90 Minuten allein

Sie ist erfolgreich wie noch nie – und doch bleibt die grosse Euphorie um unsere Nati aus. Der Grund liegt neben dem Platz.

Erfolgreich, aber nicht geliebt: Die Schweizer Nationalmannschaft während des Trainings in Belfast. Foto: Reto Oeschger

Erfolgreich, aber nicht geliebt: Die Schweizer Nationalmannschaft während des Trainings in Belfast. Foto: Reto Oeschger

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Minute 54. Ricardo Rodriguez nimmt die Bewegung des Torhüters wahr, stoppt, schiesst in die andere Ecke. 1:0.

Sascha Ruefer nimmt auch Anlauf. Der Fernsehkommentator vermeldet den Zwischenstand zwischen Nordirland und der Schweiz, stoppt dann wie Rodriguez beim Penalty und holt Luft.

Rrrriiiiiiccarddooo Rrrrroddriguez!!!

«Rrrriiiiiiccarddooo Rrrrroddriguez!!!» von Sascha Ruefer. Video: Youtube

Und spätestens dann, spätestens als das letzte R herausgequetscht ist und Ruefers schlechte Imitation eines betrunkenen südamerikanischen Fussballbrüllers gnädigerweise ein Ende findet, sind sämtliche euphorische Aufwallungen, die einen Fussballfan normalerweise bei einem Tor durchschütteln, ihn brüllen und hüpfen lassen, tot, tot, tot.

Ruefer macht das schon immer. Er imitiert Emotionen, wo keine Emotionen sind. Das ist ja das Verrückte: Da steht die Nationalmannschaft kurz vor dem Erreichen der Weltmeisterschaft, schon wieder!, und von Euphorie ist kaum etwas zu spüren. Da kribbelt wenig. Da passiert fast nichts. Ja, der St.-Jakob-Park in Basel war für das Rückspiel der Barrage innerhalb von zwei Stunden ausverkauft, doch allen Ticketbesitzern, die nun auf ein «rauschendes Fussballfest» hoffen, sei gesagt: Könnte auch trist werden.

Minute 56. Fabian Schär schiesst weit über das Tor. Die nordirischen Fans unter­brechen ihren Gesang und johlen herzlich über den missglückten Versuch.

Warum können das die anderen? Stimmung machen? 90 Minuten singen und schreien und toben? Warum hat eine Mannschaft, die so erfolgreich ist wie noch nie in ihrer Geschichte, nicht ein Publikum wie der Gegner? Wo bleibt das Wirgefühl, das sogar die Deutschen für einen Moment nach der Weltmeisterschaft im eigenen Land zustande brachten? Warum können wir uns nicht auf diese Mannschaft einigen als etwas, was diesem Land gut ansteht? Wo ist das Gefühl von 1994, als zum letzten Mal eine Schweizer Nationalmannschaft so richtig aufregend war?¨

Antworten auf diese Fragen findet man inner- und ausserhalb des Stadions. Mämä Sykora ist Chefredaktor des Fussballmagazins «Zwölf». Er besucht ab und an ein Spiel der Nati, doch wirklich Spass hat er dabei nur selten. «Da hört man Sprüche, die aus den Stadien der Clubs seit 20 Jahren verschwunden sind.» Es seien keine geübten Fans, die zu den Spielen fahren würden. «Die sitzen dann auf ihren Stühlen, schauen sich um und fragen sich: Wer macht jetzt eigentlich diese Stimmung?»

Grummlig, missmutig, vom Erfolg verwöhnt. «Es sind Schönwetterfans», sagt Beni Huggel, ehemaliger Mittelfeldspieler beim FC Basel und Mitglied der Nationalmannschaft von 2003 bis 2010. Er hat die Zeit erlebt, als noch nicht die vielen Secondos (sprich: Ausländer) das bestimmende Thema beim Reden über die Nati waren, sondern die regionale Herkunft der Spieler.

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«Früher wurde etwa der Röstigraben innerhalb der Mannschaft heiss diskutiert», sagt Christian Koller, der Leiter des Sozialarchivs. Hier die kampfstarken (und technisch limitierten) Deutschschweizer, dort die spielfreudigen (und etwas faulen) Romands. Eine Geschichte voller Vorurteile und unausgesprochener Vorwürfe. Kantönligeist, der pure Freude für die Nationalmannschaft verhinderte. «Ich habe nie verstanden, warum ein Rekordtorschütze wie Alex Frei in den Schweizer Stadien ausgepfiffen wurde», sagt Beni Huggel.

Minute 69. Die Kamera bleibt für einen Moment auf Xherdan Shaqiri, er hat einen Ball vertändelt, und Sascha Ruefer sagt: «Er wirkt einfach nicht glücklich.»

