Hintergrund

Air Zermatt zu wenig kontrolliert: Leuthards Departement rügt eigenes Amt

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt hat in einem Fall umstrittener Helikopterlandungen ob Zermatt seine Aufsichtspflicht verletzt.

Viele offene Fragen: Ein Helikopter der Air Zermatt im Einsatz. (Archivbild)

Viele offene Fragen: Ein Helikopter der Air Zermatt im Einsatz. (Archivbild) Bild: Keystone

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Die Liste der offenen Fragen ist lang. Wann genau und wie oft sind die Helikopter beim Berghotel Trift ob Zermatt gelandet? Wie viele Passagiere waren an Bord? Wer bezahlte den Flug? Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) hat unter anderem diese Punkte nicht oder zu wenig genau abgeklärt und ist seiner Aufsichtspflicht somit «nicht in genügender Weise» nachgekommen. Dieses Fazit zieht das Verkehrsdepartement (Uvek) von Doris Leuthard (CVP) in einem Schreiben, das dem TA vorliegt. Adressat ist die Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness, die im Mai beim Uvek eine Aufsichtsbeschwerde gegen das Bazl eingereicht hat.

Entzündet hat sich der Streit im April 2011, nachdem die Air Zermatt auf den offiziellen Gebirgslandeplatz Äschhorn (3560 m ü. M.) geflogen war. An Bord befanden sich nebst Bergführern und Heliskiing-Touristen zwei NZZ-Journalisten für eine Reportage, die am 23. April 2011 in den Artikel «Höhenflug in den Tiefschnee» mündete. Die Gruppe fuhr bis zum Berghotel Trift (2337 m ü. M.) hinunter und wurde dort vom Helikopter für einen zweiten Gipfelflug aufgenommen. Diese Landung bezeichnet Mountain Wilderness als illegal, weil das Gelände beim Hotel Trift kein offizieller Gebirgslandeplatz ist. Die Air Zermatt hingegen spricht wie das Bazl von einem Arbeitsflug, der eine solche Landung anders als bei Flügen zu touristischen Zwecken erlaube. Die Alpenschützer gelangten daraufhin ans Bazl und erhielten ihrer Ansicht nach keine fundierten Informationen zu den Flügen – eine Einschätzung, die das Uvek teilt: Die Air Zermatt habe keine genaueren Angaben zu den vermuteten illegalen Landungen gemacht. Das Bazl hätte sich damit nicht begnügen dürfen. Mit anderen Worten: Für eine rechtlich seriöse Beurteilung fehlen wichtige Fakten. Wäre zum Beispiel klar, dass die Heliskiing-Touristen den Flug selber bezahlt haben, dürfte die These vom reinen Arbeitsflug ins Wanken geraten.

Alpenschützer üben Kritik

Einschneidende Folgen hat das Versäumnis für das Bazl nicht. Der Entscheid des Uvek beziehe sich einzig auf den vorliegenden Fall, weitergehende Massnahmen seien deshalb nicht angezeigt, schreibt das Uvek auf Anfrage des TA: «Wir haben keinerlei Anzeichen dafür, dass das Bazl der Pflicht zur Sachverhaltsabklärung wiederholt nicht in genügender Weise nachgekommen wäre.»

Das Uvek fordert das Amt bloss dazu auf, Fälle dieser Art künftig «umfassend» abzuklären, bevor es sie rechtlich abschliessend beurteile. Ob es den Fall Trift neu aufrollt, überlässt Leuthards Departement dem Bazl. Dessen Sprecher Urs Holderegger sagt, man prüfe die neue Ausgangslage. Nichts ändern wird sich aber an der Einschätzung des Bazl, dass es sich um einen Flug im Auftrag der NZZ, also um einen Arbeitsflug gehandelt habe: Es sei weder ein Ausbildungs- noch ein Flug zu touristischen Zwecken gewesen, sagt Holderegger. «Folglich war es ein Arbeitsflug.» Landungen ausserhalb der bezeichneten 42 Gebirgslandeplätze in der Schweiz seien bei Arbeitsflügen unvermeidlich, sagt er und nennt als Beispiel Forscher, die für ihre wissenschaftliche Arbeit auf Gletschern abgesetzt werden müssten.

Trotz der Rüge für das Bazl zeigt sich Mountain Wilderness nicht zufrieden. «Das Bazl muss endlich beweisen, dass es seine Aufsichtspflicht korrekt wahrnimmt», sagt Rolf Meier, der die Kampagne «Stopp Heliskiing» leitet. Ansonsten sei ihm diese zu entziehen. Das Uvek verwahrt sich gegen den Vorwurf, dem Bazl nur eine Rüge für die Galerie zu erteilen und so letztlich die Air Zermatt zu schonen. Leuthards Departement betont, es habe die Aufsichtsbeschwerde korrekt beurteilt. Dieses Instrument sei kein Rechtsmittel, um einen Entscheid beim Uvek strafrechtlich anfechten zu können. Ob Gesetzesverstösse der Air Zermatt vorliegen, war deshalb nicht Gegenstand seines Entscheids, wie das Uvek erklärt. Damit will sich Mountain Wilderness nicht begnügen. Die Alpenschützer klären nun ab, ob rechtliche Schritte gegen die Air Zermatt möglich sind, und erwägen, den Fall an die Geschäftsprüfungskommissionen des Parlaments in Bern weiterzuleiten.

Air Zermatt bereits 2005 gebüsst

Eine Strafe für die Air Zermatt wäre keine Premiere. 2005 wurde die Helikopterfirma respektive ihr Verwaltungsratspräsident und zehn Piloten vom Bazl mit total rund 20'000 Franken gebüsst. Dies, weil ihre Helis während Jahren und in erheblichem Ausmass Heliskiing-Gäste illegal aufgenommen hatten – beim Berghotel Trift. Die Alpenschützer werten es vor diesem Hintergrund als Provokation, dass das Bazl im Rahmen der laufenden Überprüfung sämtlicher Gebirgslandeplätze just diesen Standort als neuen offiziellen Landeplatz vorschlägt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2013, 20:10 Uhr

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