70 Prozent der Schweizer Spitäler sind gefährdet

Fast drei Viertel der Schweizer Krankenhäuser stehen in einem Hochrisiko-Gebiet. Trotzdem fehlt oft der nötige Schutz, wie unsere Auswertung zeigt.

Strassen verwandeln sich in reissende Flüsse: Ein Einwohner Zofingens filmt die schweren Überschwemmungen vom 8. Juli 2017. (Video: Youtube/IvansnCH)


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Ein Samstagabend im Juli: Schwere Unwetter ziehen über die Schweiz und richten enorme Schäden an. Am schlimmsten erwischt es Zofingen. Innert zwei Stunden fällt mehr Regen als sonst im ganzen Monat – die Kleinstadt im Aargau wird überflutet. Abgeschlagene Äste und Geröll verstopfen die Kanalisation, das Wasser strömt durch die Stadt. Quartiere werden überschwemmt. Häuser, Keller, Tiefgaragen, Unterführungen sind teils meterhoch gefüllt.

Auch das Spital Zofingen steht bis zu 40 Zentimeter unter Wasser. Um den Raum mit dem MRI-Gerät zu schützen, bauen die Angestellten einen improvisierten Staudamm aus Paletten und Kleidern. Die Stromverteilung steht kurz vor dem Ausfall, was katastrophale Folgen hätte. Kurzfristig wird gar ein Verlegungsstopp verhängt. «Im Akutspital fielen die Lifte aus und die sind elementar wichtig, um Patienten zu verlegen», erinnert sich Michael Eichenberger, Finanzchef des Spitals. Zwischenzeitlich habe man keine neuen Patienten mehr aufnehmen können und überlegt, die vorhandenen in andere Gebäude auszuquartieren. «Das Kerngeschäft des Spitals war gefährdet.»

Weil der Regen nachlässt, kriegen die Einsatzkräfte die Lage später am Abend in den Griff. Die Bilanz ist verheerend: Zahlreiche Patientenakten fallen dem Wasser zum Opfer. Im und um das Spital entsteht ein Schaden von 1,5 Millionen Franken. In ganz Zofingen richtet das Unwetter sogar Folgeschäden in der Höhe von 90 Millionen Franken an. «Ein Gewitter, das in die Geschichte eingeht», schreibt das «Zofinger Tagblatt».

Während der Überflutung des Spitals Zofingen 2017: Mitarbeiter bauen einen improvisierten Staudamm, um den MRI-Raum zu schützen. (Bild: zvg)

Überschwemmungen wie in Zofingen am 8. Juli 2017 stammen nicht von einem Fluss oder See, der über das Ufer tritt, sondern allein von grossen Regenmengen. Das Wasser überfordert die Kanalisation und kann nicht im Boden versickern – weil dieser gesättigt oder grossflächig verbaut beziehungsweise versiegelt ist, wie vielerorts in der dicht besiedelten Schweiz. Vorfälle wie in Zofingen gibt es denn auch häufiger als gedacht. Drei Beispiele:

  • Vor zwei Wochen muss die Feuerwehr in der Stadt St. Gallen ausrücken, weil Wasser in Häuser eingedrungen ist. Seit 55 Stunden hat es ununterbrochen geregnet. Die Kanalisation kann die grossen Wassermengen nicht schlucken, weshalb das Wasser über die Strassen abläuft und so in Untergeschosse und Keller rein.
  • Im Juni 2018 fällt in Lausanne 41,1 Millimeter Wasser in gerade einmal zehn Minuten – noch nie ist in der Schweiz ein höherer Wert aufgezeichnet worden. Der sintflutartige Regen führt zu Überschwemmungen von Strassen, Häusern und Läden. Der Rekordregen hat Schäden in Millionenhöhe zur Folge.
  • Starkniederschläge im Kanton Schaffhausen haben 2013 verheerende Auswirkungen, als 40 Tiere ertrinken und 530 Gebäude beschädigt werden. Experten stellen verwundert fest, dass «für mehr als 90 Prozent der Schadenfälle sogenannter Oberflächenabfluss verantwortlich war.»

Oberflächenabfluss tritt bei Dauerregen auf oder wenn so viel Niederschlag in kurzer Zeit fällt, dass der Boden ihn nicht mehr aufnehmen kann. Die grosse Wassermenge fliesst dann nicht mehr über Kanalisationen, Bäche und Flüsse ab, sondern nimmt den kürzesten Weg über Wiesen oder Strassen talwärts. Dort dringt es über Hauseingänge, Lichtschächte oder Einfahrten in Gebäude ein oder bleibt in Senken stehen, wo sich regelrechte Seen bilden.

