54 Atommeiler sind älter als 40 Jahre

Weil kaum noch AKW gebaut werden, altern die Meiler weltweit. Besonders betagt sind sie in der Schweiz, wie ein exklusiver Bericht zeigt.

Für eine vollständige Ansicht der Grafik bitte aufs Bild klicken. (TA-Grafik mrue / Quelle: World Nuclear Industry Status Report 2015)

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Fehlt der Nachwuchs, vergreist eine Gesellschaft, die Gebrechen nehmen allgemein zu – und damit die Kosten, um diese zu bekämpfen. Diese Formel gilt auch für Atomkraftwerke. In den 80er-Jahren, der Hochblüte des atomaren Zeitalters, gingen pro Jahr teilweise mehr als 30 Meiler ans Netz; mittlerweile sind es noch um die 5. Der AKW-Park ergraut global folglich mehr und mehr. Betrug das Durchschnittsalter 2004 erst 21 Jahre, sind es mittlerweile knapp 29. Mehr als die Hälfte der Reaktoren läuft schon länger als 30 Jahre. 54 Meiler sind älter als 40 Jahre; dies zeigt der World Nuclear Industry Status Report 2015. Der Bericht, verfasst von einem internationalen Team um den deutschen Atomexperten Mycle Schneider, wird heute Morgen in London vorgestellt; dem «Tages-Anzeiger» liegt er bereits vor.

Noch älter sind die fünf Atomkraftwerke hierzulande. Mit durchschnittlich 40 Jahren hat die Schweiz den ältesten AKW-Park der Welt. Nur die Niederlande haben einen höheren Wert (42), allerdings ist dort nur noch ein Meiler in Betrieb. Zudem steht in der Schweiz mit Beznau I der weltweit älteste Reaktor; im Herbst geht er ins 47. Betriebsjahr.

Betagt: Bis 2019 soll das Atomkraftwerk Mühleberg vom Netz sein. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Wie lange die AKW in der Schweiz noch Strom liefern werden, ist Gegenstand eines heftigen politischen Ringens. Zugesichert ist einzig das Ende von Mühleberg (2019). Im Nationalrat hatte das rot-grüne Lager in der Wintersession vergeblich gefordert, BeznauI und II im Jahr 2020 abzuschalten. Die bürgerliche Mehrheit entschied sich für ein Langzeitbetriebskonzept mit einem Ablaufdatum für die AKW der ersten Generation: 2029 für BeznauI, 2031 für BeznauII. Den Betrieb von Gösgen (heute 36Jahre alt) und Leibstadt (31) will der Nationalrat so lange ermöglichen, wie die Sicherheit gewährleistet sei. In Stein gemeisselt ist dieser Kurs freilich nicht. Noch steht der Beschluss des Ständerats aus; am Ende entscheidet womöglich das Volk über den Atomausstieg.

Schweizer Blick nach Belgien

Andere Länder sind einen Schritt weiter. Belgien etwa mit seinen sechs Meilern hat bereits 2003, 8Jahre vor der Atomkatastrophe von Fukushima, ein Ausstiegsdatum fixiert (2025). 2011 bestätigte die damalige Regierung unter dem Sozialisten Elio di Rupo diese Marschrichtung. Noch im gleichen Jahr erklärte der belgische AKW-Betreiber, der Konzern Electrabel, die Blöcke1 und 2 des AKW Doel 2015 abzuschalten, weil sie heuer 40 Jahre alt würden und nur für eine solche Betriebszeit ausgelegt seien. Doch dann, 2014, kam ein Mitte-Rechts-Regierungsbündnis an die Macht und beschloss, die Laufzeiten von Doel1 und 2 um 10Jahre zu verlängern. Der Grund: Die deutlich jüngeren Meiler Doel3 und Tihange2 mussten vom Netz, nachdem Inspektoren tausende Risse im Reaktordruckbehälter entdeckt hatten. Ob die beiden Reaktoren je wieder in Betrieb gehen, ist ungewiss. Der Entscheid der Regierung war nicht zuletzt getrieben von der Befürchtung, während des Winters auf zu wenig Strom aus der Eigenproduktion zurückgreifen zu können; der Anteil der Atomenergie am belgischen Strommix ist mit knapp 50Prozent vergleichsweise hoch. Im Juni dieses Jahres folgte das belgische Parlament der Regierung.

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Der Blick nach Belgien zeigt, wie schnell politisch errungene Siege nach einem Regierungswechsel zerbröseln können. Auch in der Schweiz scheint bei den nationalen Wahlen im Herbst ein Rechtsrutsch möglich – für die Mitte-Links-Allianz verhiesse dies nichts Gutes. Ein erstarktes bürgerliches Parlament könnte beispielsweise die Abschalttermine für BeznauI und II wieder rückgängig machen, was für die Energiewende ein empfindlicher Rückschlag wäre.

Erneuerbare legen stärker zu

Eine solche energiepolitische Spitzkehre wäre zwar nicht einzigartig. Doch der globale Trend verläuft in eine andere Richtung, wie der neue Nuklear­report aufzeigt. Im Vergleich zu 1997, als das Kyoto-Klimaabkommen zustande kam, wurde 2014 deutlich mehr Windstrom (+694 Terawattstunden) und Solarstrom (+185) produziert; der Zuwachs der Atomkraft (+147) war geringer. Rückläufig ist auch die Zahl der Meiler, die gemäss Report von 438Reaktoren (2002) auf 391 (2015) geschrumpft ist. Heute ­betreiben noch 30Länder Atomkraftwerke. Der Anteil am globalen Strommix war 2014 (10,8 Prozent) deutlich geringer als im Spitzenjahr 1996 (17,6). Dasselbe Bild bei den Investitionen: In die Atomkraft fliesst markant weniger Geld als in die erneuerbaren Energien.

Der Nuklearreport befeuert in der Schweiz die Debatte um den Atomausstieg. «Eine Abkehr von Atomkraftwerken bedeutet generell mehr CO2 und daher das Gegenteil einer ­aktiven Klimapolitik», warnt der Berner Nationalrat Christian Wasserfallen. Der Freisinnige verweist auf Länder wie Deutschland, die aus der Atomkraft aussteigen wollen und im Gegenzug wieder mehr klimaschädliche Braunkohle verbrennen. Die Ausstiegsbefürworter hingegen sind überzeugt, das Potenzial der erneuerbaren Energien sei bei weitem noch nicht ausgeschöpft. «Anstatt bis zum St. Nimmerleinstag an den über­alterten Reaktoren festzuhalten, Risiko inklusive, würde die Politik besser einen klar terminierten Ausstiegsplan vorlegen», sagt Sabine von Stockar von der Schweizerischen Energie-Stiftung. Die Schweiz tue gut daran, den weltweiten Trend bei der Atomkraft zu erkennen und die Konsequenzen daraus zu ziehen.

Erstellt: 15.07.2015, 09:03 Uhr

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