4000 Chinesen auf dem See, vor der Kapellbrücke, beim Shoppen

Der erste Car kommt kurz vor zehn, 99 weitere folgen: Unterwegs mit dem chinesischen Tourguide Peter und seinen Gästen.

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Und dann rollen sie heran. Die Chinesen. Kurz vor zehn Uhr taucht der erste Reisecar auf dem riesigen Kiesplatz vor dem Luzerner Messegelände auf. «First wave», steht auf einem Schild hinter der Windschutzscheibe. 99 weitere Busse folgen. Die Ankömmlinge werden von Securitas-Mitarbeitern sofort in die bereitstehenden Gelenkbusse der lokalen Verkehrsbetriebe weitergeleitet. Der chinesische Tourguide, er nennt sich Peter, geht voran, gut sichtbar hält er ein rotes Fähnchen in die Luft. So werden 2000 Chinesen am Vormittag und 2000 am Nachmittag von der Allmend in die Innenstadt geführt. Das Konzept, zuvor von Polizei, Verkehrsbetrieben und Tourismusbüro ausgeheckt, soll die chinesische Welle geordnet in die Stadt leiten.

Die kleine Gruppe von Menschen, die sich an diesem Morgen am Luzerner Stadtrand versammelt hat, gehört zur Vorhut einer Gruppe, die über 12'000 Teilnehmer umfasst, es heisst gar, es seien knapp 14'000. In jedem Fall: ein Rekord. Noch nie war eine Reisegruppe dieser Grössenordnung hier zu Gast. Liên Burkard von Schweiz Tourismus sagt, dass es vor Jahren einmal eine 3000-köpfige Gruppe gegeben habe. «Aber das hier ist schon ein extremer Peak.» Sie relativiert jedoch sofort. «Es kommen ja nicht alle gleichzeitig. Es wird während dreier Wochen drei Wellen geben mit je 4000 Personen.»

Die Touristikerin weiss natürlich, dass solche Rekordmeldungen bei den Einheimischen für gemischte Gefühle sorgen. Menschenmassen bewegen. Vor allem fremde. In Luzern, das in der sommerlichen Hochsaison heiss läuft, zeigt man sich ambivalent in Bezug auf die Gruppe aus Fernost. Zum einen wissen alle, dass das lokale Gewerbe enorm profitiert. Dieser Trip soll einen tiefen zweistelligen Millionenbetrag in Schweizer Kassen fliessen lassen, sagen Kenner. Der Preis dieses Geschäfts aber sind Massen von Touristen, die sich in Gruppen durch Gassen zwängen. «Und das ist definitiv nicht die Richtung, in die wir wollen», heisst es beim örtlichen Tourismusbüro.

Nächster Stopp: Einkaufen

Die Richtung für die Reisegruppe, die mittlerweile im Bus der Luzerner Verkehrsbetriebe sitzt, könnte hingegen nicht klarer sein: Innenstadt. Dort wartet auf die rund 30 Touristen das touristische Standardprogramm mit Seerundfahrt, Kapellbrücke, Löwendenkmal. Die Stimmung: konzentriert. Gerade wird in die Smartphones getippt. Über WeChat, dem chinesischen Whats­app, sind hier alle ständig mit den Angehörigen zu Hause in Kontakt. Tourguide Peter klärt auf: «Es geht jetzt darum, was für Geschenke eingekauft werden müssen.» Dazu gehört oft auch eine Kuckucksuhr. Die Luzerner haben die kitschigen Dinger aus dem Schwarzwald bereits vor Jahren ins Sortiment genommen. Die Nachfrage war einfach zu gross und zu beständig.

Bilder: Tausende Chinesen reisen durch die Schweiz

Gute Marge verspricht auch eine Luxusuhr. Für diese steht Ivo Scala von Bucherer bereit. Im viergeschossigen Uhren- und Schmuckladen am zentralen Schwanenplatz sind 150 Mitarbeiter im Dienst, etwa ein Drittel davon spricht Chinesisch. «Alle verfügbaren Kräfte sind im Einsatz», sagt er. Der Aufwand dürfte sich lohnen. Der Laden brummt. Immer mehr Gruppen, angeführt von Tourguides wie Peter, strömen in den Laden. Mittlerweile herrscht eine Stimmung wie auf einem asiatischen Markt: diszipliniertes Gedränge, der Blick auf die Auslagen gerichtet. Taschenrechner stehen im Einsatz, um Schweizer Franken in den chinesischen RMB umzurechnen. Und niemand bleibt alleine. Shopping als Social Event.

Video: Tausende Chinesen in Luzern

«Alles hier ist sauber und frisch»: Touristen aus China in Luzern. Video: Tamedia

Aus Erfahrung weiss Scala, der etwas abseits steht und zufrieden auf das Treiben blickt, dass nun rund zehn Prozent etwas kaufen werden. «Eine Schweizer Uhr in der Schweiz erstanden, ist in China eine absolute Prestigesache. Zudem sind die Uhren hier auch preisgünstiger.»

