350 Millionen Mehrkosten am Neat-Südportal

Baukonsortium reicht Nachforderungen ein. Laut Insidern drohen noch mehr Überschreitungen.

Teurer Tunnelbau: Zwei Mineure auf der Neat-Baustelle im Gotthard-Basistunnel in Faido.

Teurer Tunnelbau: Zwei Mineure auf der Neat-Baustelle im Gotthard-Basistunnel in Faido. Bild: Keystone

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Noch 15 Tage bleiben bis zum Durchstich des Neat-Tunnels. Der soll zum grossen Abschiedsfest für Bundesrat Moritz Leuenberger werden. Doch wie so oft beim Grossprojekt, trübt eine finanzielle Hiobsbotschaft die Feststimmung: Bei der Alptransit Gotthard AG ist eine Nachforderung von rund 350 Millionen Franken eingegangen. Dies bestätigt Renzo Simoni, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Alptransit. «Wir können heute keine Angaben darüber machen, ob das die letzte Forderung ist und die geltend gemachten Ansprüche berechtigt sind.» Die Prüfung ist laut Simoni im Gang, das Bundesamt für Verkehr (BAV) und die Neat-Aufsichtsdelegation (NAD) informiert.

SVP-Nationalrat Max Binder, der Chef der NAD, sagt, er wisse nichts von einer «solch gewaltigen» Nachforderung. «Wir werden dies an unserer nächsten Sitzung diskutieren.»

Auftrag von 2,5 Milliarden

Die Nachforderungen stellt das Baukonsortium TAT, das unter der Führung von Implenia für den Bau des Südabschnitts des Tunnels verantwortlich ist. Der Bau der rund 57 Kilometer langen Gotthardröhre ist in fünf Teilabschnitte gegliedert. Die TAT erstellt die Teilabschnitte Bodio (15 Kilometer) und Faido (14 Kilometer) – das entspricht einem Auftragsvolumen von rund 2,5 Milliarden Franken. Die mutmasslichen Endkosten der Gotthardröhre betragen 12 Milliarden Franken, die ursprüngliche Prognose lag bei 6,3 Milliarden Franken.

Probleme von Beginn weg

Das Bauvorhaben im Süden war von Anfang an mit Problemen behaftet. Der Durchbruch der beiden Tunnel zwischen Bodio und Faido hatte 17 Monate Verspätung. Der grosse Gebirgsdruck führte zu einer Verklemmung des Schildes der Tunnelbohrmaschinen. Bergschläge verursachten zum Teil massive Materialniederbrüche. «Dass solche Unwägbarkeiten auch Mehrkosten verursachen, liegt auf der Hand», schreibt die TAT auf ihrer Website.

Beim Abschnitt Faido–Sedrun kam es laut dem Baukonsortium bereits unmittelbar nach dem Anfahren der beiden Tunnelbohrmaschinen im Spätsommer und Winter 2007 zu starken, geologisch bedingten Gewölbedeformationen und Sohlhebungen. Dadurch wurde die Ausbruchsicherung weiträumig zerstört, und bereits erstellte Sohlblöcke sind teilweise gerissen. Die Deformationen reichen so weit, dass die «Schalwagen für das Innengewölbe die Bereiche nicht passieren können», so die TAT. Allein die Geologie soll insgesamt Mehrkosten von etwas über 400 Millionen Franken verursacht haben.

Abklärungen stehen an

Deshalb plant die TAT laut Insidern, weitere Nachforderungen einzureichen, sodass die Gesamtsumme auf etwa eine halbe Milliarde Franken – oder 20 Prozent des Bauvolumens – steigen dürfte.

Wie immer bei Nachforderungen geht es nun darum, abzuklären, ob wirklich unvorhergesehene Schwierigkeiten auftraten oder ob die Baufirmen beim Ausschreibungswettbewerb zu tief offeriert haben und nun versuchen, via Nachforderungen ihren Gewinn aufzubessern. Bisher sind im Südabschnitt offenbar vor allem Verluste entstanden. Luzi Gruber, Leiter der Baukommission, sagte laut «Aargauer Zeitung» vor Jahresfrist an einer Fachtagung: «Betriebswirtschaftlich ist die Neat am Gotthard alles andere als lukrativ.» Sein Konsortium steure auf einen Verlust in dreistelliger Millionenhöhe zu.

Parallelen zum Letzigrund

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Implenia in der Stadt Zürich beim Letzigrundstadion ebenfalls Nachforderungen von rund 20 Prozent gestellt hat. Diese muss Implenia nun gerichtlich einfordern, weil sich die Stadt auf den Standpunkt stellt, sie müsse nichts nachzahlen. Implenia habe zu tief offeriert und müsse nun das Risiko der Mehrkosten selber tragen.

Den beiden Nachforderungen gemeinsam ist, dass sich die entsprechenden Informationen im Geschäftsbericht nicht finden. Laut Aloys Hirzel, Pressesprecher von TAT und Implenia, liegt der Fall bei der Neat ganz anders. «Wir haben ein sehr gutes Verhältnis mit Alptransit und sind zuversichtlich, dass wir uns finden werden.» Das dürfte auch der neue Bundesrat Johann Schneider-Ammann hoffen: Er ist über seine Firma einer der grössten Aktionäre bei Implenia. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2010, 06:20 Uhr

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