AfD-Spende aus Zürich: Es war ein SVP-Gönner

Jetzt ist klar, wer Alice Weidel mit 150'000 Franken unterstützt hat. Unsere Recherche führt zu einer Milliardärsfamilie.

2017 ging ein 150'000-Franken-Zustupf aus der Schweiz an die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel.

2017 ging ein 150'000-Franken-Zustupf aus der Schweiz an die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel. Bild: Joachim Herrmann/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Henning – wer? Das fragten sich britische Journalisten, als sie entdeckten, dass ein schweizerisch-deutscher Immobilienunternehmer nach und nach einige der bekanntesten und historisch wertvollsten Gebäude Londons gekauft hatte. Ihr Wert soll heute rund 2,5 Milliarden Pfund betragen. Doch der Familienname Conle war so unbekannt, dass ihn die Briten nicht einmal richtig schreiben konnten.

Henning – wer? Das werden sich auch jene Staatsanwälte in Deutschland und der Schweiz fragen, welche die Spenden aus Zürich an prominente Exponenten der deutschen Rechtspartei AfD untersuchen.

Henning Conle: Das ist jener Mann, den die Journalisten des Rechercheverbunds von WDR, NDR, «Süddeutscher Zeitung» und Tamedia jetzt als jenen mysteriösen Spender identifizieren konnten, der hinter dem 150'000-Franken-Wahlkampf-Zustupf steht, der 2017 aus der Schweiz an die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel ging.

Damit scheint ein Rätsel gelöst, mit dem sich viele Reporter in Deutschland und in der Schweiz fast ein halbes Jahr lang beschäftigt haben. Im November wurde die Spende an Weidel bekannt. Überwiesen worden waren die 150'000 Franken in mehreren Tranchen über ein Konto der Firma PWS des Zürcher Apothekenbesitzers Kurt Häfliger.

«100'000 im Hosensack»

Häfliger hielt die Identität des Spenders damals geheim – und tut es bis heute. Über seinen damaligen Rechtsvertreter liess er dieser Zeitung ausrichten, der Geldgeber sei «ein reicher Mann vom Zürichberg», der nicht genannt werden wolle. Für diesen Mann sei der Betrag nicht viel Geld, er trage «100'000 im Hosensack herum».

In Deutschland begannen sich jedoch die Bundestagsverwaltung und die Staatsanwaltschaft Konstanz für die Identität des Geldgebers zu interessieren. Parteispenden aus einem Nicht-EU-Land wie der Schweiz sind nach deutschen Gesetzen nämlich verboten, wenn sie mehr als 1000 Euro betragen.

Auf dieser Liste stimmte so gut wie gar nichts.

Häfliger schickte kurz vor Weihnachten eine Liste mit 14 Namen angeblicher Spender an die AfD, welche sie an die Bundestagsverwaltung weiterleitete. Allerdings stimmte auf dieser Liste so gut wie gar nichts. Die Spendenbeträge waren falsch, und die angeblichen Spender entpuppten sich schnell als Strohmänner, die nur ihre Namen hergaben und gemäss eigenen Angaben zum Teil sogar dafür bezahlt wurden.

Dies gibt nun auch der gelernte Drogist Häfliger zu. Sein neuer Anwalt Valentin Landmann sagt: «Es trifft zu, dass auf dieser Liste im Wesentlichen Leute stehen, die nicht die Spender sind. Herr Häfliger fühlte sich nicht der Wahrheit verpflichtet und hat darum einen Mist unterzeichnet.»

Ein «etablierter Geschäftsmann»

Landmann, der eben für die SVP in den Zürcher Kantonsrat gewählt wurde, will den Namen des wahren Spenders ebenfalls nicht preisgeben. Der bekannteste Strafverteidiger der Schweiz verrät nur: Der Geldgeber sei ein Bekannter Häfligers, ein «ebenfalls sehr etablierter Geschäftsmann, deutscher Bürger», der aus geschäftlichen Gründen nicht persönlich auftreten wolle. Illegal sei aber nichts an der Sache.

