«65 Banker kamen in mein Wohnzimmer»

Warum gehen die USA nicht gegen die eigenen Steuerparadiese wie Delaware oder Florida vor? Und wie ist die US-Botschafterin in der Schweiz angekommen? Suzi LeVine im Interview.

«Die Obama-Regierung hat sich gegen solche Praktiken ausgesprochen. Aber wir haben eine Demokratie und sind wie die Schweiz föderalistisch organisiert»: US-Botschafterin Suzi LeVine.

«Die Obama-Regierung hat sich gegen solche Praktiken ausgesprochen. Aber wir haben eine Demokratie und sind wie die Schweiz föderalistisch organisiert»: US-Botschafterin Suzi LeVine. Bild: Lukas Lehmann/Keystone

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Sie waren einst bei der Nasa – wollten Sie Astronautin werden?
Ja, ursprünglich schon. Ich habe dort verschiedene Praktika gemacht. Da ging es dann etwa darum, eine Oberfläche zu entwickeln, die Kometenstaub absorbieren kann. Ich habe zwei Abschlüsse: Englisch und Ingenieurwesen (Schwerpunkt Luftfahrt). Das erklärt vielleicht auch meine Rolle als «Übersetzerin»: Seit der Universität war es mir ein Anliegen, Technologie für Laien verständlich zu erklären.

Sie besuchten in Basel die Life-­Sciences-Messe Miptec. Was steht sonst noch auf Ihrer Agenda in Sachen Pharmaindustrie?
Ich war bereits bei Novartis und stark beeindruckt vom Campus. Zudem habe ich mich mit Frauen getroffen, die dort an einem Female Leadership Program teilgenommen haben. Darüber habe ich auch in meinem Blog geschrieben. Auch mit Leuten von Roche werde ich mich treffen. Syngenta wiederum ist mir ein Begriff, weil die Firma etwa im Bundesstaat Tennessee über eine Produktionsstätte verfügt und dort ein wichtiger Arbeitgeber ist. Solche Beziehungen muss man pflegen und mein Ziel ist es, die wirtschaftliche Zusammen­arbeit zwischen der Schweiz und den USA zu vertiefen.

Wie sieht es umgekehrt mit Investitionen der Amerikaner in der Schweiz aus?
Die kalifornische Firma Paxvax hat kürzlich in Bern von der ehemaligen Berna den Typhusimpfstoff Vivotif sowie eine Produktionsstätte gekauft. Es hat mich besonders gefreut, weil Freunde von mir aus Seattle zu den Investoren von Paxvax gehören. Als Botschafter können wir bei solchen Dingen als eine Art Katalysator wirken.

Ein grosses Thema sind im Moment sogenannte «Tax inversions», also die Massnahmen von US-Konzernen, ihre im Ausland erwirtschafteten Gelder durch Sitzverlegungen dem US-Fiskus zu entziehen.
Es ist nicht an uns, die Steuergesetzgebung in der Schweiz und in anderen Ländern zu kritisieren. Der Fokus der Regierung ist es, Jobs in den USA zu behalten und sicherzustellen, dass Firmen einen fairen Anteil an den Steuern bezahlen. Firmen, die sich für eine solche Inversion entscheiden, begehen eine sehr unpatriotische Tat.

Welchen Anteil Ihrer Arbeit nehmen die wirtschaftlichen Angelegenheiten in Anspruch?
Ungefähr 70 bis 80 Prozent haben zumindest teilweise mit wirtschaftlichen Aspekten zu tun. Oft gehen aber politische, repräsentierende und wirtschaftsfördernde Auftritte Hand in Hand. So waren wir zum Beispiel mit Jill Biden, der Frau des Vizepräsidenten, beim Maschinenhersteller Bühler in Uzwil. Die Firma versucht, ihr Lehrlingsprogramm in die USA zu bringen. Umgekehrt werden Vertreter der Schulbehörden der einzelnen Bundesstaaten demnächst in die Schweiz kommen, und sich über das Lehrlingsausbildungssystem zu informieren.

Die USA und die EU arbeiten an einem Freihandelsabkommen (Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft TTIP). Was bedeutet das für die Schweiz?
Die Gespräche zwischen der EU und der USA sind weiter im Gang. Die Idee ist es, dass, sobald das ausgehandelt ist, andere Länder die Möglichkeit haben, sich anzuschliessen. Wir halten die Schweizer auf dem Laufenden über die Fortschritte

Gibt es eine Deadline, bis wann das Abkommen zwischen der EU und den USA ausgehandelt sein soll?
Es gibt zwei Arten von Deadlines: solche, die sich an einem Zeitpunkt ­orientieren, und solche, die sich auf die Erfüllung bestimmter Kriterien beziehen. Beim TTIP geht es um Letzteres, also darum, dass wir alles richtig machen wollen. Schliesslich sollen damit Kosten gesenkt und Jobs geschaffen werden.

Inwiefern waren Sie mit der Problematik um unversteuerte Gelder von US-Kunden auf Schweizer Banken beschäftigt?
Ich glaube, wir sind an einem Punkt, an dem wir ein neues Kapitel aufschlagen können. Ich kam zu einer Zeit ins Amt (Juni 2014, Red.) als die Schweizer Banken schon eng mit den US-Behörden zusammengearbeitet haben. Mein Fokus ist: Wie geht es weiter? Wir wollen den Leuten helfen zu verstehen, dass sich die Banken mit diesem Abkommen und diesem Prozess von der Privatsphäre als Verkaufsargument verabschieden.

Haben Sie sich auch mit Bankmanagern getroffen?
Ja. Ich hatte sogar die Bankiervereinigung bei einem Betriebsausflug bei mir zu Besuch. 65 Banker kamen in mein Wohnzimmer.

Gab es da auch ein paar Beschwerden über die Behandlung der Schweizer Banken in den USA?
Man muss das relativieren. Schauen Sie an, was das Department of Justice an Bussenvereinbarungen erzielt hat: 97 Prozent dieser Beträge stammen nicht von Schweizer Firmen. Wenn Sie die Top Ten der untersuchten Banken anschauen, dann ist die Credit Suisse vielleicht knapp auf dem zehnten Platz. Über 85 Prozent der Vergleichssumme von 127 Milliarden Dollar entfallen auf US Banken.

In der Schweiz stört man sich daran, dass die USA zwar hart gegen ausländische Banken vorgehen und selber aber Steuerparadiese wie Delaware oder Florida zulassen.
Es gibt verschiedene Vorschläge, um gewisse Konstrukte, die in Delaware und Florida existieren, aufzuheben. Die Obama-Regierung hat sich gegen solche Praktiken ausgesprochen. Aber wir haben eine Demokratie und sind wie die Schweiz föderalistisch organisiert. Die Bundesregierung muss sich also innerhalb eines gewissen Rahmens bewegen und kann nicht alles diktieren. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.09.2014, 11:16 Uhr

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Suzan «Suzi» LeVine (44) ist seit Juni 2014 Botschafterin der USA für die Schweiz und Liechtenstein. Zuvor war sie für ein Forschungszent­rum zum Thema Lernen (I-Labs) tätig. Früher hat sie zudem bei Microsoft und bei Expedia gearbeitet. Den Besuch in Basel gestern hat sie unter anderem auch dazu genutzt, um den Rhein hinunterzuschwimmen. (dba)

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