36 Todesfälle nach Medikamenten-Versuchen

Neues Buch zeigt: In Münsterlingen prüfte ein Psychiater jahrzehntelang nicht zugelassene Medikamente an Patienten. Diese waren ahnungslos. Er verdiente Millionen.

Umstrittene Psychopharmakaforschung: Der renommierte Psychiater Roland Kuhn verabreichte Tausenden von Patienten noch nicht zugelassene Präparate. Foto: Staatsarchiv des Kantons Thurgau

Umstrittene Psychopharmakaforschung: Der renommierte Psychiater Roland Kuhn verabreichte Tausenden von Patienten noch nicht zugelassene Präparate. Foto: Staatsarchiv des Kantons Thurgau

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«Jetzt macht man mir einfach Spritzen, sodass ich am Sonntag nicht einmal in die Kirche kann. Hier macht man einen noch kränker, als man schon ist. Ich bin doch kein Versuchstier, ich bin doch ein Mensch. Ich will fort!»

Mit diesen Worten versuchte sich im Jahr 1954 eine Patientin in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen einer sehr schmerzhaften Injektion zu widersetzen. Es nützte nichts: Fräulein Wild* (Pseudonym) bekam das Präparat G 22150 verabreicht – auch «Geigy Weiss» genannt. Dabei handelte es sich nicht um ein zugelassenes Medikament, sondern um einen Prüfstoff, der bisweilen starke Erregung und Sehstörungen auslöste.

Die psychisch kranke Frau war Teil eines klinischen Versuchs unter der Leitung des renommierten Psychiaters Roland Kuhn. Und damit eine von Tausenden Betroffenen in einer jahrzehntelangen Versuchspraxis.

Aufarbeitung: Historiker haben das Vorgehen des Psychiaters in der Klinik Münsterlingen untersucht. Foto: Staatsarchiv des Kantons Thurgau

Gut 60 Jahre später, im Mai 2015, erteilte der Thurgauer Regierungsrat einem Historikerteam den Auftrag, die umstrittene Psychopharmakaforschung in Münsterlingen zu untersuchen. Auslöser war ein Medienskandal. Ab 2012 berichtete unter anderem der «Tages-Anzeiger» von Tests mit nicht zugelassenen Substanzen – durchgeführt in enger Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie in Basel.

Schier unglaubliches Ausmass

Nach mehrjähriger Forschungsarbeit liegt nun das Buch «Testfall Münsterlingen» vor. Die so erstaunlichen wie erschütternden Resultate zeigen: Das Ausmass der Versuche ist schier unglaublich. Im untersuchten Zeitraum – 1940 bis 1980 – gelangten mindestens drei Millionen Einzeldosen an den Bodensee. Bei 67 Substanzen liegen eindeutige Beweise für eine Prüfung vor, weitere 50 dürften ebenfalls getestet worden sein. Wenn nicht noch mehr.

Auch die 1112 identifizierten Patientinnen und Patienten sind eine Mindestzahl. Die Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass viel mehr Personen Prüfstoffe verabreicht bekamen. In den Testberichten von Psychiater Kuhn sind insgesamt 2789 Fälle vermerkt.

Doch auch diese Zahl sei konservativ, da er nicht immer alle Fälle mitgezählt und nicht bei jeder Substanz angegeben habe, wie viele Personen involviert gewesen seien, sagt Marietta Meier, Leiterin des Forschungsteams und Titularprofessorin an der Universität Zürich. «Auch sonst gibt es überall Lücken. Die Dunkelziffer muss um einiges höher sein.» Ihr Team beschränkte sich aus Kapazitätsgründen vor allem auf Krankenakten von Personen, die in Kuhns Nachlass erwähnt sind – es gibt Tausende weitere. Und auch da musste es eine Auswahl treffen.

In Münsterlingen wurden auch Unmengen an Stoffen verbraucht, die nie eine Zulassung erhielten.

Ob Dragées, Tabletten, Ampullen oder Zäpfchen, ob in der Farbe Weiss, Rosa, Rot, Gelb oder Schwarz: Die grösste Menge an Präparaten wurde der Psychiatrischen Klinik zwischen 1957 und 1965 geliefert. Damals gab es in Münsterlingen durchschnittlich 700 stationäre und knapp 1400 ambulante Patienten pro Jahr. Die grösste dokumentierte Lieferung enthielt 300'000 Dragées Ketimipramin – kurz Keto genannt.

Über 100 Substanzen getestet: Auch Ketimipramin – kurz Keto – wurde Patienten in Münsterlingen verabreicht. Foto: Staatsarchiv des Kantons Thurgau

Sie zeigt, dass in Münsterlingen nicht nur Unmengen von Substanzen verbraucht wurden, die später als Medikamente in den Handel kamen. Sondern auch Stoffe, die ihre Zulassung nie erhielten. Neben Keto testete Kuhn beispielsweise in grossen Mengen das für gefährliche Zwischenfälle sorgende Neuroleptikum FR 33. Patientinnen und Patienten kollabierten zum Teil nach nur einer Tablette schwer, manche verstarben – auf den Markt gelangte die Substanz nie.

