50+ und ohne Job – die Noten für die Schweiz

Was tut die Schweiz gegen die Arbeitslosigkeit der über 50-Jährigen? Die OECD sagt, wie das Land im internationalen Vergleich dasteht.

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Wenn es um ältere Arbeitnehmer geht, lehnt sich die offizielle Schweiz entspannt zurück. Auf die Frage des TA, wie es um die Altersarbeitslosigkeit stehen würde, antwortete das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) im Mai: «Im internationalen Vergleich steht die Schweiz gut da. Die Arbeitsmarktbeteiligung ist deutlich höher und die Arbeitslosenquote deutlich tiefer als im OECD-Durchschnitt.» Zudem sei man der Ansicht, dass in der Schweiz relativ gute Rahmenbedingungen für die Erwerbstätigkeit von älteren Personen bestehen würden.

Immerhin: «Es gibt aber sicherlich auch noch Verbesserungspotenzial.» Tatsächlich ist der gestern veröffentlichte OECD-Bericht zur Situation der älteren Arbeitnehmenden in der Schweiz auf den ersten Blick voller Lob: «Die Schweiz befindet sich im Hinblick auf die durchschnittliche Beschäftigungsquote älterer Menschen in der Spitzengruppe der OECD-Länder.» 2012 lag unser Land mit einer Erwerbsquote von 70,5 Prozent der 55- bis 64-Jährigen fast 17 Prozentpunkte über dem OECD-Durchschnitt von 54 Prozent. Damit schnitten nur noch Island, Neuseeland, Schweden und Norwegen besser ab als die Schweiz.

Auf den zweiten Blick relativiert sich die heile Welt: Zu den Ersten würde die Schweiz nur bei den Männern unter 60 Jahren und bei Hochschulabsolventen zählen. «Bei den 60- bis 64-Jährigen, den Frauen und Personen ohne Hochschulabschluss ist die Schweiz schon nicht mehr bei den Besten», so die OECD. «Es könnte also mehr getan werden, um allen Arbeitnehmenden bessere Angebote und Anreize zur Weiterarbeit zu bieten.»

Mehr Langzeitarbeitslose

Besonders aufgefallen ist der OECD die Zunahme der Langzeitarbeitslosigkeit bei den über 55-jährigen Erwerbslosen: «Mehr als die Hälfte (58,6 Prozent) der über 55-jährigen arbeitslosen Schweizerinnen und Schweizer ist 2012 länger als ein Jahr ohne Arbeit geblieben, was über dem Durchschnitt des OECD-Raums von 47,2 Prozent liegt.» In diesem letzten Jahrzehnt habe sich die Situation in der Schweiz also verschlechtert, denn 2002 lag die Häufigkeit von Langzeitarbeits­losigkeit bei den über 55-Jährigen noch bei 40 Prozent.

Einen möglichen Grund dafür sieht die OECD in der altersbedingten Diskriminierung bei der Einstellung, «eine Praxis, die in der Schweiz gesetzlich nicht verboten und nach wie vor verbreitet ist». Dies im Unterschied zu fast allen OECD-Ländern, die Rechtsvorschriften dagegen verabschiedet hätten. «Die Schweiz ist den Empfehlungen des OECD-Berichts von 2003 dieser Hinsicht nicht gefolgt», stellt die Organisation fest. Tatsächlich hat der Nationalrat 2009 eine parlamentarische Initiative zur Einführung eines entsprechenden Gesetzes abgelehnt.

Als weitere Massnahmen zur Bekämpfung der Altersarbeitslosigkeit schlagen die OECD-Ökonomen eine Lohnflexibilität im Alter vor. Um die Möglichkeit der beruflichen Mobilität gegen Ende des Erwerbsleben zu verbessern, müssten die Lohnraster, die Lohnerhöhungen zum Teil automatisch an das Alter binden, von Arbeitgebern und Gewerkschaften geändert werden. Doch auch in diesem Bereich ist die OECD unzufrieden mit der Situation in der Schweiz: «Im Verlauf der letzten zehn Jahren hat es bei der Lohnbemessung kaum Entwicklungen gegeben.»

Arbeitgeberverband in der Kritik

Aber nicht nur hier hat die Schweiz ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Die OECD empfahl der Schweiz und 21 weiteren Ländern elf Massnahmen, um älteren Arbeitnehmenden Anreize zur Weiterarbeit zu bieten. Zufriedenstellend umgesetzt hat die Schweiz aber bloss zwei Empfehlungen. Darauf angesprochen sagt Boris Zürcher, Leiter ­Direktion für Arbeit beim Seco: «Wir standen schon vor zehn Jahren gut da, deshalb sind Verbesserungen auf diesem Gebiet schwierig zu erreichen.» Ausserdem sei man nicht zu 100 Prozent mit den Empfehlungen der OECD einverstanden. «Insbesondere bei der Altersdiskriminierung legt die Schweiz den Fokus auf Sensibilisierungsmassnahmen und nicht auf Gesetze.»

