Achtung, Gender!

FDP-Nationalrätin Isabelle Moret kandidiert für den Bundesrat – scheut aber das Frauen-Thema.

Eine Mutter im Bundesrat wäre eine gute Sache, sagt Isabelle Moret. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Eine Mutter im Bundesrat wäre eine gute Sache, sagt Isabelle Moret. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie hat überlegt und überlegt. Kryptische SMS durch die Schweiz geschickt, mit schwer verständlichen Datumsangaben. Es wurde Juli, es wurde Ende Juli, es wurde August. Und dann, endlich, konnte sich Isabelle Moret, Waadtländer Nationalrätin der Freisinnigen, durchringen. Ja, sie will. Am Samstag kündigte sie im Fernsehen ihre Kandidatur für den Bundesrat an. Jaqueline de Quattro, Waadtländer Regierungsrätin, wird voraussichtlich auf ihre eigene Kandidatur verzichten – so hatten es die beiden Frauen im Vorfeld abgemacht.

Es war nicht anders erwartet worden: Moret galt seit der Rücktrittsankündigung von Aussenminister Didier Burkhalter als aussichtsreichste Kandidatin der Waadtländer FDP, die wegen ihrer ruhmreichen Bundesratsvergangenheit gar nicht anders konnte, als einen Kandidaten oder eine Kandidatin zu stellen. Interessant sind die veränderten Umstände, in denen Morets Kandidatur nun offizialisiert wird – und wie die Nationalrätin damit umgeht. Seit CVP-Bundesrätin Doris Leuthard angekündigt hat, irgendwann von jetzt bis 2019 zurückzutreten, ist das Thema der fehlenden Frauen im Bundesrat wieder präsenter geworden. Das sah man auch bei der Ankündigung des Genfer Staatsrats Pierre Maudet, der sich in gewundenen Erklärungen zur Frage äussern musste, warum er sich, als Mann!, zu einer Kandidatur entschlossen habe. Maudet wich mit dem Hinweis auf sein Alter aus: Nicht nur die Frauen seien im Bundesrat untervertreten; seine Generation, die Schweizerinnen und Schweizer unter 40, ebenso.

Erste Mutter mit Schulkindern

Von Ignazio Cassis, dem Tessiner Favoriten für die Nachfolge von Burkhalter, kam zur Geschlechterfrage auch nicht unbedingt Erhellendes: «Wenn ich eine Frau wäre, wäre ich fast beleidigt, wenn man mich wählen würde, weil ich eine Frau bin», sagte er zu «Le Matin Dimanche» und schien dabei zu übersehen, dass seine Favoritenposition auch ziemlich singulär begründet wird: Er ist halt ein Tessiner. Moret nun scheint nicht gewillt, ihre männlichen Konkurrenten mit dem Gender-Thema anzugreifen. «Frau zu sein, ist eine Lebenserfahrung und kein politisches Argument», sagte sie der «NZZ am Sonntag». «Ich trete mit meiner Kompetenz an, nicht mit meinem Geschlecht.» Dieses sei sogar eher ein Handicap, sagte sie der «SonntagsZeitung». Bis heute hätten – ausser bei der Wahl von Elisabeth Kopp – Frauen auf einem Mann-Frau-Zweierticket stets den Kürzeren gezogen. Dabei täte der Regierung, und hier erlaubt sich Moret doch noch ein Gender-Argument, eine Mutter doch gut. Moret hat zwei Kinder im Alter von elf und sieben Jahren und wäre damit die erste Bundesrätin, die als Mutter von schulpflichtigen Kindern gewählt würde.

Falls sie denn gewählt wird. Cassis bleibt, als Tessiner, in der besten Position für die Nachfolge von Burkhalter. Maudet hat höchstens Aussenseiterchancen und dürfte es nur auf das Ticket schaffen, wenn die Freisinnigen eine Dreierauswahl präsentieren. Sein Platz gehört Moret, sein Platz gehört den Frauen. Und doch hat man das Gefühl, dass das Parlament die Frauen-Frage nicht bei der aktuellen Vakanz lösen möchte. Leuthards Ankündigung, spätestens nach dieser Legislatur aufzuhören, hat das Frauen-Thema zwar aufgebracht – und trotzdem nicht wirklich drängend gemacht. Was schon heute beginnt, ist das Gedruckse um die Frage, welche Partei denn die Frau in der Regierung stellen sollte. CVP-Präsident Gerhard Pfister sagt relativ deutlich, dass es die CVP bei einem nächsten Mal nicht sein wird. «Wir haben als Partei bewiesen, dass Frauen das Amt ebenso gut ausüben wie Männer. Deshalb bin ich durchaus der Meinung, dass die FDP nun an der Reihe ist», erzählte er der «NZZ am Sonntag».

Gerade in bürgerlichen Parteien sei es schwierig, Frauen für ein solches Amt zu finden, so Pfister weiter. Ein Mann sage in politischen Bewerbungsgesprächen meistens, er wisse nicht, ob er es könne, aber er versuche es. Die Frau sage hingegen: «Ich weiss nicht, ob ich es kann, deshalb lasse ich es bleiben.» Komme hinzu, dass die Definition einer Frau auch von ihrer politischen Haltung abhänge, lieferte Pfister später auf Twitter nach: «Warum haben seinerzeit viele Linke nicht Karin Keller-Sutter gewählt? Weil rechte Frauen für Linke keine richtigen Frauen sind.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2017, 23:06 Uhr

Artikel zum Thema

Soll sie warten, die Frau

Kommentar Hauptsache, der neue Bundesrat kommt aus dem Tessin: Wieder einmal sind alle Argumente wichtiger als das Frauen-Argument. Mehr...

«Ja, der Bundesrat interessiert mich»

Auch FDP-Nationalrätin Isabelle Moret will Bundesrätin werden. Nach de Quattro ist sie die zweite Kandidatur aus dem Waadtland. Mehr...

Die FDP-Frauenkandidatur ist lanciert

Die «eiserne Lady mit Samthandschuhen» will Bundesrätin werden. Wer ist die Waadtländer Staatsrätin Jacqueline de Quattro? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Die Zitrone Champions League ist ausgepresst
Politblog So reden Verlierer

Paid Post

Mit Swissôtel das SOS-Kinderdorf unterstützen

Mit jedem Kommentar und jedem «Share» dieses Artikels wird die Spende von Swissôtel im Namen der Mamablog-Community ans SOS-Kinderdorf erhöht. Helfen Sie mit!

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...