Ärger über Andermatts Staatsmillionen

Konkurrenzorte kritisieren, dass das Projekt von Samih Sawiris 50 Millionen Franken vom Staat erhält. Sie fürchten eine «staatlich subventionierte» Umverteilung der Skigäste.

Soll durch Skilifte erschlossen werden: Oberalppass in der Surselva im Kanton Graubünden.

Soll durch Skilifte erschlossen werden: Oberalppass in der Surselva im Kanton Graubünden. Bild: Beat Brechbühl/Franca Pedrazetti/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Samih Sawiris hat einen Traum. «Andermatt ist die jüngere Schwester von St. Moritz und Zermatt», sagte er einmal im Kommunikationsbranchenblatt «Persönlich». Was das Skigebiet angeht, ist die Vision auf gutem Weg, bald Realität zu werden: Vergangene Woche haben die Umweltverbände ihre Einsprachen gegen den massiven Ausbau der Skiinfrastruktur zurückgezogen, sodass im Herbst die Bauarbeiten starten können.

Mit künftig 24 Skiliften, Gondel- und Sesselbahnen auf 120 Pistenkilometern wird das Angebot mehr als verdoppelt. Die Umsetzung der neuen Skiarena erfolgt in zwei Phasen. Die erste Phase bis 2015 beinhaltet Investitionen in der Höhe von 134,6 Millionen Franken.

Beteiligung mit rückzahlbarem Darlehen

Anfang Juni wurde bekannt, dass der Ausbau massgeblich mit Steuergeldern finanziert wird: Der Bund beteiligt sich mit einem rückzahlbaren Darlehen in der Höhe von 40 Millionen Franken, die Kantone Uri und Graubünden bezahlen 5 respektive 3 Millionen Franken als A‑fonds-perdu-Beiträge.

Begründet wird die Staatshilfe mit der Neuen Regionalpolitik (NRP) San Gottardo 2020. «Damit unterstreichen Uri, Graubünden, Tessin und Wallis ihren Willen, das Gotthardgebiet gemeinsam zu einem zusammenhängenden Lebens- und Wirtschaftsraum zu entwickeln», so die Pressemitteilung. Mit Andermatt erhalte die Region ein international marktfähiges Skigebiet.

Des einen Freud ist des anderen Leid. Während der ägyptische Milliardär fast halb geschenkt ein topmodernes Skigebiet erhält, erwächst den übrigen Schweizer Skigebieten eine ernsthafte Konkurrenz. «Da das Skigeschäft kein Wachstumsmarkt mehr ist, entsteht mit dem neuen Skigebiet in Andermatt eine schweizweite, staatlich subventionierte Umverteilung der Skigäste», sagt Markus Hasler, Direktor der Bergbahnen Zermatt. Ähnlich tönt es aus Grindelwald: «Wenn die öffentliche Hand jetzt so stark eingreift, gibt das eine Verzerrung.»

Engelberg droht mit der Weko

Noch eine Spur deutlicher wird der Finanz­chef der Bergbahnen Davos Klosters, Yves Bugmann: «Uns ist es schleierhaft, wie es Samih Sawiris jedes Mal gelingt, die öffentliche Hand um den Finger zu wickeln. Mit der staatlichen Finan­zierung des Andermatter Skigebietes lehnt sich der Bund stark aus dem Fenster. Mir ist kein vergleichbarer Fall in der Schweiz bekannt.»

Eine Einschätzung, die vom Walliser Volkswirtschaftsdirektor Jean-­Michel Cina geteilt wird: «Unsere Skigebiete erhalten auch seit Jahren zinslose Dar­lehen vom Kanton. Aber die Höhe der staatlichen Unterstützung in Andermatt ist schon einzigartig.» Die am Projekt San Gottardo 2020 beteiligten Kantone Wallis und Tessin leisten zwar keine finan­ziellen Beiträge, sind aber mit der Unterstützung durch NRP-Fördermittel einverstanden. Nicht zuletzt deshalb sieht der Walliser Staatsrat die drohende Konkurrenz aus der Innerschweiz nicht so dramatisch: «Zermatt ist so einzigartig, dass es Andermatt nicht als Konkurrenz fürchten muss.»

