600'000 Franken Sozialhilfe für einen Hassprediger

Der Bieler Imam Abu Ramadan betet in seinen Predigten für die Vernichtung aller Feinde des Islam. Trotzdem lebt er seit fast 20 Jahren von Schweizer Sozialhilfe.

Abu Ramadan, der in der Schweiz Sozialhilfe bezieht, am Buffet eines Fünfsternhotels in Mekka. Foto: PD

Abu Ramadan, der in der Schweiz Sozialhilfe bezieht, am Buffet eines Fünfsternhotels in Mekka. Foto: PD

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«Oh, Allah, ich bitte dich, die Feinde unserer Religion zu vernichten, vernichte die Juden, die Christen und die Hindus und die Russen und die Schiiten. Gott, ich bitte dich, sie alle zu vernichten und dem Islam seinen alten Ruhm zurückzugeben.» Dieses Bittgebet stammt nicht aus dem Mund eines Jihadisten, sondern aus einer Freitagspredigt des arbeitslosen Agronomen Abu Ramadan. Der 64-jährige Libyer mit dem hennarot gefärbten Bart predigt gelegentlich in der Bieler Ar’Rahman-Moschee, dem «Gotteshaus des Allerbarmers».

Abu Ramadan kam Ende 1998 als Flüchtling in die Schweiz, erhielt Asyl und besitzt heute eine C-Bewilligung. Als Asylbegründung gab er damals an, dass er in Libyen «islamistische Interessen» verfolgt und für die Muslimbrüder religiöse Propaganda verbreitet habe. Deshalb sei er vom Regime des Diktators Muammar al-Ghadhafi verfolgt worden. Ein Theologiestudium hat der Agronom zwar nie absolviert, trotzdem lässt er sich von seinen Anhängern ehrfürchtig Scheich Abu Ramadan nennen. Mit «Scheich» werden in der arabischen Welt islamische Geistliche bezeichnet. Obwohl er schon seit fast 20 Jahren im Kanton Bern lebt, spricht der Rentner kaum Deutsch oder Französisch.

Für ein islamisches Kalifat

Abu Ramadans islamistische Utopie lautet verkürzt so: Wenn die Muslime zu den Wurzeln des Islam zurückkehren, ihre Religion so praktizieren, wie es der Prophet Mohammed und seine Gefährten vorgelebt haben, dann wird alles wieder gut. Nur dann kann das islamische Kalifat wieder in altem Glanz auferstehen.

Video: Kurt Pelda spricht über Tipps und Hürden zu seiner Story:

«Dieser Imam ist sehr schlau»: Der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalist im Interview. (Video: Lea Koch und Simon Knopf)

Dabei ist es allerdings wichtig zu verstehen, dass Abu Ramadan kein Anhänger der Terrororganisation Islamischer Staat ist. Er befürwortet zwar einen islamischen Staat, das Kalifat, aber nicht jenes Gebilde, das die IS-Terroristen aufgebaut haben. Die Scharia lasse sich nicht auf einen Schlag einführen, sondern nur schrittweise, meint der Libyer. Das steht in klarem Gegensatz zu dem, was der IS propagiert.

Abu Ramadan war und ist mit Nicolas Blancho bekannt, dem Präsidenten des 2009 gegründeten Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS). Die beiden sassen 2006 im Vorstand der Ar’Rahman-Moschee. Auch heute noch ist der Libyer ein gern gesehener Gast beim Organ der schweizerischen Salafisten. So trat er als Gastredner bei Demonstrationen auf und stand beim Gruppenfoto an der letztjährigen Islam-Salam-Konferenz des Islamrats gleich neben Blancho.

Die Ar'Rahman-Moschee in Biel BE. Foto: «Rundschau»/SRF

Konfrontiert mit den Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet und der «Rundschau» von SRF, liess Abu Ramadan via Anwalt ausrichten, er sei gar kein Imam oder «Scheich» und übernehme das Freitagsgebet nur, wenn kein anderer Prediger zur Verfügung stehe. Auf Fotos des IZRS wird er allerdings voller Respekt als «Scheich Abu Ramadan» bezeichnet.

«Betrachte mich als Schweizer»

Ausserdem betrachtet sich Abu Ramadan als Schweizer, auch wenn er nicht über die Staatsbürgerschaft verfüge. Er liebe die Schweiz so wie Libyen. «Die Liebe, die Toleranz und die Grosszügigkeit sind meine Richtschnur in meinen Beziehungen zu Muslimen und Nichtmuslimen», lässt er via Anwalt ausrichten. In Abu Ramadans Predigten klingt es anders: «Jeder, der sich einen Atheisten zum Freund nimmt, wird bis zum Jüngsten Tag verdammt sein.» Ausserdem behauptet der Imam, dass Allah den Ungläubigen nie verzeihe.

Gläubige auf dem Weg zum Gebet in der Ar'Rahman-Moschee. Foto: «Rundschau»/SRF

Seit wenigen Monaten lebt Abu Ramadan vom vorzeitigen Bezug einer AHV-Rente in Verbindung mit Ergänzungsleistungen. Über längere Zeit gearbeitet hat er kaum. Seit 2000 wohnt er in Nidau, gleich neben Biel. Dort hat er von 2004 bis Anfang 2017 vollumfänglich von Sozialhilfe gelebt, im Gesamtbetrag von nahezu 600'000 Franken.

In Nidau bei Biel hat Abu Ramadan von 2004 bis Anfang 2017 vollumfänglich von Sozialhilfe gelebt.

Der Anwalt schreibt weiter, dass Abu Ramadan seine Freitagspredigten unentgeltlich halte. Allerdings reiste der Imam mit dem ­Genfer Reisebüro Arabian Excellence (AETS), das auf muslimische Pilgerreisen spezialisiert ist, des Öfteren nach Mekka und Medina. Dazu schreibt sein Anwalt, dass ihm für Pilgerfahrten nur die Reisekosten vergütet würden. Juristische Folgen hatten diese Reisen nicht. Die Nid­auer Sozialbehörden wollten sich auf Anfrage nicht zum Einzelfall äussern.

Auf der Website von Arabian Excellence befand sich bis vor kurzem ein Foto des Bieler Imams mit der Bildlegende «Scheich Abu Ramadan – religiöser Begleiter». Kurz nachdem Tagesanzeiger.ch/Newsnet Abu Ramadan kontaktiert hatte, verschwanden Bild und Legende von der Website. Zahlreiche Fotos und Videos belegen, dass Abu Ramadan mit AETS nach Saudi­arabien pilgerte, dabei Vorträge hielt und Erklärungen abgab. Eines der Bilder zeigt den Nidauer Sozialhilfebezüger in traditioneller Pilgerkleidung – am Buffet eines Fünfsternhotels in Mekka.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2017, 06:09 Uhr

Abu Ramadan

«Rundschau»-Beitrag

Über mehrere Monate hinweg haben Tagesanzeiger.ch/Newsnet und die «Rundschau» ­von SRF gemeinsam im Fall des libyschen Predigers Abu Ramadan in Biel und mittels Informanten in Libyen recherchiert. Herausgekommen ist dabei auch ein Fernsehbeitrag, den die «Rundschau» heute Mittwochabend ab 20.55 Uhr auf SRF 1 ausstrahlen wird. An der «Rundschau»-Theke wird auch der Bieler Stadtpräsident Erich Fehr (SP) Stellung zum Fall Abu Ramadan nehmen. (KP)

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