Kostenlose Lieferungen aus Basel

Die Prüfstoffe wurden Kuhn allesamt kostenlos aus Basel zugeschickt. Er rapportierte an die Pharmafirmen Geigy, Ciba, die fusionierte Ciba-Geigy, aber auch an Hoffmann-La Roche, Wander und Sandoz – und machte mit der Forschung viel Geld. Insgesamt erhielt er rund acht Millionen Franken. Praktisch alle Einkünfte gingen an ihn persönlich. Die Aufsichtskommission liess ihn, genau wie der Thurgauer Regierungsrat, gewähren. Man war über die Versuche im Bild – eine Kontrolle fand aber nie statt.

Die Forschung für die Pharmaunternehmen brachte Kuhn rund acht Millionen Franken ein. Foto: Staatsarchiv des Kantons Thurgau

Wer aber war überhaupt betroffen? Das Spektrum der Patientinnen und Patienten, die Testpräparate erhielten, ist breit. Die involvierten Personen unterscheiden sich stark, sei es im Hinblick auf Alter, Geschlecht oder Herkunft, sei es im Bezug auf medizinische Kriterien wie Diagnose, Symptome oder Behandlungsdauer.

Und doch gab es Patienten, die Kuhn gezielt für Versuche einsetzte. Auffallend oft griff er auf chronisch Schwerkranke mit ungünstiger Prognose zurück, um die Verträglichkeit einer Substanz kennen zu lernen. «Kuhn war vermutlich der Meinung, dass hier nicht mehr viel zu verlieren sei», heisst es im Buch.

Um die Wirkung der Substanzen genauer zu beobachten, suchte sich Kuhn andere Patienten, etwa solche, die besser Auskunft geben konnten und stärker reagierten als chronisch Kranke. In einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis standen etwa Pflegerinnen, die in Münsterlingen arbeiteten und dort zugleich behandelt wurden. Wie gut sie über die nicht zugelassenen Stoffe informiert wurden, lässt sich schwer abschätzen.

«Nie um Einwilligung gefragt»

Stationäre Patientinnen und Patienten wussten – so viel ist klar – in den seltensten Fällen, was ihnen verabreicht wurde. Kuhn selber schrieb, man habe Patienten «nie um ihre Einwilligung gefragt». Er bat die Pharmafirmen sogar wiederholt, neue Prüfstoffe gleich einzufärben wie bereits zugelassene Medikamente – «sodass die Patienten gar nicht merken, wenn sie ein anderes Medikament bekommen».

Aus den ambulanten Krankenakten geht nicht hervor, ob die Patienten informiert wurden – allerdings war auch ihr Handlungsspielraum grösser: Sie scheinen ihre Präparate oft selbstständig abgesetzt, unregelmässig oder gar nicht eingenommen zu haben.

Fräulein Wild* etwa fürchtete sich auch sieben Jahre später noch vor den Injektionen.

Die stationären Patienten hingegen nahmen die Substanzen meist ein – anstandslos, weil man ihnen sagte, sie täten ihnen gut, oder auf Zureden. Manchmal waren auch Druck oder gar Drohungen nötig. «Je enger Patienten kontrolliert werden konnten, desto weniger Chancen hatten sie, dass sich ihr Widerstand auszahlte», heisst es im Buch.

Wer sich weigerte, bekam die Stoffe auch mal in den Kaffee oder in die Suppe gemischt. Oder war irgendwann still: Fräulein Wild* etwa fürchtete sich auch sieben Jahre später noch vor den Injektionen. Doch «sie sagte nichts», notierte eine Pflegerin 1961, «schüttelt jedes Mal den Kopf».

Einer von vielen: Die Forscher fanden Hinweise auf knapp 20 weitere Schweizer Kliniken, die ebenfalls Medikamente an Patienten testeten. Foto: Staatsarchiv des Kantons Thurgau

Vermutlich seien Medikamentenversuche auch in anderen Schweizer Kliniken lange ohne Einwilligung durchgeführt worden, schreiben die Forscherinnen und Forscher. Was zugleich bestätigt: Auch anderswo fanden Tests statt – mit möglicherweise gravierenden Folgen. Historikerin Meier sagt, Kuhn sei «sicher einer von vielen Testern» gewesen. Auch müsse man vorsichtig sein, wegen der «einzigartigen Quellenlage» in Münsterlingen darauf zu schliessen, dass Kuhn zwingend mehr oder andere Versuche durchgeführt habe als andere Psychiater. Hinweise fand das Team für knapp 20 Institutionen, darunter alle fünf Universitätskliniken in Basel, Bern, Lausanne, Genf und Zürich.

