9000 Jobs – aber kaum einer für Schweizer

Von den Tausenden Jobs, die die Modeindustrie in den letzten Jahren im Tessin geschaffen hat, werden 70 Prozent von Grenzgängern besetzt. Das löst Ängste aus – und Stau.

«La Gucci» nennt die Nachbarin im Einfamilienhaus in Sant’Antonino das grosse Logistikzentrum des Konzerns Kering. Foto: Andrea Zahler

«La Gucci» nennt die Nachbarin im Einfamilienhaus in Sant’Antonino das grosse Logistikzentrum des Konzerns Kering. Foto: Andrea Zahler

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Tal der Mode. Das tönt nach Glamour, internationalem Jetset. Doch wer an einem Wochentag frühmorgens im Dorf Sant’Anto-nino steht – wenige Kilometer südlich von Bellinzona – sieht vor allem das: einen 300 Meter langen Riegel aus Beton, vor dem gerade zwei Dutzend Lastwagen abgefertigt werden.

«La Gucci» nennt eine Nachbarin den Riegel, bevor sie vor einem Einfamilienhaus in ihr Auto steigt. Das italienische Modehaus oder besser gesagt sein Besitzer, der französische Konzern Kering, betreibt hier seit 2014 ein Logistikzentrum mit einem Volumen von 300'000 Kubikmetern. Die Lastwagen schaffen Kleider aus Italien über die Grenze oder verteilen sie von hier aus in die Welt. Einen Bahnanschluss hat das Areal nicht, obwohl es direkt an einer der wichtigsten Strecken für Güterzüge nach Norditalien liegt.

Das angebliche grösste Gebäude im Kanton. Foto: Andrea Zahler

Durch die schmalen Fenster des Gebäudes sind hohe Regale und viele Schachteln zu erkennen. Mehr lässt Kering nicht zu. Der Konzern will keine Besucher in seiner Lagerhalle, auch Fragen dazu werden nicht beantwortet. Kering und damit die ganze Modebranche im Tessin haben derzeit ein grosses Imageproblem.

Mit tiefen Steuern angelockt

Das Tal der Mode, das in Sant’Antonino beginnt und in den Industriegebieten von Mendrisio und Stabio ganz im Süden des Tessins endet, ist ab Mitte der 1990er-Jahre entstanden. Gucci, Armani und weitere Modekonzerne wurden von einer vorteilhaften Steuerpolitik angelockt. Zunächst wurden nur Geschäftssitze verlegt, später unter anderem auch in Logistikzentren investiert. Allein Kering betreibt heute 20 Lager im Kanton. Noch.

Das Geschäftsmodell lohnt sich nicht mehr, seit Italien die Steueroptiminierung der Branche via Tessin unterbunden hat. Anfang Mai informierte Kering über Nachsteuern und Bussen in Italien von 1,25 Milliarden Euro. Zwei Wochen später verkündete der Konzern, er werde seine Logistik bis 2022 nach Norditalien verlagern. Die offizielle Begründung lautet, die Tessiner Standorte seien zu klein. Es ist absehbar, was aus dem Lagerhaus in Sant’Antonino wird, dem angeblich grössten Gebäude im Kanton: eine Investitionsruine.

Im letzten Herbst hatte Kering bereits das Aus für den Firmensitz seiner Logistiktochter im Tessin bekannt gegeben. Zuvor hatte sich schon Armani aus dem Kanton verabschiedet. Das Tal der Mode liege im Sterben, heisst es nun in den lokalen Medien – mit wenig Bedauern.

Die Einheimischen haben von den Logistikstandorten vor allem eines: Verkehr. Foto: Andrea Zahler.

Die Modebranche ist zwar ein wichtiger Steuerzahler im Tessin, aber nicht wichtig für die Bevölkerung. 9000 Menschen arbeiten gemäss dem Branchenverband im Tal der Mode. Zu 70 Prozent sind es Grenzgänger. In den Lagern von Kering ist der Anteil noch höher. 400 Stellen werden laut den Gewerkschaften verlagert. Nur ein Dutzend Betroffene wohnen im Tessin.

In der Modebranche wurde seit der Einführung der Personenfreizügigkeit mit der EU der Einsatz von Grenzgängern auf die Spitze getrieben. Doch auch die übrige Wirtschaft des Kantons setzt stark auf Arbeitskräfte aus Norditalien. Seit Ende der 1990er-Jahre ist die Zahl der Grenzgänger von 26'000 auf 64'000 gestiegen. Diese Entwicklung gibt es in der ganzen Schweiz. Im Tessin aber ist bald einer von drei Angestellten ein Grenzgänger.

