Achtung, die Martullo

Magdalena Martullo-Blocher hat sich in Bern seit 2015 viel Respekt erarbeitet. Jetzt schickt sie sich an, endgültig aus dem Schatten ihres Vaters zu treten.

Seit Unternehmerin Magdalena Martullo-Blocher in Bern politisiert, wird sie kaum mehr belächelt: Die gewählten Parlamentarier legen am 30. November 2015 ihren Amtseid ab. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Seit Unternehmerin Magdalena Martullo-Blocher in Bern politisiert, wird sie kaum mehr belächelt: Die gewählten Parlamentarier legen am 30. November 2015 ihren Amtseid ab. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

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Schweizer Politiker bilden sich etwas darauf ein, normale Leute zu sein. Keine Personenschützer, keine Limousinen, dafür Geschichten von Regierungsmitgliedern, die mit wehender Krawatte dem abfahrenden Zug hinterherrennen.

Magdalena Martullo-Blocher rennt nicht. Sie steht nicht einmal auf. Im Saal des Nationalrats werden komplizierte Detailänderungen im Zivilgesetzbuch verhandelt, das Geläuf ist gross. Sie bleibt sitzen, studiert Akten. Wer etwas von ihr möchte, der kommt zu ihr. Es gibt Momente während der Debatte, da formiert sich eine kleine Schlange rund um ihr Pult.

Martullo-Blocher (48) ist eine Ausnahmeerscheinung unter den Nationalräten. Sie bewegt sich anders durch den Saal, durch die Wandelhalle. Kommt sie tatsächlich einmal ins Vorzimmer, wollen alle etwas von ihr. Vor allem Journalisten. Die verweist sie freundlich, aber sehr bestimmt an einen kleinen Mann in einem makellosen Anzug, der im Vorzimmer der SVP eine Art mobiles Büro aufgebaut hat. Mit Laptop und eigenem Drucker (ist sicherer so). «Patrick Vock – Persönlicher Mitarbeiter Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher» steht auf seiner Visitenkarte. Martullo selbst stellt ihn als «meinen Cousin» vor.

Sie löst sich vom Vater. Und wird ihm dabei immer ähnlicher.

Der Cousin (von der Blocher-Seite der Familie) bedauert, seine Chefin habe keine Zeit für ein Gespräch, nein, die ganze Woche nicht. Dann muss er rennen. Magdalena Martullo-Blocher hat sich in Richtung Lift begeben.

Als Martullo-Blocher 2015 in den Nationalrat gewählt wurde, wollte sie ihrem persönlichen Mitarbeiter einen Zugang zum Nationalratssaal verschaffen. Akten holen. Akten bringen. Man musste ihr erklären, so erzählt man sich, dass der Zutritt zum Saal den Gewählten vorbehalten ist. Geschäft hin oder her.

Video – Martullo-Blocher über ihre Kandidatur

Die Chefin des Industriekonzerns EMS Chemie und Tochter von Alt-Bundesrat Christoph Blocher erklärt im April 2015, warum sie in die Politik einsteigt. (Video: Tamedia)

Meist sitzt der Cousin nun also im Vorzimmer und nimmt dort ihre Aufträge entgegen. Immer busy, immer alert. Eine Unternehmerin an der Arbeit. Mit Mitte 30 hat Martullo-Blocher die Ems-Chemie von ihrem Vater Christoph übernommen und sie zu einer «Geldmaschine» («Bilanz») gemacht. Sie besitzt ein Vermögen von geschätzten 4 Milliarden Franken und bezieht Jahr für Jahr Dividenden im dreistelligen Millionenbereich. Dank ihr taucht die Familie Blocher in diesem Jahr zum ersten Mal unter den zehn reichsten Schweizern auf. Magdalena Martullo-Blocher besitzt fünfmal so viel Geld wie alle anderen National- und Ständeräte zusammen, hat die «Bilanz» ausgerechnet.

«Die Leute hören ihr zu»

Doch ihr Vermögen, das spielt in Bern keine Rolle. Umso leidenschaftlicher tuscheln Ratskollegen über ihre Sprache, ihren Ton, ihre Art. Jeder hat ein Müsterchen, jeder weiss eine Geschichte zu erzählen. Gerade diese Woche fuhr sie bei einem Anlass des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse den Referenten derart übers Maul, dass die Leute peinlich berührt waren. «Der Kasernenton macht die Zusammenarbeit mit ihr schwierig», sagt ein bürgerlicher Politiker, und auch in der Fraktion selber ist man froh, wenn man nicht in ihre Schusslinie gerät. «Der Raum ist ihr noch nicht so ergeben, wie das beim Vater war. Er war Gott. Aber die Leute hören ihr zu», sagt ein Fraktionskollege.

Blochers Tochter hat einen langen Weg hinter sich. Die «seven thinking steps» aus ihrem denkwürdigen Videoauftritt vor sieben Jahren haben es in den Schweizer Alltagswortschatz geschafft: You dreamer, you dream, du. Sie war das Gespött der Nation, selbst die Murmeltiere im Erfolgsmusical «Ewigi Liebi» machten sich lustig über sie. Und heute wird sie als ernsthafte Bundesratskandidatin gehandelt.