Der schweizerisch-deutsche Rechercheverbund konnte den schwerreichen AfD-Unterstützer nun wegen einer weiteren Achtlosigkeit in den schriftlichen Auskünften des Apothekenbesitzers vom Zürichberg nach Berlin ausfindig machen. Dies gelang über einen Umweg nach Belgien. Auf der Strohmännerliste, die Häfliger einreichte, stehen 13 Personen aus Deutschland und ein Belgier; Philippe M., der für eine Immobilienfirma in Antwerpen arbeitet. Als ihn TV-Reporter von WDR und NDR aufsuchten, erzählte M., er sei von «einem Mann aus der Schweiz» gebeten worden, seinen Namen zur Verfügung zu stellen.

Recherchen in belgischen Firmenregistern zeigten: Die Firma, für die M. arbeitet, gehört Henning Conle senior und junior. Die Familie Conle hat mehrere Wohnsitze in einer Privatstrasse auf dem Zürichberg, in unmittelbarer Nähe zur Apotheke von Kurt Häfliger.

Die SVP unterstützt

Weder Vater noch Sohn Conle waren in den Villen anzutreffen, und sie beantworteten auch schriftliche Anfragen des Rechercheverbunds nicht. Hausangestellte sprachen über die Familie in den allerhöchsten Tönen. Die Conles hielten sehr stark zusammen, sie seien sehr grosszügig und «spenden viel».

Bekannt ist ihr Engagement in der Schweizer Politik. Bei der 100-Jahr-Feier der SVP des Kantons Zürich vor zwei Jahren gehörte «Henning Conle, Zürich» zu den «grosszügigen Sponsoren», wie das Parteiorgan «Zürcher Bote» dankend vermeldete. Auf der Spenderliste der Jubiliäumsfeier taucht der Name neben Parteigrössen wie den Nationalräten Thomas Matter oder Roger Köppel und neben Christoph Blocher auf. Auch aufgeführt ist der langjährige SVP- und AfD-Werber Alexander Segert aus Andelfingen ZH, der in der AfD-Spendenaffäre eine zentrale Rolle spielt.

Den Conles gehört die Zürcher Immobilienverwaltung Miwo, die über 2500 Mietwohnungen in der Schweiz betreut.

Ob Vater und Sohn Conle SVP-Mitglieder sind, liess sich nicht in Erfahrung bringen. Der Junior zumindest, der auch sporadisch an Schweizer Schiesswettbewerben teilnimmt, scheint mehr als Sympathien für die Partei zu haben. Ende 2014 war er für einen Ausflug der SVP Stäfa ins Toggenburger Restaurant des damaligen SVP-Präsidenten Toni Brunner angemeldet. Zum Unterhaltungsabend «in geschlossener Gesellschaft» mit Willis Wyberkapelle wollte er gemäss Teilnehmerliste im Car anreisen.

Auch ausserhalb der SVP hatten viele Schweizerinnen und Schweizer schon mit der Familie zu tun. Den Conles gehört die Zürcher Immobilienverwaltung Miwo, die über 2500 Mietwohnungen in der Schweiz betreut. «Es ist eine der grösseren und bekannten Verwaltungen», bestätigt der Sprecher des Zürcher Mieterinnen- und Mieterverbands, Walter Angst. Sie falle aber weder positiv noch negativ auf: «Business as usual.»

Vorwürfe in Deutschland

Das war in Deutschland teilweise anders: Dort berichteten die Medien über die Familie Conle vor allem in Zusammenhang mit Vorwürfen von überhöhten Mieten, verfallenen Häusern und der Einschüchterung von Mietern. Möglich ist, dass die zum Teil öffentlich geführten Auseinandersetzungen die Conles zur Unterstützung rechter Parteien geführt haben.