Das löst in der Bevölkerung Ängste aus. Offensichtlich wird das gerade in Abstimmungen zu EU-Themen. In keinem Kanton ist die Skepsis gegenüber Brüssel grösser. Darüber, ob diese Ängste berechtigt sind, gehen die Meinungen jedoch weit auseinander, wie ein Zwischenstopp in Lugano zeigt. Hier arbeiten nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt Enrico Borelli, Chef der Tessiner Sektion der Gewerkschaft Unia, und Wirtschaftsprofessor Rico Maggi von der Universität Lugano.

Zu wenig für das Tessin

«Die Ängste der Tessinerinnen und Tessiner sind berechtigt», sagt Gewerkschafter Borelli. Die Modebranche sei Vorreiterin der «Lombardisierung» des Tessins. «Sie ist das Extrembeispiel für eine Entwicklung, die inzwischen die ganze Wirtschaft erfasst hat», so Borelli. Lombardisierung bedeutet für ihn: Tiefstlöhne, von denen niemand leben kann, der im Tessin wohnt. Und eine immer härtere Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. «Das gilt nicht nur für die einfachen Arbeiter», sagt Borelli. «Heute arbeiten im Tessin auch viele Architekten oder Juristen aus Norditalien zu Dumpinglöhnen.»

Die Daten des kantonalen statistischen Amts zeigen diese Entwicklung. Die Grenzgänger sind heute im Schnitt viel besser ausgebildet als vor Einführung der Personenfreizügigkeit. Die Lohnunterschiede sind aber noch grösser geworden. Ein Grenzgänger verdient gut 1000 Franken im Monat weniger als ein Tessiner. Dabei sind die Löhne im Tessin im Vergleich mit der übrigen Schweiz schon tief. Der Mindestlohn für einen Lageristen beträgt laut Branchenverband Ticino Moda 3300 Franken.

Ökonom Maggi spricht dagegen von einem «Leiden der Tessiner auf hohen Niveau», das von politischen Akteuren populistisch bearbeitet werde. Die Ansiedlung der Modebranche nennt er eine gute Idee. «Sie hat dem Tessin damals viel Dynamik gebracht.» Seine Wirtschaft sei heute so gross und vielfältig, dass sie ohne die Grenzgänger nicht funktionieren könne.

Auch hierzu gibt es Statistiken. Etwa dass die Zahl der Beschäftigten im Tessin in den letzten zehn Jahren um 30'000 Personen gewachsen ist. Oder eine Arbeitslosenquote, die sich im gleichen Zeitraum halbiert hat und nur noch leicht über dem Schweizer Durchschnitt liegt.

Bislang setzt das Tessin im Kampf gegen Lohndumping gleich wie die übrige Schweiz auf sogenannte flankierende Massnahmen – einfach viel stärker. Ein Beispiel sind die Normalarbeitsverträge. Damit können auch in Branchen ohne Gesamtarbeitsvertrag Mindestlöhne erlassen werden. Im Tessin gelten 19 solcher Verträge, mehr als in allen anderen Kantonen zusammen. Die Gewerkschaften sind trotzdem unzufrieden. Die Mindestlöhne seien viel zu tief, sagt Enrico Borelli.

Und die Verträge lösen nicht das Grundproblem der Tessiner Wirtschaft, da sind sich der Gewerkschafter und der Ökonom für einmal einig. Ihre Produktivität sei zu tief, eine Strategie für die Zukunft fehle. Auch das ist eine Folge des einfachen Zugangs zu billigen Arbeitskräften.

Nach der Arbeit im Stau

Maggi und Borelli finden sich noch in einem weiteren Punkt. Die grenzüberschreitende Wirtschaft habe im Tessin zu einem grossen Verkehrsproblem geführt, sagen beide. Klar wird das am frühen Abend am Grenzübergang Gaggiolo bei Mendrisio. In Richtung Italien stockt der Verkehr. Es sind fast nur Autos mit italienischen Kennzeichen.

Beginn des Feierabendverkehrs am Grenzübergang Gaggiolo. Quelle: ldc

Doch hier werden Lösungs-ansätze sichtbar. Zwischen den vielen Autos tauchen Busse auf, die Arbeiterinnen zurück über die Grenze bringen. Ein solcher Bus stand zuvor auf dem Parkplatz einer Fabrik in Mendrisio, zwischen vielen Autos. 1000 Grenzgängerinnen schneidern dort Luxuskleider für das italienische Unternehmen Ermenegildo Zegna. Die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ist schlecht.

