«43'000 Franken Bargeld auf dem Tisch – das war Adrenalin pur»

Guido Trüssel erbeutete als Kopf einer Zürcher Einbrecherbande ein Vermögen. Hat ihn das glücklich gemacht?

Nie wieder arm sein – das war Guido Trüssels grosser Wunsch als Kind. Foto: Boris Müller

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Können Sie sich an einen Moment erinnern, in dem Geld Sie richtig glücklich gemacht hat?
Oh ja. Das war in einer Nacht in Schwamendingen. Da bin ich mit meinen Partnern von einem Einbruch heimgekommen, und wir haben unsere Beute ausgeleert. Ein Berg Bargeld auf dem Tisch! Das war Adrenalin pur für mich!

Wie viel war das?
43'000 Franken, aber nur Banknoten. Das Hartgeld haben wir gar nicht mitgenommen.

Hielt das Glücksgefühl lange an?
Eigentlich nicht. Wir haben ein Auto gemietet, sind nach Hamburg gefahren und haben dort die Sau rausgelassen. Das ganze Geld war innert einer Woche wieder weg.

Wann und warum sind Sie zum Einbrecher geworden?
Das war 1968, ich war damals 24 Jahre alt und hatte eine Zeit lang als Matrose auf Hochseefrachtern gearbeitet. Zurück in Zürich hatte ich nichts und kannte niemanden. Da habe ich mich in die Beizen an der Langstrasse gesetzt und rutschte dort ins Milieu hinein.

«Ich bin ein leicht beeinflussbarer Mensch und bin auf der Langstrasse angefixt worden», sagt Guido Trüssel. Foto: Boris Müller

Das geschah einfach so?
Gar nicht. Das ging nur mit Geld. Erst bin ich nur still in einer Ecke gesessen und habe zugehört, was die anderen so erzählten: Wie viel Geld sie hatten, welche Schlitten sie fuhren. Dann wollte ich mitreden. Ich habe Runden gezahlt und aufgeschnitten, was ich nicht alles kann und mache. Und irgendwann haben sie mich mitgenommen. In diesem Biergarten an der Langstrasse, in dem wir jetzt sitzen, ist damals mein erster Einbruch beschlossen worden, vor 51 Jahren.

Wo sind Sie damals eingebrochen?
Hier um die Ecke, beim Denner. Wir haben mit dem Schweissgerät ein Wandtresörli geöffnet.

Woher wussten Sie, wie man Türen und Tresore öffnet?
Das habe ich mir selbst im Kinderheim im Kloster Fischingen beigebracht. Da ging ich Lebensmittel stehlen, weil ich dermassen Hunger hatte. Ich brachte jede Tür auf.

Danach gingen Sie mit Ihren Freunden von der Langstrasse regelmässig einbrechen?
Nicht jede Nacht, aber oft. Ich komme aus bitterarmen Verhältnissen. Meine Familie lebte in einer Barackensiedlung in Altstetten, meine Mutter chrampfte bei der Migros-Bäckerei, jeden Tag ab 4 Uhr morgens. Wir mussten jeden Franken zweimal umdrehen. Damals habe ich mir geschworen: Als Erwachsener will ich nie wieder so arm sein.

Dann waren Sie auf einmal reich . . .
. . . und das Leben machte auf einmal Spass. Ich konnte in den Beizen der Langstrasse Runden schmeissen, so viel ich wollte. Ich verbrachte die Tage am Türlersee, war braun gebrannt, fuhr einen Chevy Nova und sagte mir: Ich will niemals wieder anders leben.

Wir haben nie Menschen bedroht und hatten niemals Waffen dabei.Guido Trüssel

Aber Sie kannten die Armut. Haben Sie nie überlegt, Geld aus den Einbrüchen zu sparen, falls doch wieder schlechte Zeiten kommen sollten?
Ich gab alles aus, weil ich immer schon an den nächsten Einbruch dachte. Die Gier nach Geld wurde immer stärker.

Was war wichtiger: Das Geld oder der Nervenkitzel beim Einbrechen?
Am Anfang war es das Geld, ganz klar. Aber irgendwann sind diese Adrenalinschübe während des Einbrechens zur Sucht geworden. Ähnlich wie bei Drogen. Wir waren so berühmt, dass wir 1968 eine Schlagzeile im «Blick» bekamen. «Durbridge-Bande» hat man uns genannt, weil damals wirklich alle diese Durbridge-Krimis im Fernsehen sahen. Da waren die Strassen leer, und wir konnten ungestört einbrechen.

Wo sind Sie eingebrochen?
In Supermärkten, Versicherungen, Bürohäusern. Die hatten damals ja alle noch Bargeld in ihren Safes.

Wissen Sie noch, wie viele Einbrüche auf Ihr Konto gingen?
Etwa vierzig. Beim Gerichtsverfahren gegen unsere Bande war die Rede von einer Deliktsumme über 52 Millionen Franken. Aber das war nicht nur das gestohlene Geld, sondern auch der Schaden, den wir angerichtet hatten. Einmal haben wir einen Tresor gesprengt und dabei den halben Stock abgerissen.

In diesem Biergarten an der Langstrasse hat Guido Trüssel damals seinen ersten Einbruch beschlossen – vor 51 Jahren. Foto: Boris Müller

Kamen Menschen zu Schaden?
Nein. Wir haben nie Menschen bedroht und hatten niemals Waffen dabei. War jemand auch nur in der Nähe, haben wir uns sofort zurückgezogen.