Sie hat sich selber ins Spiel gebracht – in Duktus und Wortwahl genau gleich wie der Vater. «Im Notfall würde ich das Amt in Betracht ziehen», sagte sie vorletzte Woche. Die Gespräche erschienen gleichzeitig im «SonntagsBlick» und in «Le Temps», die Botschaft sollte in der deutschen und der französischen Schweiz verkündet werden. An dieser Ansage lässt sich die politische Entwicklung der Magdalena Martullo-Blocher messen. «Sie hat lange davon gelebt, unterschätzt zu werden. Das ist nun vorbei», sagt eine bürgerliche Nationalrätin über sie.

Die Politik habe ihr Selbstvertrauen gegeben: Magdalena Martullo-Blocher. Foto: Peter Schneider/ Keystone

In ihrem Umfeld wird die Wandlung ebenfalls wahrgenommen. Als Kind sei sie, die Erstgeborene, scheu gewesen, ängstlich fast. Der Schatten des Vaters war gross. Noch heute, 14 Jahre nachdem sie an die Spitze der Ems-Chemie gelangte, sagen die Leute im Tal, sie gehen zu Blochers arbeiten, nicht zu Martullo. Es habe sie verletzt, dass man die Erfolge der Firma nicht ihr zugeschrieben habe, sagt eine Person, die sie gut kennt. «Jetzt, wo sie physisch in Bern anwesend ist, merken die Menschen, dass sie es selber ist, die diese Leistung bringt.» Die Politik habe ihr Selbstvertrauen gegeben.

Um sich von Christoph Blocher zu emanzipieren, hat es eben nicht gereicht, ihn als Unternehmerin zu überflügeln und die Firma so reich zu machen, wie sie noch nie war. Um wirklich aus seinem Schatten zu treten, musste sie dorthin, wo ihr Vater am grössten, am mächtigsten war. Nach Bern.

Kein Platz für Zwischentöne

Innerhalb von zwei Jahren hat sie sich hier einen eigenen Namen gemacht. Und egal, wie oft sie über das Parlament herzog, über die Zeitverschwendung da oben, die «Berufspolitiker» in den Reihen neben und hinter ihr: Die zwei Jahre im Bundeshaus haben gezeigt, dass sie die Politik ernst nimmt. So ernst, dass ein Linker wie Beat Jans (SP) sagt: «Ihr einziges Ziel ist es, ihren Reichtum mithilfe der Politik zu vermehren.»

Diese Art von Kritik ist als Kompliment zu deuten. In der Wirtschaftskommission, wo sie gemeinsam mit Jans sitzt, gab sie die SVP-Linie bei der Beratung der Unternehmenssteuerreform III vor. Wenn nun bald die nächste Reform verhandelt wird – unter dem Namen «Steuervorlage 17» –, dürfte sie eine ähnlich prägende Rolle spielen. Dass es einen Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungsinitiative gibt, ist auch ihr zu verdanken: Sie hat höchstselbst in der Wandelhalle dafür geweibelt. «Sie arbeitet sehr gewissenhaft», sagt CVP-Parteipräsident Gerhard Pfister. «Sie kennt ihre Dossiers in- und auswendig», ihr Banknachbar Thomas Hurter (SVP).

Ihr fehlt das Bäurische, das Volkstümliche ihres Vaters.

Sie könne auch lustig sein, sagt Hurter, gesellig sogar. Davon bekommt die Öffentlichkeit allerdings wenig mit. Ihr fehlt das Bäurische, das Volkstümliche ihres Vaters, sein Hang zur grossen Erzählung, zur Geste. Sie ist rational: Was nützt mir? Was nicht? Wo halte ich mich besser raus? Blocher senior, das ist Gotthelf und Anker und die historischen Linien. Martullo-Blocher, das ist Business-English und Aktenberge und ein kleiner Mann mit einem portablen Drucker.

Dass da wenig Platz bleibt für Zwischentöne – geschenkt. Sie kann es sich erlauben. Auch wenn sie ihren Wählern in Graubünden auf die Füsse tritt. «Öffentliche Kritik an ihr ist in meinem Kanton sehr selten», sagt ein Nationalrat aus Graubünden. «Die Ems-Chemie ist der grösste private Arbeitgeber im Kanton. Leute aus allen Parteien arbeiten da.»

Als die Bündner Regierung ihre Parlamentarier jüngst bei einem Treffen vor der No-Billag-Initiative warnte, sagte sie nur: Der Markt werde es schon richten. Ob sie dereinst das Gleiche zu den Bauern sagen wird, den Stammwählern ihrer Partei? Ihr Vater hat es stets geschafft, sein globales Unternehmertum in Einklang zu reden mit der Angst der Landwirtschaft vor dem Freihandel. Er war zuerst Politiker und dann Unternehmer. Bei ihr ist es umgekehrt.

Ob das so bleiben wird? Ihre Kandidatur für den Nationalrat sei eine Reaktion auf jene von Roger Köppel gewesen, heisst es in der SVP. Man spricht von einem Dreikampf um die Nachfolge des Patriarchen: der junge Fraktionschef Thomas Aeschi, «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel und sie, Magdalena Martullo-Blocher. Ihre Ankündigung, im «Notfall» für den Bundesrat zu kandidieren, ist auch so zu lesen. Sie löst sich vom Vater, sie entfernt sich. Und wird ihm dabei immer ähnlicher.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.12.2017, 18:56 Uhr

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