5G verspätet sich wegen Einsprachen und Moratorien

Gegen jedes dritte Antennen-Baugesuch von Sunrise und Swisscom ist eine Beschwerde hängig.

In der Schweiz ein eher seltenes Bild: 5G-Antenne in Langenthal. Foto: Nicole Philipp

In der Schweiz ein eher seltenes Bild: 5G-Antenne in Langenthal. Foto: Nicole Philipp

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Wenn es um die Einführung des neuen Mobilfunkstandards 5G geht, kann es den Telecomanbietern nicht schnell genug gehen. Vor allem Sunrise und Swisscom haben ambitionierte Ausbaupläne angekündigt. Die Swisscom verspricht auf der Unternehmens­website, 5G bis Ende Jahr schweizweit einzuführen, auch Sunrise-CEO Olaf Swantee sprach davon, noch in diesem Jahr 5G «in allen Regionen» anbieten zu können.

Allerdings ist der Widerstand gegen 5G wesentlich grösser als bisher bekannt. Gemäss dem Verein «Schutz vor Strahlung» sind schweizweit gegen 110 Bau­gesuche Einsprachen hängig. Die Dunkelziffer an nicht bekannten Beschwerden dürfte beträchtlich sein.

Eine Sprecherin von Salt räumt ein, dass der Mobilfunkanbieter seine Ausbaupläne revidieren muss: «Wir gehen davon aus, dass es aufgrund der Einsprachen zu Verzögerungen und Zusatzkosten bei der Einführung von 5G kommen wird.» Genauere Angaben zum Einführungsplan wollte Salt nicht machen.

Im zugerischen Baar hat die Swisscom ihr Gesuch sistiert

Sunrise und Swisscom sagen, dass gegen jedes dritte Baugesuch Einsprache erhoben wurde. Sunrise weist darauf hin, dass die 5G-Moratorien in Genf und der Waadt zu Verspätungen führen werden. «In den Kantonen, die mit Moratorien auf Verzögerungstaktik gesetzt haben, muss mit einem Rückstand von bis zu 30 Prozent gegenüber den anderen Kantonen gerechnet werden», sagt eine Sprecherin.

Die Swisscom hingegen hält am Ziel fest, bis Ende Jahr 90 Prozent der Bevölkerung mit 5G zu versorgen, wie eine Sprecherin sagt. Allerdings zeigt jetzt erstmals ein aktueller Fall, dass das Anti-5G-Lager mit seinen Einsprachen den Ausbau der Telecomanbieter zumindest verzögern kann.

In Baar ZG haben mehrere Personen gegen den Umbau einer Swisscom-Antenne Beschwerde eingereicht. Die Einwohnergemeinde hat Swisscom daraufhin geschrieben, dass man den Umbau wahrscheinlich nicht bewilligen würde. Darauf hat die Swisscom ihr Gesuch sistiert, wie der Telecom­anbieter bestätigt.

Grund für den negativen Entscheid sind die sogenannten adaptiven Antennen, die beim 5G-Netz zum Einsatz kommen. Diese senden keine konstant hohe und andauernde Strahlung mehr aus, sondern fokussieren sich gezielt auf das Mobilfunkgerät, sobald dieses gebraucht wird. Allerdings wissen die Kantone nicht, wie sie die Strahlenbelastung dieser neuen Antennenart messen sollen.

Die Einwohnergemeinde Baar will jetzt warten, bis der Bund diesbezüglich Vorgaben macht. Das zuständige Bundesamt für Umwelt kündigt auf seiner Website an, eine entsprechende Vollzugshilfe «im Laufe des Jahres 2019» zu veröffentlichen. Die Swisscom wollte zum Entscheid keine weiteren Angaben machen.

Nicht gegen alle 5G-Umbauten sind Rekurse möglich

Allerdings reicht bei bereits benützten Antennenstandorten oftmals ein sogenanntes Bagatellverfahren, bei dem keine Möglichkeit zu Einsprachen besteht. Einzig der Kanton Freiburg hat vor einigen Wochen entschieden, dass sämtliche 5G-Umbaugesuche ein ­ordentliches Bauverfahren durchlaufen müssen. Das bleibt aber eine Ausnahme. Wie hoch der Anteil an solchen Bagatellverfahren beim 5G-Ausbau ist, wollten die Telecomanbieter auf Anfrage hin nicht bekannt geben.

Auch in der Bevölkerung steigen die Ängste vor 5G. Gemäss einer Umfrage der Agentur «Die Marktforscher» im Mai 2019 befürchteten 44 Prozent der Befragten eher negative bis sehr negative Auswirkungen bei der Einführung von 5G, ein Jahr zuvor waren es noch 22 Prozent gewesen.

Sunrise-Chef Swantee störte sich in dieser Zeitung unlängst daran, dass die 5G-Gegner mit «falschen Fakten» eine Kampagne führten. Er forderte von der Politik vermehrt Unterstützung, um Fake-News-Kampagnen zu widerlegen. Tatsächlich finden sich auf Youtube und einschlägigen Websites zahlreiche Verschwörungstheorien, die durch 5G etwa die Kontrolle des menschlichen Denkens oder die Versklavung der Menschheit kommen sehen.

Allerdings dürfte sich das Anti-5G-Lager von Swantees Aufruf nicht beeindrucken lassen. Eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Medienmitteilung mehrerer Organisationen kann nur als Kampfansage verstanden werden. Dort heisst es, man wolle sich dafür einsetzen, «dass alle Baugesuche von 5G-Antennen mit Einsprachen blockiert und vor Gericht angefochten werden, bis sich eine Rechtspraxis durchsetzt, welche dem Gesundheitsschutz und dem Vorsorgeprinzip Rechnung trägt.»



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Erstellt: 27.07.2019, 22:13 Uhr

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