Allah und der Standhafte

Weil er nicht an Gott glaubt, wird Kacem El Ghazzali mit dem Tod bedroht. Doch der 20-jährige Marokkaner, vorläufig in der Schweiz aufgenommen, bloggt weiter.

Der marokkanische Blogger Kacem El Ghazzali will nur eines: Endlich frei leben.

Der marokkanische Blogger Kacem El Ghazzali will nur eines: Endlich frei leben. Bild: Daniel Kellenberger

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Wenn er lacht, sieht er jünger aus als seine 20 Jahre, wenn er redet, klingt er älter. Er sieht gut aus mit seinem schmalen Gesicht, den dunklen Haaren und Augen, und er weiss es. Er geniesst auch das Interesse an seiner Person und seinen Ansichten. Aber seine Ausstrahlung reicht über das Äussere hinaus. Und die Aufmerksamkeit hat dem jungen Blogger nicht nur Vorteile gebracht. Sonst lebte Kacem El Ghazzali noch im marokkanischen Dorf Bouderbala als Gymnasiast bei seiner Familie. Und müsste sich nicht in einem Ostschweizer Dorf als Flüchtling verstecken bei Freunden, die er kaum kennt.

Das Recht des freien Glaubens

Kacem, wie er sich vorstellt, wirkt sanft für einen, der Unzählige provoziert hat, der als Ungläubiger beschimpft, geschlagen und mit dem Tod bedroht wurde. Konzentriert sitzt er am Tisch in einer kahlen, leeren Wohnung, in der ihn ein Schweizer Blogger untergebracht hat, Daniel Stricker von der Organisation Freidenker.tv. Kacem spricht ein vorzügliches Englisch, ausserdem Französisch, Arabisch und Berberisch. Seine liebsten Schulfächer sind Philosophie und Mathematik. Per Fernkurs holt er derzeit die Matur nach und hofft, von der Schweiz definitiv als Flüchtling anerkannt zu werden; am 3. Februar 2011 hat ihm das Bundesamt für Flüchtlinge die vorläufige Aufnahme zuerkannt, Ende Juni ist die nächste Befragung anberaumt.

Demnächst möchte Kacem die arabischen Blogger zu einer Organisation bündeln, später Deutsch lernen und in der Schweiz internationales Recht studieren. Die Gleichheit des Rechts sei ihm am wichtigsten, sagt er: «Bei allem, was ich denke und schreibe und tue, geht es mir um die Menschenrechte.» Dazu gehört für ihn das Recht des freien Glaubens und vor allem: die Freiheit, an keinen Gott glauben zu müssen.

«Wissen und Sex für alle»

Was er möchte, statt zu müssen, beschreibt Kacem in seinem Facebook-Profil, und dort klingt er genauso jung, wie er ist. Zum Stichwort «politische Einstellung» etwa notiert er: «Wissen und Sex für alle.» Ausserdem bezeichnet er sich als Feminist, der gegen Kriege sei, Religionen und den Islam. «In Marokko lesen wir von der Freiheit», schreibt er, «aber wir haben keine.» Wer am Islam zweifelt, macht sich nach dem marokkanischen Gesetz strafbar, weil er damit den König infrage stellt.

Millionen arabischer Jugendlicher seiner Generation, sagt Kacem, hätten genug von der islamischen Gesellschaft und Politik; der Atheismus sei «die am stärksten wachsende Überzeugung der arabischen Jugend». Kacem versteht ihn als Ausdruck einer Emanzipation, der Forderung nach einem freien Leben. «Dank den neuen Medien erfahren wir, dass wir nicht alleine sind. Und wir werden immer mehr, auch wenn wir uns nur heimlich treffen können.» Auf seine Blogs bekomme er begeisterte, wenn auch nur heimliche Reaktionen aus Pakistan, Saudiarabien und dem ganzen nordafrikanischen Raum.

Arabische Heuchelei

Dabei war gerade ihm, dem Ungläubigen, ein frommes Leben zugedacht. Kacem El Ghazzali entstammt einer sufistischen Berberfamilie. Sein Grossvater baute in seinem Dorf eine Moschee, sein Vater, ein Zahnarzt, wollte den Sohn zum Imam ausbilden lassen. Obwohl der Sufismus einen mystischen, undogmatischen Islam predigt, empfand Kacem die Religion von Kindesbeinen an als einengend und kontrollierend. Der harte Religionsunterricht und die tagelange Lektüre des Korans wurden ihm zur Qual. «Ich musste auswendig lernen», sagt er, «durfte aber keine Fragen stellen.» Auch fiel ihm die Heuchelei in seinem Land immer unangenehmer auf, den «schizophrenen Widerspruch», wie er es nennt, zwischen Geboten und Realität. So gäben viele Leute vor zu fasten, gleichzeitig tränken sie Alkohol.

Seine Erfahrungen machten ihn zum Atheisten. Und sie brachten ihn zur Überzeugung, der Islam sei «eine zutiefst intolerante Religion, und seine politischen Vertreter seien fanatisch und gefährlich». Da aber alle Religionen menschengemacht seien, findet er, sollte man ihre Gebote auch ändern können. Etwa das Gebot des Korans, Ungläubige unerbittlich zu verfolgen. «Wieso muss man um sein Leben fürchten, wenn man ein anderes Leben führen möchte?»

«Abschlachten wie ein Schaf»

Über solche Wünsche, Ansichten und Forderungen bloggte der junge Marokkaner anonym im Netz, bis seine orthodoxen Gegner seinen Namen herausfanden und publizierten. Im Oktober ging Kacem in die Offensive und gab einem arabischen, in Frankreich stationierten Fernsehsender ein Interview. Vier Tage später wurde er vom Rektor seiner eigenen Schule zusammengeschlagen, und seine Mitschüler bewarfen ihn mit Steinen. Kacem war drei Wochen verletzt, tauchte dann unter, hielt sich in marokkanischen Städten versteckt. Die Todesdrohungen häuften sich, auch auf seinem Handy, Unbekannte beschimpften ihn als Ungläubigen und Söldner des Westens, maskierte Männer zeigten sich im Internet, drohten ihn abzuschlachten wie ein Schaf.

Schliesslich suchte Kacem die Schweizer Botschaft auf, bekam nach einem vierstündigen Gespräch mit dem Botschafter ein Visum und reiste im März in Genf ein. Nach Zwischenhalten in Vallorbe und Romanshorn (siehe Kasten) kam er privat unter. Er vermisse Freunde und Familie, sagt er. Zwar hätten seine Eltern grosse Mühe, seine Überzeugung zu akzeptieren; dennoch sei das Verhältnis herzlich geblieben.

Skeptische Hoffnung

Weder den Einspruch der Eltern noch die Drohungen der Islamisten scheinen ihn von seiner Haltung abzubringen. Er wolle sich nicht verleugnen, jetzt erst recht nicht. «Schweigen heisst resignieren», sagt er, «und aus der Wut wird eine Depression.» Er müsse reden und anderen Mut zum Reden machen.

Was er von den Aufständen in Tunesien, Ägypten, Libyen oder Syrien halte, fragt man ihn. «Ich hoffe auf Besserung», gibt er zurück, «bin aber wenig optimistisch.» Dann hat er eine Frage: Was es mit dieser Schweizer Partei auf sich habe, SVP heisse sie und suche den Kontakt zu ihm: warum? Man erklärt es ihm. «Ach so», sagt er. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2011, 09:01 Uhr

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