2018 droht ein Rekord bei tödlichen Bergunfällen

Wandern und Klettern sind angesagt – Schweizer Rettungskräfte müssen deshalb immer häufiger ausrücken.

Hier zum Glück nur eine Übung: Die Rega trainiert die Rettung eines verletzten Bergsteigers.

Hier zum Glück nur eine Übung: Die Rega trainiert die Rettung eines verletzten Bergsteigers. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im ersten Halbjahr 2018 kamen in den Schweizer Bergen 80 Menschen ums Leben und damit mehr als doppelt so viele wie noch 2017. Auch in den Vorjahren waren es mit durchschnittlich 45 viel weniger. Diese unerfreuliche Zwischenbilanz hat der Schweizer Alpen-Club (SAC) in der «NZZ am Sonntag» gezogen.

Ueli Mosimann von der SAC-Fachgruppe Sicherheit im Bergsport bestätigt die Zahlen auf Nachfrage und befürchtet, dass 2018 ein Rekordjahr werden könnte: «Weil die meisten Unfälle jeweils im Juli und August passieren, müssen wir davon ausgehen, dass die Zahlen bis Ende Jahr noch stark steigen werden.» Denn das anhaltend schöne Wetter habe den ganzen Sommer über viele Leute in die Berge gelockt und für eine hohe Tourenfrequenz gesorgt.

Massiv mehr Verletzte

Mitte Oktober wird der SAC von den Polizeikorps der Bergkantone und ausgewählten Rettungsdiensten die neusten Quartalszahlen zum Sommer erhalten. In seiner Zwischenbilanz hat er erst die Vorkommnisse bis Ende Juni erfasst. Die vielen tödlichen Unfälle im ersten Halbjahr sind laut Mosimann auf ein Zusammenspiel unglücklicher Umstände zurückzuführen, unter anderem auf die heikle Lawinensituation im Winter.

Das Wetter spielt grundsätzlich eine wichtige Rolle. So ereigneten sich etwa während des Hitzesommers 2015 besonders viele Unfälle. Ein Jahr zuvor war es noch regnerisch, kühl und extrem sonnenarm. Dementsprechend weniger Menschen zog es in die Berge. Wie das Wetter ist auch die Entwicklung bei den tödlichen Unfällen schwankend.

In seiner Statistik zählt der SAC nur Ereignisse des klassischen Bergsports, zu dessen Ausübung kein Transportgerät verwendet wird. Todesfälle beim Delta- und Gleitschirmfliegen, Speedflying, Basejumping und bei der Benutzung von Mountainbikes sind nicht miteingerechnet. Gerade Bike-Unfälle haben in jüngster Zeit stark zugenommen. Würden sie hinzugezählt, sähe die Statistik wohl anders aus.

Trotzdem ist überraschend, dass die Zahl tödlicher Unfälle in den Bergen über die Jahre nicht gestiegen ist. Denn Wandern, Touren und Klettern werden in der Schweiz immer beliebter. «Die Zahl der Bergsteiger hat sich in den letzten 30 Jahren verdoppelt», schätzt Mosimann.

Bei den tödlichen Unfällen hat dieser Boom (noch) keine Konsequenzen, dafür wirkt er sich auf die Gesamtzahl der Verunfallten aus. Im Jahr 2000 verletzten sich 17’700 Personen beim Wandern oder bei einem anderen Bergsport, 2015 waren es schon 28’680 oder 62 Prozent mehr.

«Ausserdem beanspruchen immer mehr Menschen Rettung, auch ohne, dass sie einen Unfall gehabt hätten», sagt Mosimann. Oft handle es sich um Zeitmangel oder Überforderung. Die Wanderer und Bergsteiger stecken fest, weil sie ihr Können überschätzt oder den Zeitbedarf einer Tour unterschätzt haben.

Die Rega, die Walliser Bergrettungsorganisationen (KWRO) und andere Rettungsdienste müssen auch deshalb immer häufiger ausrücken. Innerhalb von zehn Jahren haben die Einsätze um 32 Prozent zugenommen: 2007 wurden noch gut 2000 Personen in den Bergen gerettet oder geborgen, 2017 schon mehr als 2700.

Mosimann erklärt sich das unter anderem mit dem technologischen Fortschritt: «Heute ist es viel einfacher als früher, weil man schnell zum Handy greifen und anrufen kann.» So kommt es nicht selten zu teuren Rettungseinsätzen, die gar nicht zwingend nötig gewesen wären.

Im Notfall kann das Mobiltelefon aber auch Leben retten. Der SAC empfiehlt deshalb, es vor Touren vollständig aufzuladen und vielleicht auch die Rega-App zu installieren.

Klassisches Wandern am gefährlichsten

Gerade für Personen, die allein in den Bergen unterwegs sind, ist das Handy wichtig. Und das sind mehr, als man denkt: Bei durchschnittlich 36 Prozent, also gut einem Drittel der tödlich verunfallten Personen, handelte es sich in den letzten Jahren um Alleingänger. Der Rest war mit privaten oder organisierten Touren unterwegs. Gut drei Viertel der Todesfälle betrafen Männer. Auffällig ist zudem der hohe Anteil ausländischer Touristen, die fast die Hälfte aller Opfer stellten.

Am meisten tödliche Unfälle ereignen sich beim klassischen Bergwandern, das von vielen eigentlich als ungefährlich eingeschätzt wird. Danach folgen Hochtouren, die besondere Vorbereitung und Ausrüstung erfordern, und Skitouren. Beim als riskant geltenden Klettern hingegen kommen vergleichsweise nur wenige Personen um.

Ein Grossteil der Unfälle in den Bergen geht zum Glück glimpflicher aus. Der Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre zeigt aber, dass es punkto Sicherheit beim Wandern noch Aufklärung und Sensibilisierung braucht. Derzeit laufen verschiedene Bemühungen, unter anderem die Kampagne «Bergwandern – aber sicher», welche die Beratungsstelle für Unfallverhütung zusammen mit den Organisationen Schweizer Wanderwege und Seilbahnen Schweiz sowie der Unterstützung der Krankenkasse Swica organisiert. Sie läuft noch bis 2019.

Erstellt: 17.09.2018, 16:49 Uhr

Artikel zum Thema

Tödliche Unfälle an Dufourspitze und in Kandersteg

Ein Bergsteiger ist an der Dufourspitze ums Leben gekommen. Beim Oeschinensee ist eine 29-Jährige verunfallt und abgestürzt. Mehr...

Sechs Tipps, wie Wanderer sicher an den Kühen vorbeikommen

Mulmiges Gefühl beim Durchqueren von Kuhweiden? Wir zeigen, was Wanderer beachten sollten, wenn sie Kühen, Kälbern und Stieren begegnen. Mehr...

Neun Bergtote und drei Ertrunkene während Hitzewelle

Während der zehntägigen Hitzewelle kam es bis am Donnerstag zu zwölf Todesfällen in den Bergen und an Gewässern. Zudem gab es hitzebedingt Verletzte durch Steinschlag. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Mamablog Was Neu-Eltern nie mehr hören wollen

Paid Post

Die Schweiz zum halben Preis entdecken

Exklusiv und nur für kurze Zeit: Mobility-Testabo für 43 Franken inkl. gratis Hotelcard!

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...