73'000 arme Kinder in der reichen Schweiz

Bei jedem zwanzigsten Kind fehlt zu Hause das Geld zum Leben. Und mehr als dreimal so viele sind laut einer Studie des Bundes von Armut bedroht.

Als Schlüsselfaktor zur Verhinderung von Kinderarmut gilt die Erwerbstätigkeit der Erwachsenen: Eine Bettlerin in Lausanne.

Als Schlüsselfaktor zur Verhinderung von Kinderarmut gilt die Erwerbstätigkeit der Erwachsenen: Eine Bettlerin in Lausanne. Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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In der Schweiz leben 73'000 Kinder in Armut, 234'000 sind davon bedroht. In Haushalten ohne Erwerbstätige ist sogar fast jedes zweite Kind armutsgefährdet und jedes fünfte davon betroffen.

Als Schlüsselfaktor zur Verhinderung von Kinderarmut gilt daher die Erwerbstätigkeit der Erwachsenen im Haushalt, wie in einer am Freitag publizierten Studie des Bundesamtes für Statistik (BFS) festgehalten wird. Die BFS-Studie erfasste die Armut und materielle Entbehrung von Kindern in der Schweiz mit Zahlen aus dem Jahr 2014.

Rund 30 Prozent der armutsbetroffenen Kinder leben in einem Haushalt ohne Erwerbstätige. Die restlichen 70 Prozent – etwas mehr als 51'000 Kinder in der Schweiz – lebten in Haushalten, die trotz Erwerbsarbeit kein Einkommen oberhalb der Armutsgrenze generieren können.

Nur ein Elternteil als Risikofaktor

Kinder, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, sind besonders häufig von fehlendem Geld betroffen. Fast jedes zweite Kind in solchen Haushalten muss mit Entbehrungen klar kommen. Das kann bedeuten, dass das Kind keinem kostenpflichtigten Hobby nachgehen kann oder dass zu Hause kein angemessener Ort zum Lernen vorhanden ist. Viele dieser Kinder leben zudem häufiger in feuchten Wohnungen oder in einer für Kinder ungeeigneten Nachbarschaft mit Lärm, Vandalismus oder Gewalt.

In vielen Haushalten versuchen die Eltern die Entbehrungen der Kinder zu reduzieren, indem sie ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen, wie das BFS schreibt. So haben die Kinder in über der Hälfte der Haushalte, die sich keine Ferien leisten können, dennoch die Möglichkeit, eine Woche pro Jahr wegzufahren.

Caritas schreibt in einer Stellungnahme zur publizierten Studie, dass die Schweiz im internationalen Vergleich nur wenig in die Familien investieren. Mit existenzsichernden Löhnen, Massnahmen zur Verbesserung von Beruf und Familie, niederschwelligen Angeboten in der Frühen Förderung oder mit Ergänzungsleistungen solle der Bund in die Prävention von Familienarmut investieren.

Schweiz steht international noch gut da

Im Vergleich zu europäischen Ländern steht die Schweiz jedoch nicht schlecht da: Ähnlich gut oder etwas besser versorgt sind die Kinder gemäss der Studie nur in den skandinavischen Ländern und in den Niederlanden. Im Durchschnitt ist in der EU jedes vierte Kind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wie die EU-Statistikbehörde Eurostat am vergangenen Mittwoch mitgeteilt hatte. Die Quote der Kinderarmut ist in Rumänien am höchsten und in Schweden am tiefsten.

Gemäss dem BFS gilt Armut im Kindesalter als Risikofaktor für Armut und soziale Ausgrenzung im späteren Lebensverlauf, da die Teilhabe- und Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder in jungen Jahren beeinträchtigt waren. (rub/sda)

Erstellt: 18.11.2016, 12:03 Uhr

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