Unzufrieden ist die OECD auch hinsichtlich des Umgangs der Schweizer Unternehmen mit der Alterungsproblematik und kritisiert dabei namentlich den Schweizerischen Arbeitgeberverband. Seine im vergangenen November angekündigte Initiative «Arbeitsmarkt 45 plus» soll Anreize schaffen, um die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer zu fördern – und so den Fachkräftemangel zu entschärfen.

Es gibt auch Lob

Doch bis heute liegen keine konkreten Massnahmen vor. So mahnt die OECD denn auch: Mit zunehmender Alterung der Bevölkerung und mit dem Rückgang der Zuwanderung (namentlich infolge der Masseinwanderungsinitiative) müsse die Verwendung bislang ungenutzter Arbeitskräftepotenziale gefördert werden. Daniella Lützelschwab, Mitglied der Geschäftsleitung beim Arbeitgeberverband, weist die Kritik zurück und betont, dass die Arbeiten der Arbeitgeber im Rahmen der Initiative «Arbeitsmarkt 45 plus» intensiv am Laufen seien.

Lob gibt es von der OECD für das im vergangenen November vom Bundesrat verabschiedete Massnahmenpaket zur Fachkräfteinitiative. Damit soll der Fachkräftemangel dank der Förderung des inländischen Potenzials bis 2020 gelindert werden. Ob dies auch die wachsende Altersarbeitslosigkeit lindern wird, bleibt offen. «Es stellt sich die Frage, ob eine Zustimmung zur Ecopop-Initiative einziges Instrument bleibt, um Parteien und Unternehmen indirekt in die Pflicht zu nehmen, sich den demografischen Herausforderungen einer immer älter werdenden Gesellschaft zu stellen», sagt Heidi Joos von 50 plus Out in Work. Der Zentralschweizer Verein engagiert sich für die Interessen der über 50-Jährigen auf dem Arbeitsmarkt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2014, 10:33 Uhr

Als Berater sind Ältere gefragt

Einige Grossfirmen bieten spezielle Arbeitsmodelle für über 50-Jährige an.

Anders als andere Länder hat in der Schweiz die Politik bisher keine Fördermassnahmen für ältere Arbeitnehmende ergriffen. Altersforscher Fran­çois Höpflinger führt dies auf die liberale Arbeitsmarktpolitik zurück, aber auch auf die vergleichsweise tiefe Arbeitslosigkeit unter den Älteren. In der Schweiz hängt es vom Engagement einzelner Firmen ab, wie auf die Bedürfnisse der über 50-Jährigen Rücksicht genommen wird. Ein Beispiel ist die AXA-Winterthur. Sie ermöglicht Arbeitnehmern ab 58, ihr Pensum um 20 Prozent zu reduzieren, ohne dass sie dadurch eine Einbusse bei der Pensionskasse erleiden. Der Mitarbeiter kann also von 100 auf 80 Prozent reduzieren, ist aber weiterhin zum vollen Lohn versichert.

Laut Höpflinger kümmern sich bislang vor allem Grossfirmen spezifisch um ältere Mitarbeiter. So führen die SBB flexible Pensionierungsmodelle ein. Diese sollen es einerseits Mitarbeitern mit belastender körperlicher Arbeit ermöglichen, sich frühzeitig pensionieren zu lassen. Andererseits wird für andere Berufsgruppen die Möglichkeit geschaffen, das Pensum vor dem ordentlichen Rentenalter zu reduzieren und im Gegenzug darüber hinaus zu arbeiten.

Eine Vorreiterrolle nimmt der Technologiekonzern ABB ein. Dieser gründete vor 20 Jahren die Beratungsfirma Consenec. ABB-Führungskräfte ab 60 werden in die Consenec versetzt, wo sie zu deutlich geringerem Gehalt, aber mit weniger Stress arbeiten. Ziel ist es, das Management zu verjüngen und gleichzeitig das Wissen der Kader zu erhalten.

Den Idealbetrieb für ältere Mitarbeiter gibt es nicht. Richtiggehend gefragt sind über 50-Jährige als Berater. Die Outplacement-Firma Grass beschäftigt mehrheitlich Mitarbeitende um die 50, wie der Berner Geschäftsstellenleiter Walter Burkhalter sagt. Das liegt einerseits an der Erfahrung, die die Berater in diesem Alter mitbringen. Dazu kommt, dass die Kunden der Firma Grass mehrheitlich älter als 50 sind. Es handelt sich oft um Kaderleute, die eine neue Stelle suchen. Oftmals sei es wichtig, dass die Berater nicht wesentlich jünger seien als die zu Beratenden, sagt Burkhalter.

Laut Höpflinger gibt es auch versteckte Förderstrategien für ältere Mitarbeitende, die die Firmen bewusst nicht öffentlich machen. So würden einzelne Betriebe auf Frauen ab 50 setzen, weil diese nicht mehr durch Kinderbetreuung absorbiert seien.

(Tages-Anzeiger)

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