«Diese Naturgefahr wurde bisher unterschätzt.»Roberto Loat, Bundesamt für Umwelt

Das sieht nicht immer spektakulär aus, aber harmlos sind solche Ereignisse nicht. «Schon bei einer geringen Fliesstiefe von wenigen Zentimetern kann sich das Wasser zum Beispiel in Untergeschossen oder Einstellhallen ansammeln und riesigen Schaden anrichten», sagt Roberto Loat von der Sektion Risikomanagement des Bundesamts für Umwelt (Bafu). Die Naturgefahr Oberflächenabfluss sei bisher eindeutig unterschätzt worden.

Überschwemmungen werden vor allem in Verbindung mit Flüssen und Seen gebracht, die über die Ufer treten. In der Hälfte aller Fälle ist aber Regenwasser dafür verantwortlich. «Auswertungen von Versicherungsdaten haben gezeigt, dass bis zu 50 Prozent aller Wasserschäden in der Schweiz durch Oberflächenabfluss verursacht werden», sagt Loat. Die dadurch verursachten Kosten belaufen sich im Schnitt auf jährlich rund 140 Millionen Franken.

Zwei Drittel aller Schweizer Gebäude betroffen

Das Bafu hat im letzten Sommer eine neue gesamtschweizerische Karte veröffentlicht, die zeigt, welche Gebiete gefährdet sind und wie tief sie unter Wasser stehen können. Demnach sind rund zwei Drittel aller Gebäude in der Schweiz potenziell von Oberflächenabfluss betroffen – wie stark, das hängt von Standort beziehungsweise dem Gelände rund um das Haus ab.

Trotzdem war die Naturgefahr lange nicht auf dem Radar von Ingenieuren und Bauplanern. «Oberflächenabfluss wurde beim Bauen in der Vergangenheit zu wenig berücksichtigt», sagt Loat. Vielerorts gebe es noch keine speziellen Massnahmen, um sich davor zu schützen.

«In Spitälern stehen oft technische Anlagen im Untergeschoss.»Roberto Loat, Bundesamt für Umwelt

Die neue Karte soll Architekten, Bauherren und Behörden bei der Planung von Schutzmassnahmen dienen. Zudem ist sie für die Feuerwehr ein wichtiges Hilfsmittel im Ereignisfall und bei der Priorisierung von gefährdeten Gebieten und Gebäuden. Falls es zu einer Überschwemmung durch Oberflächenabfluss kommt, sind öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Spitäler besonders im Fokus.

«Gerade in Spitälern kann das Schadenspotential enorm sein», sagt Loat. «Im Untergeschoss stehen oft sensible Güter und technische Anlagen wie Computertomografen oder Operationssäle.» Dringe Wasser ein, sei das Spital unter Umständen kaum mehr operationsfähig. Eine Analyse des Recherchedesks von Tamedia hat kürzlich gezeigt, dass Spitälern oft Notfallpläne fehlen, wenn Computer ausfallen und die Technik versagt.

Nicht alle Spitäler schützen sich

In der Schweiz gibt es 190 Akutspitäler, also klassische Krankenhäuser, die jederzeit Patienten versorgen können. Wie viele davon sind bei Starkregen gefährdet? Das haben wir mithilfe des Naturgefahren-Radars der Zürich-Versicherung ausgewertet, der für jede Adresse eine Standortanalyse ermöglicht.

Das Resultat: Die meisten dieser Spitäler sind potentiell von Oberflächenabfluss betroffen. Bei über 70 Prozent der Gebäude kann das Wasser gar die höchste Kategorie, also eine Fliesstiefe von über 25 Zentimeter erreichen.

Wie gehen die Spitäler mit dieser Gefahr um? Sehr unterschiedlich, wie Nachfragen zeigen. Das Kantonsspital St. Gallen hat bereits Schutzmassnahmen getroffen. Bei der Einfahrt eines Hauses, das besonders gefährdet ist, wurde ein Klappschott eingebaut, der das Eindringen von Wasser auch bei Hochwasser verhindern soll. Dabei handelt es sich um eine Art Barriere, die automatisch ausfährt, wenn sich viel Wasser in der dazugehörigen Betonwanne sammelt. Rund um einen Neubau gibt es landschaftliche Anpassungen, um ein allfälliges Hochwasser vom Gebäude abzuleiten. Zudem hat das Spital eine Gruppe von Mitarbeitern geschult, die im Ernstfall einen höheren Schott aufbauen könnte.