Mit der neuen Andermatter Skiarena wird Engelberg als grösstes Skigebiet der Zentralschweiz abgelöst. Entsprechend alarmiert ist man in Obwalden: «Die Unterstützung kleinerer Regionen macht aus politischer Sicht durchaus Sinn. Hingegen ist es falsch und stark wettbewerbsverzerrend, wenn Staatsgelder für den Aufbau weiterer massiver Über­kapazitäten für mittlere und grosse Gebiete wie Andermatt verwendet werden», erklärt Norbert Patt, Geschäftsführer der Titlis Rotair. Und: «Wir prüfen zurzeit, ob wir bei der Wettbewerbskommission intervenieren sollen.»

«Brot und Arbeit» für den Kanton

Seitens der Orascom-Tochter-Firma Andermatt Swiss Alps wollte man sich nicht zur Kritik aus den anderen Wintersportorten äussern und verwies auf den Kanton Uri. Wenig überraschend ist man in Altdorf erfreut über die staatliche Geldspritze: «Bereits jetzt ist eine Entwicklung in Andermatt zu erkennen. Das Tourismusresort und die Skiarena werden Brot und Arbeit in den Kanton bringen», sagte der Urner Volkswirtschaftsdirektor Urban Camenzind in der Lokalpresse.

Damit die staatliche Investitionshilfe nicht zu einem Strohfeuer verkommt, will Andermatt Swiss Alps rund 6000 Skigäste – doppelt so viele wie heute – anlocken. Doch selbst wenn dieses ehrgeizige Ziel realisiert werden kann, zweifelt die Konkurrenz an der Rentabilität Andermatts. «Um Andermatt finanziell nachhaltig betrieben zu können, braucht es täglich 10 000 Skigäste», so Markus Hasler von den Bergbahnen Zermatt. Folglich stellt sich die Frage, ob die Darlehen jemals zurückgezahlt werden.

Beim für das NRP-Programm verantwortlichen Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) versteht man die Kritik nicht. Der Gotthard habe für die Schweiz eine besondere Bedeutung, da er wichtige Leistungen für die Schweiz erbringe. Er stehe zudem vor grossen Herausforderungen, etwa durch die Abwanderung der Bevölkerung oder den Rückzug des Militärs. «Der Bund hat deshalb eine spezielle Mitverantwortung für die Entwicklung des Gotthards übernommen», sagt Seco-Sprecherin Antje Baertschi.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2013, 06:42 Uhr

Bildstrecke

Artikel zum Thema

Umweltverbände akzeptieren Sawiris Skigebiet

Als «Hintertür für weitere Pisten» bezeichneten Umweltverbände den Zonenplan für das Skigebiet Andermatt-Sedrun. Nun hat die Urner Regierung Auflagen gemacht – und Investor Sawiris kann bauen. Mehr...

Der Verlust von Orascom hat sich fast verfünffacht

Samih Sawiris' Bau- und Hotelkonzern ist schlecht ins neue Jahr gestartet. Der Verlust des Unternehmens wuchs im Vergleich zum Vorjahresquartal deutlich. Die Börse reagierte sofort. Mehr...

Sawiris stoppt alle Neubauten in Ägypten

Seit die Islamisten am Nil an der Macht sind, fühlt sich die christliche Unternehmerfamilie Sawiris nicht mehr sicher. Samih Sawiris, Chef des Ressorts in Andermatt, schliesst eine Auswanderung nicht mehr aus. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Blog

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Wintereinbruch: Schafe grasen im Schnee nahe Loch Tay Perthshire, Schottland, Grossbritannien (10. Dezember 2017).
(Bild: Russel Cheyne) Mehr...