Teureres Benzin – Autofahrer ändern ihr Verhalten kaum

Politiker streiten leidenschaftlich um jeden Rappen CO2-Abgabe, die Treibstoff-Preis schwanken aber ohnehin stark – ohne Konsequenzen.

Autofahren geht mal mehr, mal weniger ins Geld: Der Treibstoffpreis unterliegt beträchtlichen Schwankungen.

Autofahren geht mal mehr, mal weniger ins Geld: Der Treibstoffpreis unterliegt beträchtlichen Schwankungen. Bild: Keystone

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Die SVP macht keinen Wank. Ihr Positionspapier zur Verkehrspolitik, das sie heute Morgen vorgestellt hat, enthält Altbekanntes. So spricht sich die Partei unter anderem dezidiert gegen eine CO2-Abgabe auf Treibstoffe aus. Eine solche politisch gesteuerte Verteuerung von Benzin und Diesel war im Parlament bislang am Widerstand von SVP, FDP und CVP gescheitert. Seit aber aus der freisinnigen Basis der Ruf nach einer solchen Abgabe laut geworden ist, eröffnet sich politisch Spielraum für diese Massnahme.

Umso eindringlicher warnt die SVP nun vor «wachsender Abzockerei» der Autofahrer. Und sie erinnert an Frankreich, wo sich im letzten Herbst Bürgerinnen und Bürger zur sogenannten Gelbwestenbewegung formiert hatten – aus Wut über die Regierung Macron, die aus klimapolitischen Gründen den Treibstoff verteuern wollte: Benzin um umgerechnet 3 Rappen pro Liter, Diesel um 7 Rappen. «Solche Entwicklungen», zeigt sich die SVP überzeugt, «sind auch in der Schweiz denkbar.»

Im Politpoker bis zu 20 Rappen pro Liter

Um eine Verteuerung der Treibstoffe hat auch die Schweizer Politik gerungen, und zwar im letzten Dezember. Die SVP wollte den – politisch gesteuerten – Aufschlag bei 5 Rappen pro Liter deckeln, Links-Grün bei 20 Rappen. Der Nationalrat fand sich schliesslich bei 8 Rappen, versenkte jedoch später in der Schlussabstimmung die Revision des CO2-Gesetzes – und damit auch die Treibstoffverteuerung. Vom Tisch ist diese aber nicht. Die vorberatende Kommission des Ständerats berät die Vorlage derzeit neu.

Bemerkenswert mutet an, wie leidenschaftlich Politiker über wenige Rappen Aufschlag streiten können, derweil der Treibstoffpreis auch ohne ihren Einfluss teils weit grösseren Schwankungen unterworfen ist. Verschiedene Faktoren spielen da hinein, etwa der Ölpreis, der Wechselkurs des Dollars zum Franken, die Frachtkosten für den Transport auf dem Rhein, die allgemeine Wirtschaftslage und die politische Situation in ölexportierenden Ländern.

Aufschlag von 20 Prozent in zwei Jahren

2016 kostete ein Liter Diesel in der Schweiz durchschnittlich 1.45 Franken, 2018 waren es 1.74 – ein Aufschlag um 29 Rappen oder 20 Prozent, mehr also, als Links-Grün im Nationalrat verlangt hat. Beim Benzin verlief der Anstieg ähnlich. In den letzten zehn Jahren am meisten bezahlen mussten Autofahrer 2012: 1.93 Franken für einen Liter Diesel, 1.81 Franken für einen Liter Benzin.

Solche Preisausschläge sorgen durchaus für Diskussionen. Als zum Beispiel 2008 der Benzinpreis innert zehn Jahren von 1.15 Franken auf gegen 2 Franken gestiegen war, sprachen Politiker von einer «dramatischen Situation», Medien spekulierten über weiter steigende Preise auf 3 Franken pro Liter und verbreiteten Meldungen über vermehrte Benzindiebstähle, etwa im Kanton Waadt. Doch zu einer Protestbewegung wie in Frankreich – mit all ihren negativen Begleiterscheinungen wie Gewalt – kam es nicht. Die Autofahrer konnten die Aufschläge offenbar finanziell verkraften.

Die Krux kurzfristiger Schwankungen

Völlig spurlos geht das Auf und Ab an den Autofahrern allerdings nicht vorbei. Sind sie kurzfristiger Art, ändern die Autofahrer ihr Verhalten kaum. «Sie können ihr Verhalten in der Regel nicht von einem Tag auf den nächsten ändern», sagt Massimo Filippini, Professor für Energiewirtschaft an der ETH Zürich.

Erfolgt ein Aufschlag jedoch in Form einer CO2-Abgabe, ist also dauerhaft, tendieren die Autofahrer laut dem Experten langfristig dazu, sich an die neue Begebenheit anzupassen – indem sie weniger fahren, ein effizienteres Fahrzeug kaufen oder sich mit anderen, für sie günstigeren Verkehrsmitteln fortbewegen. Steige der Preis so um wenige Rappen, komme es langfristig zu einer Nachfragereduktion, so Filippini. «Allerdings beträgt diese nur wenige Prozentpunkte.»

CO2-Abgabe regional differenzieren?

In einer Studie zeigt Filippini, dass die Bewohner ländlicher Gebiete weniger stark auf Preisaufschläge reagieren als Städter. Bei einer Preiserhöhung um 20 Rappen pro Liter sinkt etwa im Grossraum Zürich die Nachfrage nach Benzin und Diesel um 3,6 bis 5,2 Prozent, während sie etwa im Berner Oberland nur um 3,2 bis 3,4 Prozent zurückgeht. Filippini erklärt dieses Phänomen nicht zuletzt mit der Infrastruktur: In Randregionen sei es schwieriger, auf den öffentlichen Verkehr auszuweichen.

Eine CO2-Abgabe auf Treibstoffe hält Filippini für sinnvoll, und zwar als Lenkungsabgabe, die an die Bevölkerung zurückverteilt wird. Vielfahrer müssten so unter dem Strich draufzahlen, besser fahren würde, wer weniger oder gar nicht mit dem Auto unterwegs ist. Die Rückverteilung, meint Filippini, sollte aber unter der Berücksichtigung der Stadt-Land-Ungleichheit erfolgen. Das heisst: Die Bewohner ländlicher Gebiete erhielten einen höheren Grundbetrag zurück als jene in den Städten.

Nur bedingt rationale Entscheide

Wie die Abgabe wirken würde, hinge nicht nur von ihrer Ausgestaltung ab. Filippini gibt zu bedenken, dass sich die Menschen nur bedingt so rational verhalten würden, wie es der Homo oeconomicus vorsehe. Dies zeige sich etwa bei Kaufentscheiden. Viele Leute seien nicht in der Lage, eine Gesamtkalkulation vorzunehmen, also beispielsweise beim Autokauf nicht nur den Kaufpreis zu berücksichtigen, sondern auch die Folgekosten wie Mehr- oder Minderausgaben, die aus der Höhe des Treibstoffverbrauchs resultieren. «Eine Lenkungsabgabe kann nur ihre volle Wirkung entfalten, wenn die Menschen rational entscheiden.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.05.2019, 18:15 Uhr

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