Die Krankenhäuser der Solothurner Spitäler AG (Solothurn, Olten, Dornach) schützen sich hingegen nicht spezifisch gegen Oberflächenabfluss und Hochwasser. Beim Neubau des Bürgerspitals Solothurn wird auf dem Dach eine Regenwassertank eingebaut, der das Wasser speichert und dieses zeitverzögert an einen Abfluss abgibt. «Wir erfüllen natürlich die kantonalen und kommunalen Richtlinien. Es ist derzeit aber nicht geplant, nachzurüsten», sagt Mediensprecher Hannes Trionfini. Bisher seien die Gebäude noch nie von Überschwemmungen betroffen gewesen.

Auch die Inselgruppe, zu der das das Inselspital Bern sowie die Krankenhäuser Aarberg, Belp, Münsingen, Riggisberg und Tiefenau gehören, hat keine speziellen Schutzmassnahmen getroffen. Die möglichen Gefahren würden laufend evaluiert, heisst es auf Anfrage. Bisher sei man aber von Problemen mit Oberflächenabfluss verschont geblieben.

«Die umgesetzten Massnahmen haben ihre Wirkung erzielt.»Alain Kohler, Leiter Kommunikation Spital Heiden

Ganz andere Erfahrungen hat das Spital Heiden in Appenzell Ausserrhoden gemacht: 1998 wurde es just bei der Einweihung eines renovierten Gebäudes überrascht. Es war so viel Regen gefallen, dass die Kanalisation überlief. Auch der nahe Bach trat über die Ufer. Rund zehn Kubikmeter Wasser pro Sekunde überschwemmten das Dorf – und das Spital. Räume wie Labor, Apotheke, Physiobereich und Küche wurden zerstört. Das Untergeschoss musste im Anschluss totalsaniert werden, auch alle Geräte und Medikamente mussten ersetzt werden. Die Schäden des Hochwassers in Heiden beliefen sich auf 15 Millionen Franken. Gemeinde und Spital investierten daraufhin in Schutzbauten: «Spätere Unwetter in Heiden haben gezeigt, dass die umgesetzten Massnahmen ihre Wirkung erzielen. Bis heute haben wir keinen weiteren Hochwasserschaden verzeichnet», sagt Sprecher Alain Kohler.

Auch das Spital Zofingen ergriff nach den Überschwemmungen vor knapp zwei Jahren mehrere Massnahmen: «Beim nahen Bach und einer Strasse, über die viel Wasser abfloss, wurden Dämme angebracht. Zudem haben wir Rückstauklappen bei der Kanalisation eingebaut», erzählt Finanzchef Eichenberger. Die Gebäudeversicherung habe 40 Prozent der Kosten übernommen, den Rest müsse man selber zahlen.

Um Bilder wie in Zofingen zu vermeiden, braucht es laut Bafu-Experte Loat nicht allzu viel Aufwand: «Es ist relativ einfach und kostengünstig, sich zu schützen, beispielsweise durch eine Erhöhung von Gebäudeöffnungen und Lichtschächten oder eine Wasserbarriere bei der Garageneinfahrt. Auch Geländeanpassungen rund um die Liegenschaft können das Risiko stark senken.» Allerdings müsse man aufpassen, dass man das Wasser nicht einfach zum Nachbarn umleite.

In manchen Gemeinden gibt es Vorschriften bei Umbau- und Neubauprojekten. Grundsätzlich ist es aber Sache der Eigentümerinnen und Eigentümern, sich über die Gefährdung ihrer Liegenschaften zu informieren und allenfalls Schutzmassnahmen zu ergreifen – gerade auch deshalb, weil das Risiko künftig steigen dürfte.

«Starkniederschläge werden um bis zu 20 Prozent zunehmen.»Roberto Loat, Bundesamt für Umwelt

Klimamodelle legen nahe, dass extreme Wetterereignisse in Zukunft noch häufiger und intensiver vorkommen werden als heute. Laut dem Bafu dürfte sich deshalb auch die Gefährdung durch Naturkatastrophen in der Schweiz verstärken. «Wir wissen, dass Starkniederschläge in Zukunft um 10 bis 20 Prozent zunehmen werden. Das Problem Oberflächenabfluss wird sich also akzentuieren», warnt Loat.

Auf der Alpennordsseite kommen Starkniederschläge übrigens vor allem im Spätfrühling und Sommer vor. In den kommenden Wochen und Monaten könnte es also vielerorts in der Schweiz zu Oberflächenabfluss kommen.


Bei Oberflächenabfluss handelt es sich um eine Art von Hochwasser, die nicht in der interaktiven Gefahrenkarte enthalten ist, die das Datenteam und das Interaktiv-Team von Tamedia erstellt haben:


(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.06.2019, 12:01 Uhr

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