300-Franken-Franchise nicht wählbar

Wer eine neue Krankenkasse sucht, ist auf den Websites der Versicherer möglicherweise auf Seltsames gestossen. Jetzt hat das BAG interveniert.

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Mehrere Krankenkassen haben auf ihren Internetplattformen ältere und kranke Interessenten abgeschreckt – das hat eine Überprüfung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) im Oktober ergeben. Die betroffenen Versicherer wurden gerügt und aufgefordert, ihre Websites entsprechend anzupassen, wie Radio SRF heute berichtete. Im Beitrag erläuterte BAG-Vizedirektor Oliver Peters die Strategie der Kassen, um diese Kundengruppen fernzuhalten: Zum einen seien nach der Eingabe eines älteren Jahrgangs nicht alle verfügbaren Angebote angezeigt worden, sodass etwa die niedrigste Franchise nicht angewählt werden konnte. Zum anderen seien bei fortgeschrittenem Alter Warnhinweise erschienen, dass medizinische Behandlungen nur mit grosser zeitlicher Verzögerung vergütet würden.

Von Tagesanzeiger.ch/Newsnet befragte Patienten- und Konsumentenschützer kannten diese Masche der Kassen zwar nicht, sind aber dennoch nicht erstaunt über das Online-Gebaren der Versicherer, wie sie übereinstimmend sagen. Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, bestätigt, dass gewisse Versicherer systematisch Kunden selektionierten. Dass sie das auch über ihre Websites täten, sei lediglich eine Fortsetzung dieser Strategie in einem neuen Kanal. Auch Yvonne Gilli, Präsidentin der Patientenstelle Ostschweiz, Ärztin und Nationalrätin der Grünen, sagt: «Dieses Phänomen schildern mir betroffene Patienten regelmässig.»

Konkrete Vermutungen

Das BAG gibt sich bedeckt, welche Kassen gerügt wurden. Stalder sind die betroffenen Versicherer nicht bekannt, sie sagt aber: «Wir vermuten aufgrund zahlreicher ähnlich gelagerter Beschwerden von Versicherten, dass Groupe Mutuel oder Assura beteiligt sein könnten.» Auch Margrit Kessler, Präsidentin der Stiftung SPO Patientenschutz, nennt auf Anfrage die gleichen zwei Kassen. «Dieses Verhalten ist ethisch nicht haltbar. Nur kurz nach der Ablehnung der Einheitskasse an der Urne beginnen diese Versicherer wieder zu tricksen», kritisiert die GLP-Nationalrätin.

Groupe Mutuel dementiert diese Vermutungen: Ihr Internetauftritt sei gesetzeskonform, und man sei diesbezüglich nicht vom BAG kontaktiert worden. «Das betrifft alle Mitgliedversicherer der Gruppe», sagt Mediensprecher Christian Feldhausen. Die Assura-Pressestelle bestätigt, einen Brief des BAG erhalten zu haben. Man habe diesen im Oktober mit dem Hinweis beantwortet, die Website sei komplett und dass alle interessierten Personen auf dieselbe Weise informiert würden. Sprecher Xavier Studer betont, Assura sei verpflichtet, alle Kunden in die Grundversicherung aufzunehmen. Andere Kassen bestätigen den Brief, der Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt. Er datiert von Ende September und ist «an die KVG-Versicherer» adressiert. Es ist ein Rundschreiben, in dem auf die mangelhaften Offerten «einiger Versicherer» verwiesen wird.

Die Tricks der Kassen

Die Online-Schummeleien sind aber bei weitem nicht die einzigen Methoden, wie ältere und kranke Versicherte von den Kassen abgeschreckt werden. Die Patientenschützerinnen nennen weitere Beispiele:

  • Interessierte Kunden werden am Telefon so lange vertröstet, bis die Frist für den Kassenwechsel abläuft.
  • Versicherer machen ältere oder kranke Interessierte glauben, sie böten gewisse Franchisen nicht an. Der Hintergrund: Chronisch Kranke sollen davon abgehalten werden, eine hohe Franchise zu wählen, weil die monatlichen Beiträge dadurch geringer ausfallen und die Patienten somit nach dem Selbstbehalt zum Kostenfaktor werden. Die Kassen hätten allerdings in diesem Bereich tatsächlich einen gewissen Handlungsspielraum, sagt Stalder: «Sie müssen generell nicht alle Franchisen-Kategorien anbieten – aber sicher nicht nur einzelne Kundensegmente davon ausschliessen.»
  • Versicherer versprechen, eine Offerte für den neuen Vertrag per Post zu schicken, diese kommt aber nie beim Interessenten an. Dabei wäre eine Offerte bei der Grundversicherung gar nicht nötig: Die Leistungen entsprechen sich bei allen Kassen, lediglich die Preise variieren je nach Region. «Kunden sollten also das günstigere Angebot in jedem Fall bevorzugen», rät Stalder.
  • Krankenkassen machen geltend, die Anmeldung für den Versicherungswechsel sei nicht fristgerecht bei ihnen eingegangen, obwohl der Antrag rechtzeitig gesendet wurde.
  • Krankenkassen nehmen telefonischen Kontakt mit bereits bei ihnen versicherten älteren Personen auf und überreden sie dazu, zu einer anderen Kasse zu wechseln, weil dies günstiger für sie sei. Dabei handle es sich um Tochterkassen, und bei dieser Taktik gehe es um die Optimierung des Risikoausgleichs, sagt Gilli, der eine ältere Patientin einen solchen Vorfall erzählte.

Kassen haben Pflicht zur Aufnahme

Dabei wären die Kassen gesetzlich verpflichtet, alle interessierten Kunden in die Grundversicherung aufzunehmen – ein gezieltes Fernhalten gewisser Gruppen ist nicht erlaubt. Doch mit Methoden wie einem Warnhinweis zur verzögerten Bezahlung bewegen sich die Versicherer in einem gesetzlichen Graubereich: «Es steht jedem Versicherer frei, seine Dienstleistungen schlecht zu bewerben», sagt Stalder. Aber damit nur spezifische Kundengruppen zu adressieren und sie auf diese Weise abzuschrecken, sei verboten.

Gerade die älteren und kranken Versicherten liessen sich jedoch rasch von den Tricks verunsichern, beobachten die Patientenschützerinnen. Deshalb gehe die Strategie der Krankenkassen bei diesen Kundengruppen häufig auf, sagt Stalder. Betroffenen rät sie, auf dem Prämienrechner des Bundes (www.priminfo.ch) die Angebote zu vergleichen und bei abschreckendem Kassenverhalten den Konsumentenschutz oder die Ombudsstelle zu kontaktieren.

Mit dem ab 2017 verfeinerten Risikoausgleich zwischen den Kassen dürfte sich die Situation zwar für die älteren und kranken Kunden verbessern, glauben die Patientenschützerinnen – aber gleichzeitig werde sich die Problematik verlagern: «Neu werden Versicherer interessiert daran sein, junge, gesunde Männer abzuschrecken, weil sie für die Kassen höhere Beiträge in den Ausgleichstopf zur Folge haben werden», so Stalder. Und Gilli sagt: «Die Billigkassen werden dann plötzlich aktiv ältere und kranke Patienten anwerben.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2014, 17:57 Uhr

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