchlauf durch 170 Jahre unserer Demokratie.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Anfang ist das Chaos1848

Im September 1848 ist die Staatsgründung perfekt, das Schweizer Volk hat die neue Bundesverfassung angenommen. Was der neuen Schweiz jetzt noch fehlt, sind ein Parlament und eine Regierung. Die alte Tagsatzung drückt aufs Tempo und weist die Kantone an, die Wahlen «sofort vorzunehmen». Pro 20'000 «Seelen», so heisst es in der Verfassung, gibt es einen Nationalrat. Viel mehr Regeln sind da nicht, es wird improvisiert und manipuliert, die Kantone organisieren die Wahlen, wie sie wollen, und nicht einmal alle am gleichen Tag. Selbst vor üblen Tricks schrecken manche nicht zurück. Vielerorts sind die Wahlversammlungen auf 11 Uhr vormittags angesetzt, um die Lohn­abhängigen vom Wählen abzuhalten. Der freisinnige Block, der damals noch nicht als Partei organisiert ist, holt 96 von 111 Sitzen.

1848 besteht das Parlament aus 111 Nationalräten und 44 Ständeräten. Foto: ch.ch

Faire Wahl? Von wegen!1851

Für die zweite Wahl im Jahr 1851 gibt es ein erstes Wahlgesetz. Dieses legt den Wahltag einheitlich auf den letzten Sonntag im Oktober fest (seit 1994: zweitletzter Oktobersonntag). Doch wirklich fair sind die Wahlen noch lange nicht: In manchen Kantonen – etwa Luzern – legt die freisinnige Mehrheit die Wahlkreise absichtlich so fest, dass die Opposition keine Chance hat. Solche Manipulationen – in den USA als «Gerrymandering» berüchtigt – werden erst mit der Proporzwahl gestoppt. Hinzu kommt, dass Zehntausende von Schweizern (und die Schweizerinnen sowieso) von den Wahlen ausgeschlossen sind. Die Ausschlussgründe sind vielfältig und treffen vor allem die ärmeren Schichten. Wer Konkurs anmelden musste, Sozialhilfe bezieht oder nach Ansicht der Obrigkeit an Trunksucht leidet, verliert vielerorts das Wahlrecht.

Artillerie im Wahlkampf1853

Manche Kantone wählen ihre Nationalräte anfänglich an öffentlichen Versammlungen, das Stimmgeheimnis ist hier eine Farce. Bei einer Ersatzwahl in Freiburg fürchtet die freisinnige Kantonsregierung 1853 den Sieg des katholisch-konservativen Kandidaten. An der Wahlversammlung in Bulle lässt die Staatsmacht Artillerie und Soldaten aufmarschieren, verletzt einen konservativen Nationalrat mit Schlägen, verursacht so eine Panik und treibt die konservativen Wähler in die Flucht. Das Bundesparlament verfügt eine neue Wahl.

Annulliert1854

Was für ein Coup! Ein Tessiner Minderheitenbündnis aus Linksradikalen und Katholisch-Konservativen (die «Fusionisti») überrumpelt 1854 die Radikalen und holt alle sechs Nationalratssitze. Später wird publik, dass die Fusionisti ihrem Erfolg ziemlich unzimperlich nachgeholfen haben, teilweise auch mit Gewalt. Die Wahlen werden vom Bundesparlament annulliert, wiederholt – und gehen anders aus. Alle Sitze für die Radikalen.

Der erste Tessiner Bundesrat Stefano Franscini sucht 1854 Asyl in Schaffhausen. Foto: ETH-Bibliothek Zürich

Wahl-Asyl in Schaffhausen1854

In der turbulenten Tessiner Wahl von 1854 verpasst auch Stefano Franscini, der erste Tessiner Bundesrat, seine sogenannte Komplimentswahl. Denn in den Gründerjahren kandidieren auch die amtierenden Bundesräte jeweils für den Nationalrat. So sollen sie sich politische Legitimität im Volk holen. Franscinis Glück ist, dass in Schaffhausen nach dem ersten Wahlgang erst einer von zwei Sitzen besetzt ist. Die Schaffhauser Freisinnigen bieten Franscini Asyl an und stellen ihn für den zweiten Wahlgang auf. Der Tessiner wird von den Schaffhausern als Nationalrat gewählt – und später auch als Bundesrat bestätigt.

