Ärzte wollen ihren Präsidenten nicht einmal mehr im Vorstand

Jacques de Haller hätte gleichzeitig SP-Nationalrat und FMH-Präsident sein wollen. Nun ist er weder noch und muss das oberste Ärztegremium verlassen.

Zu viele Kollegen hat er in seinen acht Jahren als Präsident gegen sich aufgebracht: Jacques de Haller.

Zu viele Kollegen hat er in seinen acht Jahren als Präsident gegen sich aufgebracht: Jacques de Haller. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es scheint, als habe sich das Ärzteparlament weniger für einen neuen FMH-Präsidenten entschieden als vielmehr gegen den Bisherigen Jacques de Haller und dessen offiziellen Herausforderer Urs Stoffel. So machte am Ende – ziemlich unvorbereitet – der Berner Hausarzt Jürg Schlup das Rennen.

Besonders heftig fiel die Klatsche für de Haller aus. Er schaffte bei der Wahl des Zentralvorstands (ZV) nicht einmal das absolute Mehr und darf im höchsten FMH-Gremium nicht mehr mittun. Entsprechend war es dem 59-jährigen nicht mehr möglich, wieder als Präsident zu kandidieren.

Erst dafür, dann dagegen

Zu viele Kollegen hat de Haller in seinen acht Jahren als Präsident gegen sich aufgebracht. Irritiert hat die Ärzte vor allem seine misslungene Kandidatur als SP-Nationalrat, seine Sympathien für die Einheitskasse sowie sein Engagement bei der Managed-Care-Vorlage, die am 17. Juni vors Volk kommt. Hier war de Haller erst vehement dafür, dann vehement dagegen – und hat damit gleich Gegner und Befürworter gegen sich aufgebracht.

Weniger klar ist, warum sich die Ärzte auch gegen dessen freisinnigen Herausforderer Stoffel ausgesprochen haben. Möglicherweise kostete ihn sein selbstbewusstes Auftreten Stimmen, ebenso wie seine Zürcher Herkunft. Stoffel ist seit über zehn Jahren in der Standespolitik tätig, amtierte unter anderem als Co-Präsident der kantonalen Ärztegesellschaften und ist seit 2002 Präsident der Zürcher Ärzte. Ihm fehlten vor allem Stimmen aus der Romandie. Bereits bei den Zentralvorstandswahlen lag Schlup vor Stoffel, weshalb sich der Berner entschloss, ebenfalls zu kandidieren, obwohl er es nicht geplant hatte.

Die FDP jubiliert

Als Schlup auch in den ersten zwei Wahlgängen der Präsidentenwahl deutlich besser abschnitt als Stoffel, zog sich der Zürcher zurück. Schlup sagt von sich, er verfolge dasselbe politische Credo wie Stoffel. Beide wollen die FMH zu einer Dachorganisation umbauen, wobei Schlup deutlich weniger konkret wird als Stoffel.

Auch gehören beide der FDP an. Diese hat gestern den Wechsel im FMH-Präsidium begrüsst. Jacques de Haller habe «mit seinem parteipolitisch getriebenen Zickzack-Kurs dem Ruf und der politischen Glaubwürdigkeit der Ärzteschaft grossen Schaden zugefügt» – etwa mit seiner scharfen Kehrtwende bei der Managed-Care-Vorlage, monierten die Freisinnigen per Medienmitteilung.

Froh, dass de Haller ganz weg ist

Bisherige und neue Zentralvorstandsmitglieder haben sich gegenüber dem TA erleichtert gezeigt, dass de Haller nicht als abgewählter Präsident im Vorstand verbleibt. «Das wäre für beide Seiten schwierig geworden», sagt Neu-Mitglied Christoph Bosshard.

Und was macht jetzt Urs Stoffel als «Nur-ZV-Mitglied»? Praktiziert er als Chirurg weiter? «Das ist noch offen und hängt davon ab, welches Ressort ich im Zentralvorstand übernehme», sagt Stoffel und ergänzt: «Ich bereue nicht, kandidiert zu haben. Ich werde nun versuchen, die FMH in die richtige Richtung weiterzuentwickeln.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2012, 06:25 Uhr

Jürg Schlup: Ab Dezember führt der Berner die Geschicke der Schweizerischen Ärzteverbindung FMH. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

Unerwartete Wahl für FMH-Präsidium

Rochade mit überraschendem Ausgang an der Spitze der Ärzteverbindung FMH: Präsident Jacques de Haller wurde von den Mitgliedern abgewählt – ersetzen wird ihn aber nicht der vermeintliche Sprengkandidat. Mehr...

Verwirrendes Hin und Her

Hintergrund FMH-Präsident Jacques de Haller war zuerst für Managed Care und ist jetzt dagegen. Gesundheitsminister Alain Berset war dagegen, jetzt ist er dafür. Die Positionswechsel von Meinungsmachern verwirren. Was steckt dahinter? Mehr...

Intrigantenstadel Ärzteverbindung

Hintergrund Auf der Bühne kämpft die Ärzteverbindung gegen die Abstimmungsvorlage Managed Care – während hinter den Kulissen ein Machtkampf um Einfluss, Kompetenzen und Transparenz tobt. Mehr...

Blog

Kommentare

Paid Post

Mit Swissôtel das SOS-Kinderdorf unterstützen

Mit jedem Kommentar und jedem «Share» dieses Artikels wird die Spende von Swissôtel im Namen der Mamablog-Community ans SOS-Kinderdorf erhöht. Helfen Sie mit!

Die Welt in Bildern

Haben sich an ihren Lebensraum angepasst: Vier ausgewachsene Antilopen und ein Junges laufen in der Wüste Rub Al-Khali in Saudiarabien über den trockenen Boden. (19. Dezember 2018)
(Bild: VALDRIN XHEMAJ) Mehr...