Hatten Sie nie ein schlechtes Gewissen, andere Leute zu beklauen?
Damals nicht. Wir sind ja nur bei Firmenbüros eingestiegen, nie in Privathäuser. Ich wollte niemals Einzelpersonen schädigen, denen hätte ich nicht in die Augen sehen können.

Das Geld war trotzdem nicht Ihres.
Wir redeten uns ein: Firmen sind ja gut versichert. Privat war ich ehrlich. Auf einer Baustelle habe ich einmal ein Portemonnaie mit einem ganzen Monatslohn gefunden und es dem Besitzer zurückgegeben.

Wären Sie im Herbst 1968 nicht von der Polizei gefasst worden, dann hätten Sie also immer weitergemacht?
Ich wurde zu 36 Monaten Gefängnis verurteilt und habe die Strafe abgesessen. Danach wäre ich sofort wieder ins Milieu gerutscht, hätte ich nicht einen Job bei einer Schweizer Firma in Nigeria bekommen. Afrika war meine Rettung. In der Schweiz hätte ich den Ausstieg aus der Kriminalität nie geschafft.

Sie hätten nach Ihrer Rückkehr von der Hochseeschifffahrt auch Geld mit ehrlicher Arbeit verdienen können.
Sicher. Aber ich bin ein leicht beeinflussbarer Mensch und bin auf der Langstrasse angefixt worden: Erst nach dem Gefängnis und meiner Rückkehr aus Afrika konnte ich meinen alten Kumpels sagen: Nein! Ich mache nie mehr mit!

Was macht glücklicher: Geld, das verdient wurde, oder aus Einbrüchen?
Das Geld für meine Arbeit ging direkt auf mein Bankkonto. Gesehen habe ich es nicht. Aber das Geld aus den Tresoren landete daheim bei uns auf dem Tisch. Wir konnten es anfassen. Da entstehen ganz andere Emotionen.

Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens finde ich gar nicht gut. Ich wäre einbrechen gegangen und hätte etwas vom Staat dazubekommen.Guido Trüssel

Das Geld sehen und es anfassen können, das war Ihnen wichtig?
Ein Kontoauszug ist ein Stück Papier mit Zahlen. Aber wenn 20'000 Franken in Hunderternoten vor dir liegen – diesen Anblick vergisst du nicht!

Geld aus ehrlicher Arbeit hat bei Ihnen nie solche Emotionen ausgelöst?
Später schon. Da war ich Maler und malte in Spreitenbach den Jelmoli aus. Dafür bekam ich 14'000 Franken; davon konnte ich meinen Angestellten zahlen und mir selbst etwas leisten. Das war eigentlich noch schöner als ein Berg Bargeld auf dem Tisch.

Und da wollten Sie dann sparen?
Das wollte ich schon früher, als ich in Nigeria arbeitete. Dort konnte ich von wenig leben und den Lohn auf meinem Schweizer Konto liegen lassen. Nach ein paar Jahren waren das über 150'000 Franken. Aber als ich in die Schweiz zurückkam, war alles weg. Meine damalige Frau hatte es abgehoben und war damit verschwunden.

Das war wohl sehr bitter?
Irgendwie hat es mich weder sehr wütend noch traurig gemacht. Ich hatte zuvor ja auch genug Geld gestohlen. Ich habe es als Retourkutsche betrachtet und so akzeptiert.

Ist den anderen aus Ihrer Bande etwas von dem gestohlenen Geld geblieben?
Nur einem, der ging nach Thailand und machte ein Restaurant auf. Aber als er starb, holte sich sein thailändischer Anwalt das ganze Vermögen. Die Familie hatte nichts davon.

Was halten Sie von der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens?
Finde ich gar nicht gut.

Hätte es ein Grundeinkommen in den 1960er-Jahren gegeben, wären Sie vielleicht kein Einbrecher geworden?
Ich wäre einbrechen gegangen und hätte noch was vom Staat dazubekommen.

Mit welchem Einkommen könnten Sie heute gut leben?
Mit etwa 4500 Franken im Monat könnte ich Miete und Versicherung zahlen – und es bliebe etwas übrig.

Sie müssen mit weniger auskommen?
Ja, aber es geht. Ich habe mit dem Rauchen aufgehört und spare mir so viel Geld. Ich gehe nicht mehr in den Ausgang und in die Restaurants. Ich muss jeden Franken umdrehen, aber es ist mir wohl dabei. Vor kurzer Zeit las ich das Protokoll meines Gerichtsverfahrens und dachte mir: Was war eigentlich mit mir los? Heute kann ich es nicht mehr verstehen.

Erstellt: 24.07.2019, 07:10 Uhr

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Der Mann mit sieben Leben

Der 1943 geborene Guido Trüssel verbrachte die Kindheit in einer Barackensiedlung in Zürich-Altstetten und die Jugend im Kloster Fischingen, wo er von Priestern und Lehrern missbraucht wurde. Später heuerte er als Matrose an. Nach der Rückkehr wurde er Kopf einer Zürcher Einbrecherbande und landete schliesslich im Gefängnis. Danach ging er für Schweizer Firmen als Fachkraft ins Ausland, erst nach Nigeria, dann nach Saudiarabien und Ägypten. Heute lebt er in Zürich. 2014 erschien seine Biografie: «Die sieben Leben des Guido T.» (bo)

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