Ursprünglich liess sich die Conle-Sippe politisch links verorten. Den Grundstein ihres Immobilienimperiums legten die Brüder Heinz und Kurt Conle in der Nachkriegszeit im Ruhrpott. Laut damaligen Berichten im «Spiegel» stiegen sie mithilfe sozialdemokratischer Genossen zu «SPD-Baumillionären» auf. Gleichzeitig beteiligte sich Kurt Conle an der privaten Fluglinie LTU, die vor dem Grounding zur Swissair gehörte und später von der Air Berlin übernommen wurde.

Sein Bruder Heinz ist der Vater des geheimen AfD-Unterstützers Henning Conle senior, der das Immobiliengeschäft erst auf Hamburg und Berlin ausdehnte, dann auf die Schweiz und Grossbritannien. Und auch er hat seine Familie ins Geschäft eingebunden. Der Sohn leitet die Miwo in Zürich, die Tochter eine britischen Firma namens Scampi Kingdom. Die wertvollsten Immobilien in London, wie etwa das Shell Mex House, das Kaufhaus Liberty oder die Kensington Roof Gardens, kaufte die Familie Conle laut Medienberichten in Grossbritannien und Deutschland über die Liechtensteiner Anstalt Sirosa.

Die «Bilanz» gibt das Vermögen der Conles mit 1 bis 1,5 Milliarden Franken an, für die Aufnahme der Eheleute Conle in das Zürcher Bürgerrecht habe die Gemeinde 49'000 Franken in Rechnungen gestellt.

Unterschiedliche Rechtslage

Im Gegensatz zu seiner Gattin und seinem gleichnamigen Sohn, die Einkommen beziehungsweise Vermögen von Dutzenden Millionen versteuern, hat Henning Conle senior sein Steuerdomizil nicht in der Stadt Zürich. Sein Wohnsitz und seine Staatsbürgerschaft könnten in der AfD-Steueraffäre noch eine zentrale Rolle spielen. In Deutschland sind Parteispenden von Nicht-EU-Bürgern illegal.

«Es war einfach ein Quatsch in einem Brief»: Anwalt Valentin Landmann. Foto: Keystone

In der Schweiz muss wegen der AfD-Unterstützung alleine niemand eine Strafverfolgung befürchten. Das Spenden an Parteien, auch an ausländische, ist hier kein Delikt. Die Zürcher Staatsanwaltschaft leistet aber den Konstanzer Kollegen Rechtshilfe. Der Zürcher Apothekenbesitzer Häfliger soll als Zeuge befragt werden. Es geht dabei nicht um die Überweisungen für Alice Weidel an sich. Im Vordergrund steht der Vorwurf der Urkundenfälschung, weil Häfliger eine Liste mit falschen Spendernamen verschickt habe.

Sein Rechtsvertreter Valentin Landmann zweifelt jedoch, dass diese Anschuldigung gerechtfertigt sei. Sein Mandant habe zwar eine falsche Auskunft unterschrieben, sagt Landmann: «Ich sehe das aber nicht als Urkunde an. Es war einfach ein Quatsch in einem Brief.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.04.2019, 17:00 Uhr

Artikel zum Thema

Zürcher Behörden ermitteln gegen AfD

Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat ein Rechtshilfegesuch genehmigt. Es geht um ein Verfahren unter anderem gegen die Politikerin Alice Weidel. Mehr...

Bericht: Schweizer Spenden auch an AfD-Chef

Parteichef Jörg Meuthen soll von denselben Einzelspendern profitiert haben wie Alice Weidel – darunter eine Firma aus Zürich. Mehr...

Spendenaffäre Weidel: Deutschland bittet Schweiz um Rechtshilfe

Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft überprüft nun, ob die Sachverhalte auch in der Schweiz strafbar wären. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Bereit für die Ferien?

Die Ferien sind gebucht, die Vorfreude gross – doch was ist mit Impfungen oder Medikamenten? Mit einer Reiseberatung ist man sicher gut gewappnet.

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...