37 weitere Jahre warten

Für die Gleichstellung braucht es radikalere Massnahmen.

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Seit 1981 steht in der Bundesverfassung: «Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.» Weil dieser Artikel noch nicht die erwünschte Wirkung brachte, trat 15 Jahre später das Gleichstellungs­gesetz in Kraft, das es verbietet, Arbeitnehmende aufgrund ihres Geschlechts zu benachteiligen. Es heisst sogar im Gesetz: «Angemessene Massnahmen zur Verwirklichung der tatsächlichen Gleichstellung stellen keine Diskriminierung dar.» Mit anderen Worten: Männer dürfen benachteiligt werden, wenn dies dazu dient, Lohngleichheit zu erreichen. Und trotz alldem gibt es heute immer noch Branchen, in denen Frauen ein Drittel weniger verdienen als Männer.

Immerhin: Die Differenz sinkt. Der Bundesrat will nun diese Entwicklung beschleunigen und schlägt eine sehr sanfte Massnahme vor. Der Ständerat musste lange mit sich ringen, um sie gutzuheissen: Unternehmen mit mehr als hundert Mitarbeitenden sollen alle vier Jahre ihre Löhne überprüfen, einen Bericht erstellen und diesen genehmigen lassen. Die Auseinandersetzung mit dem Thema und die Transparenz werden das Bewusstsein schärfen und für mehr Sensibilität in der Lohnpolitik sorgen. Zwar umfasst die Massnahme lediglich ein Prozent aller Firmen, doch dass es die grössten sind, macht Sinn. Je grösser die Firma, desto höher die Löhne und desto grösser die Lohnunterschiede.

Helfen wird, dass Frauen bei der Ausbildung aufgeholt haben.

Diese Lohnanalysen werden wohl nicht den ganz grossen Fortschritt bringen. Helfen wird, dass Frauen bei der Ausbildung aufgeholt haben, dass sie vermehrt erwerbstätig sind, auch wenn sie Kinder haben, und dass sie wohl auch in Lohnverhandlungen mit der Zeit selbstbewusster auftreten werden.

Wollte man den Verfassungsartikel und das Gleichstellungsgesetz aber wirklich umsetzen, müsste das Parlament ganz andere, radikale Massnahmen ergreifen. Um den nicht erklärbaren Teil der Lohndifferenzen zu eliminieren, bräuchte es zum Beispiel vollständige Transparenz in allen Unternehmen und die Bereitschaft der betroffenen Angestellten, notfalls zu klagen. Oder es bräuchte eine Lohnpolizei, eine «Madame Egalité», wie es der Gewerkschaftsbund vorschlägt: Kontrolleure, die im Auftrag des Bundes stichprobenartig Unternehmen besuchen, die Löhne kontrollieren und bei Zuwiderhandlungen Bussen aussprechen und eine Angleichung verfügen. Die Alternative ist: Nochmals 37 Jahre warten.

Erstellt: 29.05.2018, 22:23 Uhr

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