Eine Revolution1919

Bis ins 20. Jahrhundert hinein werden auch die Nationalräte im Majorzverfahren gewählt – die grösseren Kantone sind dazu in mehrere Wahlkreise unterteilt. Weil dieses System zu einer massiven freisinnigen Übervertretung führt, fordern Katholisch-Konservative (heute CVP) und Sozialdemokraten seit langem die Proporzwahl. Doch erst im dritten Anlauf sagt das Volk dazu Ja. Die erste Wahl im neuen Modus bringt 1919 eine Machtverschiebung revolutionären Ausmasses. Die Freisinnigen verlieren ihre absolute Mehrheit und kommen nur noch auf 60 Sitze. Konservative und SP erhalten je 41, die neuen Bauernparteien (heute SVP) holen 30 Mandate. Die Wahlbeteiligung beträgt über 80 Prozent!

Nationalrat ohne Wahl1919

Ein Nationalratsmandat gibt es manchmal auch als Geschenk. 1919 erobert die neue Bauernpartei in Schaffhausen überraschend zwei Sitze, hat aber nur einen Kandidaten. Einen Sitz schenkt sie dem kämpferischen Journalisten Jakob Hefti von den (linken!) Grütlianern – FDP und SP toben. 1979 wird auch ein gewisser Alois Kessler Nationalrat, ohne an der Wahl teilgenommen zu haben. Der einzige Schwyzer SP-Nationalrat ist zuvor verstorben, und auf der SP-Liste gibt es niemanden, der nachrücken könnte. So bestimmen die 28 Unterzeichner der Wahlliste Kessler als Nationalrat. Doch sein Gastspiel in Bern ist kurz: Nach neun Monaten wird er im Oktober 1979 abgewählt.

FDP-Vormacht am Ende1925

87 Jahre nach Gründung des Bundesstaats verliert die FDP auch im Ständerat ihre absolute Mehrheit.

Einen neue Kraft tritt aufs politische Parkett und holt 1919 auf Anhieb 30 Sitze: Wahlplakat der Bauern, Gewerbe- und Bürgerpartei um 1925. Foto: Keystone

SP überholt die FDP1931

Mitten in der Weltwirtschaftskrise erreicht die SP mit 28,7 Prozent Wähleranteil ihr bis heute bestes Ergebnis. Gleichzeitig liegt sie erstmals vor der FDP. Ab jetzt finden die Wahlen nicht mehr alle drei Jahre statt, sondern alle vier.

Der dreifache Nationalrat1935

Als der Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler 1935 nach dem Detailhandel auch die Politik aufmischen will, tritt er gleich in drei Kantonen zur Wahl an – und wird in Zürich, Bern und St. Gallen gewählt. Danach werden Mehrfach-Kandidaturen verboten.

Keine Lust auf Wahlkampf1939

Selbst wenn Europa in der Katastrophe versinkt: Die eidgenössischen Wahlen werden seit 1848 kein einziges Mal abgesagt. In den Weltkriegen ist die Lust auf Wahlkampf allerdings gering. Am 29. Oktober 1939, zwei Monate nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, kommt es in neun Kantonen zu stillen Wahlen. Das heisst: Es gibt nur so viele Kandidaten wie Sitze. Selbst in grossen Ständen wie Waadt oder Luzern haben sich die Parteien vorgängig über die Sitzverteilung geeinigt. Stille Wahlen gibt es auch 2019 wieder: Die Ständeräte von Obwalden (Erich Ettlin, CVP) und Nidwalden (Hans Wicki, FDP) sind mangels Konkurrenz bereits bestätigt worden

Fix 200 Mitglieder1963

Das Bevölkerungswachstum führt zu einer kontinuierlichen Vergrösserung des Nationalrats. Ab 1963 wird die Zahl seiner Mitglieder darum bei 200 fixiert.

CVP auf dem Allzeithoch1963

Mit 23,4 Prozent erreicht die CVP ihr bestes Resultat der Geschichte. Seither geht ihr Wähleranteil kontinuierlich zurück und erreicht 2015 mit 11,6 Prozent den vorläufigen Tiefpunkt.

