Alle zwei Wochen gibt es in der Schweiz einen Frauenmord

Häusliche Gewalt endet regelmässig tödlich – fast immer für Frauen. Wie die Schweiz im europäischen Vergleich dasteht.

Einer von zahlreichen solchen Fällen: Ein Mann bringt im August 2011 seine Ehefrau in Pfäffikon um. Foto: Keystone

Einer von zahlreichen solchen Fällen: Ein Mann bringt im August 2011 seine Ehefrau in Pfäffikon um. Foto: Keystone

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«Mann tötet in Dietikon seine Frau», «Tötungsdelikt in Wädenswil», «Bluttat in Affoltern am Albis», «Drei Tote nach Geiselnahme in Wiedikon»: Diese Schlagzeilen über häusliche Gewalt schockierten in den letzten drei Monaten die Öffentlichkeit. Jedes Mal gehörten Frauen zu den Leidtragenden – und dabei handelte es sich nur um Fälle, die sich im Raum Zürich ereigneten.

Die Gefahr, zu Hause Opfer eines Verbrechens zu werden, ist für Frauen überall hoch. 2018 wurden im familiären Umfeld insgesamt 24 getötet, das heisst: Durchschnittlich gibt es in der Schweiz alle zwei Wochen einen Frauenmord. Seit Jahren bleibt diese Zahl ähnlich hoch. Männer sind deutlich weniger oft betroffen.

2018 waren 89 Prozent der Opfer weiblich und 11 Prozent männlich. Nimmt man den Durchschnitt der letzten zehn Jahre, sind diese Zahlen etwas tiefer, aber immer noch deutlich: In drei Viertel der Fälle handelt es sich beim Opfer um eine Frau.

Gleichzeitig ist der Täter fast immer ein Mann. Im vergangenen Jahr war das in 88 Prozent der Tötungsdelikte der Fall, über den längeren Zeitraum gesehen in 82 Prozent der Fälle. Dabei kann es sich um den Partner, den Ex-Freund, den Vater oder einen anderen Verwandten handeln.

Wie gross das Problem mit dem sogenannten Femizid in der Schweiz ist, hat unter anderem eine umfangreiche Studie des Bundesamts für Statistik (BFS) gezeigt. Demnach ist die Hälfte aller Tötungsdelikte zwischen 2009 und 2016 auf Gewalt im häuslichen Umfeld zurückzuführen. Europaweit ist es im Schnitt weniger als ein Drittel.

Laut Eurostat ist die Zahl der weiblichen Opfer zudem höher als in einigen westeuropäischen Ländern. Die Schweiz kam gemäss den aktuellsten Daten aus dem Jahr 2017 auf 0,4 Morde pro 100’000 Frauen. In Italien, Spanien, den Niederlanden oder auch England waren es weniger. Nimmt man die Opferzahl von 2018, ergibt sich für die Schweiz sogar ein Wert von 0,56. Damit läge sie noch vor den Nachbarn Frankreich und Deutschland.

Nicht in der Statistik erfasst sind die zahlreichen Opfer, die überlebt haben. In etwa zwei Drittel der Fälle in der Schweiz bleibt es glücklicherweise bei einer versuchten Tötung. Aber auch so ist die Regelmässigkeit, mit der solche Morde geschehen, noch erschreckend hoch.

Wie lässt sich das erklären? Laut der BFS-Studie gibt es verschiedene Erklärungsansätze: So sind Tötungsdelikte im häuslichen Bereich oft geplant und deshalb aus Sicht des Täters erfolgreich. Zudem besteht eine emotionale Bindung oder finanzielle Abhängigkeit zwischen den Beteiligten. Bei Anzeichen für eine Tat wird deshalb selten die Polizei eingeschaltet. Dabei gehen Tötungsdelikten im häuslichen Bereich oft Drohungen voraus, etwa vonseiten des Verlassenen. Eine Vielzahl der Taten wird in der Trennungsphase begangen.

«Einige Männer nehmen Frauen als ihr Eigentum wahr.»Lorella Bertani, Opferanwältin

In vielen Fällen gibt es auch Hinweise auf exzessive Macht- und Kontrollmotive des Täters, was sich zum Beispiel in Belästigung manifestiert und dann immer schlimmer wird. «Frauen werden von einigen Männern als ihr Eigentum wahrgenommen», sagte Lorella Bertani zur Zeitung «Le Matin Dimanche». Diese Idee werde leider auch in Musik, Film und Medien vermittelt, kritisierte die Anwältin, die sich auf die Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt spezialisiert hat. Bertani fordert mehr Präventionsarbeit, gerade bei jungen Männern.

Der Bundesrat hat kürzlich Massnahmen zum Schutz vor häuslicher Gewalt und Stalking beschlossen. Ab dem 1. Juli 2020 werden dem Opfer keine Gerichtskosten mehr auferlegt. Neu entscheidet die Strafbehörde und nicht mehr das Opfer, ob ein Verfahren eingestellt wird, womit vermieden werden kann, dass das Opfer unter dem Druck des Täters entscheidet. Zudem können Rayon- oder Kontaktverbote künftig mit elektronischen Armbändern oder Fussfesseln überwacht werden.

Erstellt: 29.08.2019, 16:01 Uhr

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