Später wird Ivo Scala von einem tollen Verkaufstag berichten. Viele Uhren im mittleren Preissegment seien weggegangen. Das passt. Denn bei den angereisten Chinesen, die seit Tagen von allen Medien eng begleitet werden, handelt es sich nicht um besonders vermögende Personen. Es sind mehrheitlich Menschen, die mit harter Arbeit in den Mittelstand aufgestiegen sind. Sie haben geholfen, dass die US-Firma durch ein umstrittenes Verkaufssystem Milliardenumsätze mit Kosmetikprodukten verdienen konnte (siehe Box). Und sie alle haben ihre Vorgaben gar übertroffen.

Den Ehrgeiz unterschätzt

Was das genau bedeutet, versuchte zuvor Tourguide Peter zu übersetzen. So hatte eine junge Frau aus Hongkong erzählt, dass sie Jeunesse-Produkte im Wert von über 30'000 US-Dollar verkaufen konnte. Über welche Zeitdauer, blieb unklar. Weiterhelfen wollte auch die Pressestelle des Unternehmens nicht. Trotz wiederholtem Nachhaken liess sie alle Fragen unbeantwortet. Sicher ist aber, dass das Unternehmen anfänglich nur mit etwa 3000 Personen rechnete, die sich eine Schweizreise verdienen würden. Dass es gleich viermal so viel sein würde, legt nahe, dass die Amerikaner den asiatischen Ehrgeiz unterschätzt haben.

Titlis, Rheinfall, Aareschlucht. Innerhalb von sechs Tagen hat Tourguide Peter seine Truppe durch die Schweiz geführt. Am Abend bildet ein Galaabend im Luzerner Messegebäude den glamourösen Abschluss der Reise.

Die Absicht des US-Unternehmens ist klar: Die Verkäufer sollen zu weiteren Höchstleistungen motiviert werden. Jeunesse ist dabei nicht das einzige Unternehmen, das so vorgeht. Besonders in Asien werden Belohnungstrips, in der Branche Incentive-Reisen genannt, immer beliebter. Das ist auch hier zu spüren. Laut Schweiz Tourismus ist der Anteil von Incentive-Reisen in den letzten fünf Jahren um 62 Prozent gestiegen. «Ein interessanter Markt», wie Liên Burkard sagt. Interessant sei dabei aber vor allem eines: das Potenzial für Individualtourismus. «Wer das Land einmal in einer Gruppe besucht hat, verfügt oft über das nötige Selbstvertrauen, um alleine oder zu zweit zurückzukehren.»

Ein Indiz, dass dies nicht nur eine Hoffnung ist, lässt sich laut Burkard bei den gesteigerten Verkäufen des Swiss-Travel-Passes finden. So gab es im vergangenen Jahr 2018 ein Umsatzplus von knapp 15 Prozent bei Gästen aus Greater China (mit Hongkong und Taiwan).

Ein Teil aus Peters Reisegruppe dürfte also zurückkommen, zu zweit, vielleicht auch mit Kindern. Es ist die Wunschvorstellung der Tourismusbranche: ausgabefreudige, diskrete Gäste. Der Weg dahin ist aber noch weit. Und lärmig. Wie die Luzerner Innenstadt an diesem windigen Montag zeigt. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.05.2019, 09:14 Uhr

Jeunesse Global – erfolgreich und umstritten

Das 2009 von Randy Ray und seiner Frau Wendy Lewis gegründete US-Unternehmen ist rasant gewachsen und operiert heute mit einem Milliardenumsatz. Das Unternehmerpaar mit Hochschulabschluss in Informatik und Soziologie behauptet, weltweit seien über 600'000 Verkäufer in 135 Ländern für Jeunesse tätig. Angepriesen werden hochpreisige Cremen, die das Altern verlangsamen, dazu auch Pillen und Smoothies, die die Leistungsfähigkeit erhöhen sollen. Das Geschäfts­modell basiert auf dem direkten Multilevelmarketing (MLM) – Kunden werden angehalten, als selbstständige Vertriebspartner selbst weitere Kunden anzuwerben. Dieses Vertriebssystem ist umstritten.

Laut US-Medien laufen zwei Strafverfahren gegen das Unternehmen aus Orlando (Florida). Es geht dabei vor allem um den Vorwurf, auf ein Pyramidensystem zu bauen. Dabei wird über die Akquisition von immer mehr Verkäufern ein Teil des Umsatzes nach oben weitergeleitet. Jeunesse distanziert sich von diesen Vorwürfen. Diversen Partnern, die die Schweizer Reise mitorganisiert haben, untersagte sie Äusserungen gegenüber der Presse. Selbst Stellung nehmen wollte Jeunesse aber gegenüber dieser Zeitung trotz mehrfachem Nachfragen jedoch auch nicht. (cix)

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