«Ich habe nicht genau verstanden, was er gepfiffen hat»: Die Stimmen der Schweizer Nationalspieler nach dem 1:0 in Belfast. Video: Fabian Sanginés

Die Sache mit dem Kantönligeist und den – je nach Spielort – ausgebuhten Zürchern, Baslern oder Bernern hat sich in den vergangenen Jahren beruhigt. Heute, da die meisten Nati-Spieler ihr Geld im Ausland verdienen, geht es nicht mehr um den Club des einzelnen Spielers. Heute geht es darum, woher die Eltern eines Spielers stammen. Befördert wird die Diskussion um das richtige Schweizersein durch die Zusammensetzung des Publikums. «Es gibt kaum eine Schnittmenge zwischen Fans der Clubs und Fans der Nationalmannschaft. Wenn die Nati am Sonntag in Basel spielt, werden keine 100 Leute im Stadion sein, die sonst regelmässig zum FC Basel gehen», sagt Mämä Sykora.

Glocken und Fahnen

Seine These lässt sich nicht objektiv belegen, doch es gibt starke Indizien. Die Glocken im Stadion, die Trompeten, die Fahnen, die sonst selten da sind. Urner, Thurgauer, Schwyzer oder, wie am Donnerstag in Belfast, eine Doppelfahne aus Nidwalden. Um es ganz plakativ zu sagen: Der urbane Clubfan bleibt in seiner Stadt, zur Nationalmannschaft kommen die Leute vom Land, die keinen eigenen Club haben. Hier zeigt sich der gleiche Graben, der die Schweiz in vielen Fragen trennt. Die progressiven Städter, die konservativen «Ländler».

Minute 77: Ein Pass ins Offside ist die letzte Aktion von Haris Severovic. Er wird ausgewechselt.

Es ist die Geschichte eines Versagens – auf beiden Seiten. Jene, die sich so gerne «progressiv» nennen, bringen es nicht fertig, einen positiven Patriotismus zu schaffen, und höhnen stattdessen überheblich über die «Bauern aus der Innerschweiz». Dabei wäre die Ausgangslage nirgends einfacher. Dass es die Sozial­demokraten schwer haben, mit abstrakten Begriffen wie «Menschenrechte» oder «Bundesverfassung» Heimatliebe von links zu beschwören, ist einleuchtend. Dass es den Linken aber bei einer Nationalmannschaft nicht gelingt, die zu über 80 Prozent aus Secondos besteht, aus Zugewanderten!, und die dazu noch so erfolgreich spielt, ist erstaunlich.

Gleichzeitig hat die andere Seite, die der leidenschaftlichen Nati-Fans, ein ganz anderes Problem. Sie muss einer Mannschaft zujubeln, in der sie sich selber nicht erkennt. «Die Erwartungen an einen Secondo in der Nationalmannschaft sind darum viel ­höher als an einen Spieler mit einem schweizerischen Namen», sagt Mämä ­Sykora.

Ein Spieler mit ausländischen Wurzeln muss mehr leisten, muss sich mehr mit dem Land identifizieren, sollte die Nationalhymne laut und deutlich mitsingen, sollte bescheiden und fleissig und angepasst sein. Man ist ja nicht grundsätzlich gegen Ausländer. Nur auffallen sollen sie bitte nicht. «Es ist kein Zufall, dass bei jeder nicht ganz so guten Phase der Nationalmannschaft das Secondo-Thema sofort wieder aufkommt», sagt Sykora. Der Firnis zwischen Begeisterung für ein Team und seiner totalen Ablehnung: dünn.

Ein Missverständnis

Historiker Damir Skenderovic fasst das Thema noch grösser. Die Kontroverse um den doppelten Pass von Bundesrat Ignazio Cassis, der Streit um Doppel­bürger in der Armee, die Aufregung um die Nennung der Nationalität von Straftätern diese Woche in Zürich – alles Symptome des gleichen mühseligen Themas: die Schwierigkeit der Schweiz mit der Zuwanderung. «Die Nationalmannschaft ist ein Spiegel dieser Debatten», sagt Skenderovic. «An ihr sieht man, was die Identitätspolitik im Zusammenhang mit Migration in den vergangenen 20 Jahren für Folgen hatte.»

Das verknorzte Verhältnis von links und rechts. Die Grabenbildung. Das Nicht-verstehen-Wollen. Die gegenseitige Abneigung, die man an jedem Abstimmungssonntag wahrnimmt, an dem es um ein ausländerpolitisches Thema geht – all das lässt sich auch am Verhältnis der Schweizer zur Nati ablesen. «Da leben wir seit 100 Jahren in einem Zuwanderungsland», sagt Skenderovic. «Und haben uns immer noch nicht daran gewöhnt.»

Minute 90. Abpfiff, der Jubel ist verhalten. Ab in die Werbung: An einem Tisch mitten in einem Feld sitzen drei Kinder in Schwingerhemdli und essen Teigwaren. Schwingerkönig Matthias Sempach legt ihnen die Hand auf die Schulter: Bschüssig-Teigwaren. Aus echten Schweizer Eiern.

Erstellt: 11.11.2017, 10:28 Uhr

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