«Alltägliche Grenzüberschreitungen»

Und doch war Kuhn in vieler Hinsicht speziell: «Er war von einem grossen Drang beseelt, in der Forschung Spuren zu hinterlassen», sagt Meier. Das Problematische aus heutiger Sicht seien die «alltäglichen Grenzüberschreitungen». Wenn der ehrgeizige Psychiater aus wissenschaftlichem Eifer auf eigentlich übliche Vorabklärungen zur Giftigkeit der Präparate verzichtet habe. Oder wenn er bei einer Patientin aus Vorsicht eine gefährliche Prüfsubstanz abgesetzt habe, um diese sogleich neuen Patienten zu verabreichen.

Auch in methodischer Hinsicht war Kuhn speziell: Er befolgte die Vorgaben der Pharmafirmen nicht. So kombinierte er etwa nach Gutdünken Prüfstoffe mit bereits zugelassenen Medikamenten. «Dieses Vorgehen widersprach systematischen, wissenschaftlichen Prüfungsanordnungen, aber die Pharmafirmen liessen ihn trotzdem gewähren. Skepsis wurde selten geäussert», schreibt das Forschungsteam.

Gefährlicher wissenschaftlicher Eifer: Prüfstoffe von Pharmafirmen aus der Klinik Münsterlingen. Foto: Staatsarchiv des Kantons Thurgau

Nebenwirkungen und Risiken bedeuteten für den Psychiater keineswegs, dass Substanzen ungeeignet oder unwirksam waren. Bei Zwischenfällen passte er die Dosierung an oder suchte nach anderen Patienten. Nicht einmal Komplikationen, die längerfristige Folgen hatten oder gar zum Tod führten, schienen ihn gross zu kümmern: «Sie blieben für ihn Interpretationssache und wurden praktisch nie mit Prüfsubstanzen in Verbindung gebracht», sagt Meier.

«Man kann sich fragen»

Insgesamt sind die Forscherinnen auf 36 Personen gestossen, die während oder kurz nach der Verabreichung von Prüfstoffen verstarben. Nur bei zehn von ihnen zog Kuhn einen Zusammenhang in Erwägung. Bei den restlichen 26 «lavierte Kuhn zwar manchmal hin und her, kam jedoch stets zu einem negativen Schluss», wie es im Buch heisst. «Man kann sich natürlich fragen», habe er jeweils geschrieben, um im nächsten Satz «aber» nachzuschieben.

Gegen aussen klärte Kuhn über die Todesfälle nicht konsequent und transparent auf. Er erzählte weder den Angehörigen noch den Pathologen, die die verstorbenen Patienten routinemässig obduzierten, von den verabreichten Präparaten.

Um die Psychiatrische Klinik Münsterlingen weiter in die schweizerische Landschaft der Medikamentenversuche einzuordnen, wären Vergleiche mit anderen Kliniken nötig, schreiben Meier und ihr Team. Die historische Arbeit ist noch längst nicht beendet: Auch im Staatsarchiv Thurgau warten Tausende weitere Krankenakten darauf, untersucht zu werden.

Marietta Meier, Mario König, Magaly Tornay: Testfall Münsterlingen. Klinische Versuche in der Psychiatrie, 1940-1980. Chronos Verlag, 2019. 332 Seiten, 38 Franken.

Erstellt: 23.09.2019, 11:00 Uhr

Regierungsrat bittet Betroffene um Entschuldigung

Am Montag haben die Historikerinnnen Marietta Meier und Magaly Tornay im Staatsarchiv des Kantons Thurgau ihr Buch «Testfall Münsterlingen» vorgestellt. Neben Staatsarchivar André Salathé, der mit der jahrelangen Archivierung des Nachlasses des Psychiaters Roland Kuhn die historische Forschungsarbeit erst ermöglicht hat, waren auch der Thurgauer Regierungsratspräsident Jakob Stark sowie Regierungsrat Walter Schönholzer vor Ort.

Man müsse heute «ohne Wenn und Aber» feststellen, dass die Forschungsmethode des renommierten Psychiaters spätestens ab Mitte der 1960er-Jahre nicht mehr den wissenschaftlichen Standards genügte, die sich anderenorts durchzusetzen begannen, sagte Jakob Stark. «Trotzdem liess man ihn – von Seiten der kantonalen Aufsichtsbehörden ebenso wie von Seiten der pharmazeutischen Industrie – gewähren und griff auch bei den Finanzflüssen nicht korrigierend ein», so Stark weiter. «Der Regierungsrat entschuldigt sich heute bei allen Betroffenen von Medikamententests in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen zwischen 1940 und 1980.»

Das «thurgauische Zeichen der Erinnerung», das der Kanton – gestützt auf das Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 – errichten wird, sei ausdrücklich auch den Betroffenen von Medikamenten-Tests gewidmet.

Der Regierungsrat veranstaltet hierfür einen Wettbewerb unter Künstlerinnen und Künstlern. Ziel ist es, das ausgewählte Kunstwerk auf dem ehemaligen Spitalfriedhof von Münsterlingen in spätestens eineinhalb Jahren zu errichten. Auch soll der Friedhof partiell restauriert und unter Schutz gestellt werden. (sir)

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