Absage an einen Grosskanton Jura

Die Bevölkerung des Berner Juras tendiert deutlich zu Bern, wie eine Umfrage zeigt. In ihren Argumenten unterscheiden sich Volk und Politik jedoch fundamental.

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Am 24. November stimmen der Kanton Jura und der Berner Jura darüber ab, ob Fusionsverhandlungen eingeleitet werden. Die Forschungsanstalt Demoscope hat nun im Auftrag des «Bieler Tagblatts» im Mai eine repräsentative Umfrage im Verwaltungskreis Berner Jura durchgeführt. Sie zeigt: Die Bernjurassier möchten eher beim Kanton Bern bleiben. Müsste heute darüber entschieden werden, ob Verhandlungen zur Einleitung eines Fusionsprozesses aufgenommen werden sollen, dann würden 49 Prozent der Bernjurassier dies ablehnen. 24 Prozent der Stimmberechtigten möchten hingegen über einen neuen Kanton diskutieren.

Würde es schon jetzt um den definitiven Zusammenschluss gehen, sähe die Situation noch deutlicher aus: Eine Mehrheit von 53 Prozent der Bernjurassier würde dazu Nein sagen. Die Gruppe der Befürworter macht lediglich 22 Prozent aus. Die unentschlossenen Wähler tendieren gegen einen neuen Kanton.

Sprache bewegt nur bedingt

Die Umfrage macht auch klar: Die Bevölkerung denkt anders, als man es hätte erwarten können. Die Bernjurassier, die sich einen neuen Grosskanton vorstellen können, betonen die Chancen eines rein französischsprachigen Gebildes. Auf der einen Seite könnten sich 17 Prozent mit einem neuen und grösseren frankofonen Kanton anfreunden. Auf der anderen Seite fürchten sich nur 5 Prozent der Leute vor dem Verlust der Berner Brückenfunktion zwischen den Landesteilen. Das lässt aufhorchen: Genau mit dem Brückenargument werben die Berner Regierung und viele Fusionsgegner.

Insbesondere in Biel dürfte das Resultat nicht gefallen. Die bilingue Stadt würde bei einer Sezession des Berner Juras als letzter frankofoner Aussenposten im sonst deutschsprachigen Kanton verbleiben.

Argumente verfangen nicht

Auch die Hauptargumente der Befürworter scheint die Bevölkerung bei weitem nicht zu teilen. Nur 7 Prozent der Bernjurassier glauben daran, dass im Kanton Jura ihre Interessen besser vertreten wären als im Kanton Bern – die jurassische Regierung verwendet aber genau dies als Lockversprechen.

Ebenfalls nicht überzeugt ist die Bevölkerung davon, dass sie in einem neuen Kanton auf eidgenössischer Ebene besser vertreten wäre (3 Prozent) oder überhaupt als Region mehr Gewicht bekäme (3 Prozent).

Immerhin 27 Prozent der Bernjurassier sehen überhaupt keinen Grund dafür, über einen neuen Kanton zu verhandeln. Zusammen mit den 24 Prozent ohne Meinung stellen sie die Mehrheit.

Geld ist völlig nebensächlich

Sehr unterschiedlich sind die Meinungen dazu, was die Berner Regierung tun müsste, um die Bernjurassier davon zu überzeugen, beim Kanton Bern zu bleiben. Sicher ist, dass Geld absolut keine Rolle spielt. Weder wünschen sich die Bernjurassier zwingend mehr direkte finanzielle Unterstützung (5 Prozent) durch ihre Regierung, noch fordern sie höhere Investitionen in den Wirtschaftsstandort (4 Prozent) oder die Infrastruktur (4 Prozent).

Allerdings hat eine Mehrheit der Bernjurassier durchaus einige Wünsche an den Kanton. Denn nur 12 Prozent sind wunschlos glücklich. Eine Gruppe möchte, dass sich der Kanton besser um die Integration der Juraregion bemüht (14 Prozent) und ihr mehr Aufmerksamkeit zukommen lässt (12 Prozent). Mit der Förderung der Zweisprachigkeit scheinen aber die meisten zufrieden zu sein. Lediglich 11 Prozent der Bernjurassier fordern mehr Platz für die französische Sprache.

Graben zwischen Parteien

Die Gegner von Fusionsverhandlungen finden sich grossmehrheitlich im bürgerlichen Lager. Am 24. November wollen satte 68 Prozent der bürgerlichen Wähler ein Nein in die Urne legen. Im links-grünen Block sprechen sich hingegen 43 Prozent für Verhandlungen mit dem Kanton Jura aus, dagegen sind 37 Prozent.

Die Zahlen zeigen, dass die Meinungen bei den politisch interessierten Bernjurassiern gemacht sind. Die Erklärung dazu liegt in der Parteienlandschaft. Bei den letzten Grossratswahlen im Jahr 2010 erreichten die Separatisten aus verschiedenen Parteien einen Wähleranteil von ungefähr einem Drittel. Der Partie Socialiste Autonome (PSA) ist mit 20,4 Prozent die wählerstärkste Partei unter ihnen. Und da der PSA seine Anhänger mobilisieren kann, wird er sein Potenzial voraussichtlich ausschöpfen.

Für eine Sezession sprechen sich einerseits Teile der Grünen und der EVP aus, wobei die Grössenordnung dort nicht zu beziffern ist. Andererseits ist die bernjurassische SP gegen einen neuen Kanton. Auf bürgerlicher Seite dominiert die SVP – die wählerstärkste Partei im Berner Jura (22,7 Prozent). Sie tritt vehement für einen Verbleib beim Kanton Bern ein. Dabei wird sie unterstützt von der BDP und der Mehrheit der FDP. Die katholische CVP möchte hingegen einen Fusionsprozess einleiten. Zusammengenommen kommen die Gegner somit auf einen Wähleranteil von gut 60 Prozent.

Die Zahlen, welche die Umfrage auf den Tisch bringt, sind nicht in Stein gemeisselt. Das Abstimmungsresultat wird stark von der Mobilisierung der beiden Lager abhängen und somit davon, wie intensiv diese ihre Kampagnen führen werden.

Erstellt: 11.06.2013, 08:30 Uhr

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