Drei Nelken und eine Rose1971

Über hundert Jahre dauert es, bis auch die zweite Hälfte der Bevölkerung wählen darf. Die Premiere für die Frauen im Herbst 1971 verläuft mässig erfolgreich. Elf Frauen schaffen es in den Nationalrat, was einen Anteil von 5,5 Prozent bedeutet. Einzige Ständerätin wird Lise Girardin (FDP) aus Genf. Als sich das neue Parlament zur ersten Sitzung trifft, kommentiert das die «Wochenschau» so: «In der Annahme, die Damen seien schmuck genug, begnügte man sich bei der Begrüssung auf drei Nelken und eine Rose.» Willkommen im Bundeshaus, «werte Damen».

Die Genferin Lisa Girardin wird am 29. November 1971 als erste Ständerätin im Bundeshaus in Bern vereidigt. Foto: Keystone

Am Schluss die Berner1977

Erst nach 129 Jahren werden auch die allerletzten eidgenössischen Parlamentarier vom Volk gewählt. Anders als die Nationalräte werden die Ständeräte anfänglich in den meisten Ständen vom Kantonsparlament bestimmt. Nach und nach führen die Kantone auch für die Ständeräte die Volkswahl ein, als letzter Bern im Jahre 1977. Man könnte sagen: typisch. Bis heute ist Bern jener Kanton, der an einem Wahlsonntag prinzipiell als letzter seine Resultate liefert.

Der erste Grüne der Welt1979

Der Waadtländer Daniel Brélaz wird 1979 nicht nur der erste grüne Nationalrat. Er ist der weltweit erste Grüne in einem nationalen Parlament. Nach einem Unterbruch gehört der 69-Jährige heute wieder dem Nationalrat an – und er kandidiert am nächsten Sonntag noch einmal.

Mit Daniel Brélaz wird 1979 der erste Grüne weltweit in ein nationales Parlament gewählt. Foto: VQH

Blocher wählen2007

Zahlreich sind die Versuche in der Politgeschichte, die Volkswahl des Bundesrats einzuführen. Sie sind stets gescheitert (meist deutlich). Trotzdem haben Parteien immer wieder versucht, Parlamentswahlen zu vorgezogenen Bundesratswahlen zu machen. Am extremsten die SVP 2007. «Blocher stärken, SVP wählen!» lautet der Slogan. Für die SVP ist das erfolgreich (sie erreicht sieben Sitze mehr und 29 Prozent Wähleranteil), für Blocher weniger. Er wird im Dezember 2007 als Bundesrat abgewählt.

Glücksfee2011

23'979 Stimmen. Einmal für Monica Duca Widmer, einmal für Marco Romano. Als der Wahlsonntag 2011 vorüber ist, hat die Tessiner CVP ein Luxusproblem. Ein Sitz – und zwei Kandidaten. Das Los muss entscheiden. Zuerst gewinnt Duca Widmer eine Computerauslosung – die aber nach Beschwerden nicht gültig ist. Die Losziehung per Hand gewinnt dann Romano.

Rekord2015

Die SVP erringt mit 29,4 Prozent Wähleranteil 65 Nationalratsmandate. Es ist das beste Wahlresultat einer Partei seit Einführung der Proporzwahl.

So viele wie noch nie2019

Die 51. eidgenössischen Wahlen finden am Sonntag, den 20. Oktober 2019, statt. Sie markieren das 100-Jahr-Jubiläum der Proporzwahl. Mit 4652 Kandidierenden und 511 Listen ist der Ansturm auf den Nationalrat grösser als je zuvor.

Erstellt: 20.10.2019, 09:42 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir stellen die Extrempositionen von SP und FDP bloss»

Grünliberalen-Chef Jürg Grossen wehrt sich gegen die Anfeindungen von FDP und SP. Ob er zusammen mit den Grünen einen Bundesratssitz anpeilt, lässt er offen. Mehr...

So schaffen es auch die Listenfüller ins Rampenlicht

Der Perioden-Slogan einer CVP-Politikerin steht exemplarisch für den Wahlkampf – wo ein paar wenige mutig sind und die meisten langweilig. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Paid Post

Mehr Freizeit dank iRobot

Diese intelligenten Alleskönner übernehmen das Reinigen für Sie: gründlich, zuverlässig und vollautomatisch.

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...