Für Ermenegildo Zegna ist das Tal der Mode nicht tot. «Wir werden noch lange hier bleiben», sagt Umberto Giovine, Chef der Schweizer Tochterfirma. Damit das möglich ist, sollen die Arbeiterinnen ihre Autos möglichst in Italien stehen lassen. Die Shuttlebusse sind das wichtigste Argument dafür. Gut die Hälfte der Frauen nutzt sie inzwischen.

Erstellt: 01.08.2019, 18:24 Uhr

So stehen die Parteien zur Migration aus der EU

SVP

Die Personenfreizügigkeit mit der EU lehnt von den grossen Schweizer Parteien einzig die SVP ab. Mit ihrer Kündigungs-initiative, über die voraussichtlich nächstes Jahr abgestimmt wird, will sie den freien Zugang für EU-Bürger zum Schweizer Arbeitsmarkt stoppen.

SP

Für die SP gilt seit Jahren: Sie befürwortet eine Vertiefung der Beziehungen der Schweiz zur EU und akzeptiert deshalb die Personenfreizügigkeit. Allerdings nur weil seit deren Einführung mit den flankierenden Massnahmen der Lohnschutz in der Schweiz ausgebaut wurde. Die SP will ihn weiter stärken, jegliche Abstriche lehnt sie ab.

FDP

Die EU-Zuwanderung hat gemäss der FDP keine negativen Folgen für einheimische Arbeitskräfte. Auch Druck auf die Löhne sieht sie nicht. Im Gegenteil: Die Personenfreizügigkeit sorge für mehr Wohlstand in der Schweiz und nütze daher Unternehmen und Arbeitnehmern. Trotzdem trägt die FDP die flankierenden Massnahmen mit. Einen weiteren Ausbau lehnt die Partei jedoch ab.

CVP

Die Position der CVP zur Personenfreizügigkeit ist nahe an jener der FDP. Auch sie sieht im wichtigsten bilateralen Abkommen zwischen der Schweiz und der EU einen Garanten für eine wirtschaftlich erfolgreiche Schweiz und in der Kündigungsinitiative der SVP eine Gefahr für den Wohlstand. Die CVP zeigt sich aber offener gegenüber Massnahmen, die die einheimischen Arbeitskräfte stärken.

Grüne

Für die Grünen hat der bilaterale Weg der Schweiz grosse Vorteile gebracht. Dazu zählt die Partei die Personenfreizügigkeit. Wie die SP betonen auch die Grünen stets, dass die Bevölkerung nur deshalb eine Öffnung gegenüber Europa unterstützt hat, weil die flankierenden Massnahmen eingeführt wurden. Deren Schwächung kommt für die Grünen deshalb nicht infrage, anders als bei der SP gehört ein Ausbau aber nicht zu den Kernanliegen der Grünen.

GLP und BDP

Die beiden kleinsten der sieben grossen Parteien haben sich als einzige klar für das Rahmenabkommen und damit für neue Regeln in der Beziehung zwischen der Schweiz und der EU ausgesprochen. Der Entwurf des Abkommens sieht vor, dass die Schweiz Abstriche beim Lohnschutz macht. Die Grünliberalen und die BDP tragen das mit. (ldc)

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Serie

Teil 4: Die EU und die Schweiz

Am 20. Oktober wählt die Schweiz ein neues Parlament. Für eine Serie von Reportagen reisen wir deshalb in diesem Sommer an Orte, die sinnbildlich sind für die grössten Sorgen der Bevölkerung. Und präsentieren in knapper Form die Positionen der sieben grössten Parteien dazu.

Das Verhältnis der Schweiz zur EU gehört laut einer Umfrage von Tamedia zu den grössten Sorgen. Insbesondere wegen der Personenfreizügigkeit. Die Zuwanderung aus der EU ist mit netto 30000 Personen aktuell zwar tiefer als auch schon. Hinzu kommt aber eine wachsende Zahl von Grenzgängern sowie Angestellten und Selbstständigen, die für Aufträge in die Schweiz reisen. Die EU verlangt zudem von der Schweiz Abstriche bei den flankierenden Massnahmen. Diese sollen Dumpinglöhne und andere unfaire Praktiken verhindern. (ldc)

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